Marc Peschke | 29.03. – 14.05.2026 | Eröffnung: So, 12.03.2026; 11 Uhr
Am Sonntag, dem 29. März 2026, wird „passaggi“ um 11 Uhr offiziell eröffnet in der Katholischen Kirche St. Mauritius (Abeggstraße 37, 65193 Wiesbaden). Bis zum 14. Mai sind die Werke dort zu erleben, begleitet von einem spannenden Rahmenprogramm.
Wer sich auf diese Passagen einlässt, wird den Raum anders verlassen, als er ihn betreten hat. Und vielleicht ist genau das der Anfang eines Dialogs.
Zwischen den klaren Linien des brutalistischen Kirchenraums von St. Mauritius in Wiesbaden öffnet sich ein unerwarteter Erfahrungsraum: Mit ihrer Ausstellung „passaggi“ verwandelt die Münchner Künstlerin Elisabeth Heindl den sakralen Ort in eine Choreografie aus Farbe, Licht und Bewegung. Was hier geschieht, ist mehr als eine Ausstellung: es ist ein Angebot, sich selbst in der Bewegung durch den Raum neu zu begegnen.

Zwischen den klaren Linien des brutalistischen Kirchenraums von St. Mauritius in Wiesbaden öffnet sich ein unerwarteter Erfahrungsraum: Mit ihrer Ausstellung „passaggi“ verwandelt die Münchner Künstlerin Elisabeth Heindl den sakralen Ort in eine Choreografie aus Farbe, Licht und Bewegung. Was hier geschieht, ist mehr als eine Ausstellung: es ist ein Angebot, sich selbst in der Bewegung durch den Raum neu zu begegnen.
Der Titel ist dabei alles andere als beiläufig gewählt. „Passaggi“, das italienische Wort für Passagen, Übergänge, Durchgänge, benennt präzise, worum es Heindl geht: um das Dazwischen, das Unterwegssein, den Moment der Verwandlung. Nicht das Ankommen ist entscheidend, sondern das Durchschreiten selbst.
Ein Ort, eine Einladung, eine einmalige Konstellation
Es ist ein seltenes Zusammenspiel, das diese Ausstellung möglich macht: Veranstaltet von der Initiative „Kirche und Kultur“ der Katholischen Erwachsenenbildung Wiesbaden-Untertaunus und Rheingau (KEB) gemeinsam mit der Pfarrei St. Bonifatius, Kirchort St. Mauritius und in Kooperation mit der Katholischen Akademie Rabanus Maurus, ist „passaggi“ ein eigens für diesen Ort entwickeltes Projekt.
Initiiert und kuratiert von Dr. Simone Husemann, Leiterin der KEB, die Heindl eingeladen hat, den Kirchenraum von St. Mauritius künstlerisch zu bespielen, sind die Arbeiten in einem bemerkenswert dichten Zeitraum von nur rund vier Monaten entstanden. Die Maße der Werke sind präzise auf den Raum abgestimmt, ihre Wirkung untrennbar mit ihm verbunden. Diese Ausstellung ist einmalig, sie wird nur hier gezeigt und nur hier kann man die „passaggi“ durchschreiten.
Vom Dunkel ins „kleine Gold“
Dieses Durchschreiten ist hier wörtlich zu nehmen. Wer die Kirche betritt, gerät unmittelbar in die Dramaturgie der Arbeit. Der erste Weg führt durch eine dunklere Passage, ein tiefes, dichtes Blau, das den Blick sammelt und den Schritt verlangsamt. Erst danach öffnet sich ein zweiter Raum: getaucht in ein kräftiges Gelb, das laut Künstlerin als „kleines Gold“ zu verstehen ist. Ein Aufhellen, ein Weitergehen, ein Übergang, der schließlich in den Altarraum führt.
Was in diesem Moment geschieht, ist nicht nur visuell. Es ist eine körperliche Erfahrung. Kaum hat man die erste Passage betreten, verändert sich die Wahrnehmung spürbar: Geräusche klingen anders, gedämpfter und konzentrierter. Auch die Luft scheint verändert zu sein, dichter, ruhiger und mit anderem Duft. Der Raum, den man eben noch durchschritten hat, erscheint plötzlich entfernt. Es ist keine bedrückende Enge, sondern eher eine beruhigende Einhüllung und ein Innehalten, das sammelt.
Choreografierte Wahrnehmung
Diese Erfahrung ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer präzisen künstlerischen Setzung. Heindl, die neben Bildhauerei und Architektur auch klassisches Ballett und Modern Dance studierte, denkt Raum immer auch als Bewegung. Ihre Installationen sind choreografierte Übergänge, die erst im Durchschreiten ihre volle Wirkung entfalten.
Dabei bleibt stets eine Freiheit gewahrt. Man kann durch die Objekte gehen, aber man muss es nicht. In dieser Offenheit liegt eine Stärke der Ausstellung. Sie lädt ein, ohne zu vereinnahmen. Genau darin erkennt Dr. Simone Husemann auch eine Chance über den Kunstkontext hinaus. „Vielleicht schafft es Kirche, über die Beschäftigung mit Kunst wieder verstärkt in den Dialog mit Menschen zu treten“, betont die KEB-Leiterin und ergänzt: „Man erlebt den Raum durch die Irritation der Passagen anders und kann ihn ganz neu wahrnehmen“. In der Tat setzt die Kunst der zierlichen Münchnerin keine Gegensätze, sondern Verschiebungen, die Wahrnehmung öffnen. Die Farbwahl folgt dabei einer feinen Logik: Sie korrespondiert mit den vorhandenen Farbakzenten des Kirchenraums. Weiße Flächen innerhalb der Installation reflektieren das Licht und verändern sich mit ihm, je nach Tageszeit, je nach Blickwinkel.
Verwandlung und Resonanz
Inhaltlich ist die Ausstellung im Kontext des Gedenkjahres für Franz von Assisi verankert. Das Leben des Heiligen war von radikalen Umbrüchen geprägt, beispielsweise Krankheit, Zweifel, Neuorientierung. Dieses sind existenzielle Passagen und Übergänge, die Heindls Arbeiten nicht illustrieren, sondern erfahrbar machen.
Besonders deutlich wird dies in der Installation „Vis-à-vis“ im Altarraum. Zwei halb geöffnete, geschwungene Metallkörper stehen sich gegenüber und laden zum Eintreten ein – nicht zum Durchgehen, sondern zum Verweilen, zum Sich-Drehen, zum Wahrnehmen eines Gegenübers in einem „Gehege des Lichts“. Hier sieht man sein Gegenüber in der Installation und kann sich doch nicht berühren, laut Heindl auch ein Sinnbild unserer Zeit.
Ein Raum, der antwortet
St. Mauritius selbst ist dabei mehr als nur Ausstellungsort. Für die Künstlerin ist es eine Kirche, „aus der das Leid draußen gehalten wird“ und deren einfacher, klarer Raum eine wohltuende Reduktion bedeutet. Gerade diese Zurückhaltung macht St. Mauritius offen für die künstlerischen Eingriffe. So entsteht eine Ausstellung, die nicht auf Wirkung zielt, sondern auf Erfahrung. Eine, die nichts fordert und doch viel auslöst.
© Text und Bilder: Annette Krumpholz