Kunstausflüge mit Sigrid Balke | 23.05. – 04.10.2026 | Ernst Barlach im Edwin Scharff Museum

Die Motive für seine Arbeiten fand Ernst Barlach als Beobachter von Szenen im alltäglichen Leben,, die er mit wenigen Strichen in Skizzenbüchern festhielt. Übertragen in Kohle- oder Federzeichnungen waren sie die Grundlage seiner, auf das Wesentliche destillierten Skulpturen. Zu sehen ist eine hervorragend kuratierte Auswahl seiner Werke noch bis zum 04. Oktober im Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm.

Bild oben: Plakat Facetten der Liebe; © Edwin Scharff Museum; © Foto: Sigrid Balke

Nach mehreren komplexen Ausstellungen zum Thema Tanz jetzt also eine thematische Einzelausstellung mit dem Titel Facetten der Liebe. Es ist bereits die dritte Barlach-Ausstellung im ESM, wobei die letzte bereits zwanzig Jahre zurückliegt. Höchste Zeit also dem Zeitgenossen Edwin Scharffs erneut eine Ausstellung zu widmen. Edwin Scharff (geb. 1887) und Ernst Barlach(geb.1887) kannten sich aus der Preußischen Akademie der Künste. Die Gegenüberstellung ausgewählter Werke von zwei der bekanntesten und erfolgreichsten Künstler ihrer Zeit ist Teil der Ausstellung und zeigt Gemeinsamkeiten, vor allem aber Unterschiede. Dazu bietet die Ausstellung einige Überraschungen.

Bild links: Ernst Barlach: Ruhe auf der Flucht II_1924
© Ernst Barlach Stiftung_Foto Andre Hamann

Werke im Jugendstil- und Symbolismus erwartet man bei Ernst Barlach, der oft auf seine schwermütigen Motive reduziert wird, ebenso wenig wie durchaus heitere Gedichte und Illustrationen. Das alles unter dem verbindenden Thema Liebe was die Ausstellung nicht spektakulär, aber sehenswert macht. Private Fotos des Künstlers in Alltagssituationen, Briefe, Auftragsarbeiten die dem Zeitgeschmack entsprachen, eine Auswahl seiner Bücher und Einblicke in seine Skizzenbücher, dazu einen sehr persönlichen Einblick in seine, nicht immer einfachen Liebesbeziehungen – der Betrachter erlebt in der Ausstellung den Menschen Barlach und die Entwicklung seines eigenen Stils. Seinen künstlerischen Durchbruch hatte er mit der Teilnahme an der Ausstellung der Berliner Secession 1907, seine endgültige Liebe fand Barlach erst im Alter von 56 Jahren, nach mehreren gescheiterten Beziehungen und erfolglosen Bemühungen. Beschäftigt hat ihn das Thema Liebe also privat und als Künstler und neben der Mann-Frau-Beziehung auch als eine grundlegende menschliche Emotion: Romantische Liebe, Mutterliebe, Käufliche Liebe, Nächstenliebe, Persönliche Liebe und, in dieser Ausstellung, ergänzt um Göttliche Liebe. Nach Jahren der Suche nach dem eigenen Stil und durch die Zusammenarbeit mit dem Galeristen Paul Cassirer ab 1907 finanziell unabhängig, fand Barlach mit den oft archaisch wirkenden Holzskulpturen seinen künstlerischen Weg: Arbeiten bei denen der Inhalt wichtiger war als die Form, vereinfacht bis hin zu einer expressiven Reduzierung auf den Ausdruck. Eingebettet in sein pazifistisches Weltbild verbindet alle Arbeiten die Einheit, meist von zwei Menschen. Bei seinen Paardarstellungen greift Barlach immer wieder auf ikonografische christliche Motive zurück: Pietà, Kreuzabnahme, Auferstehung, Aposteldarstellungen, Samariter.

Barlach, der seinen Glauben selbst als viel Christ, viel Heide, viel Buddhist beschrieb, ging es dabei nicht um Konfession oder Kirche, sondern um die existentiellen Fragen, Spiritualität und Menschlichkeit. Sie ziehen sich durch die Themen der Ausstellung und geben Impulse für einen Dialog zwischen der Kunst und dem Betrachter. Ganz ohne die „typischen“ Motive der Heldenverehrung, stehen bei seinen Arbeiten die in den 20 er Jahren zum Gedenken an die Gefallenen des 1. Weltkriegs entstanden, die Trauernden im Mittelpunkt. Barlach stellt die Soldaten nicht als heroische Krieger dar, sondern als Opfer. Das führte zum Vorwurf des Kulturbolschewismus und später zur Einordnung seiner Werke als Entartete Kunst durch die Nationalsozialisten.

Bild rechts: Ausstellungsimpression;
© Foto: Sigrid Balke

Als hervorragender Beobachter setzte Barlach Emotionen mit wenigen Details um, zeigt neben den romantischen Seiten einer Paarbeziehung auch den Alltag, die intellektuelle Partnerschaft oder Meinungsverschiedenheiten. Dazu reichen Barlach wenige Details, die der Nähe zweier Menschen eine völlig unterschiedliche Bedeutung geben. Mit dieser besonderen Beobachtungsgabe gestaltet Barlach auch Skulpturen aus dem Bereichen Mutterliebe, Nächstenliebe oder Käufliche Liebe. Das Ergebnis sind berührende Arbeiten die einen sehenswerten Überblick über die Kunst von Ernst Barlach ermöglichen. Entstanden ist die Ausstellung in Kooperation mit den Ernst Barlach Museen in Güstrow.

Ausstellungsdauer bis 04.10.2026

© Text: Sigrid Balke