Marc Peschke | Reiseempfehlungen nach Bayern
Am Kochelsee

Südlich von München, im vom katholischen Barock geprägten bayerischen Voralpenland, finden wir einzigartige landschaftliche Paradiese. Die Seen, die Berge: Es gibt kaum eine großartigere Landschaft in Deutschland. Wir kennen die Gegend gut, doch am Kochelsee waren wir schon lange nicht mehr. Also, auf nach Oberbayern, in den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Das Örtchen Kochel am See (www.kochel.de) hat kaum mehr als 4000 Einwohner, ist staatlich anerkannter Luftkurort und schmiegt sich auf das Schönste an den kleinen See und die Berge. Nach Norden hin liegt Kochel am See schon im flachen Voralpenland, begrenzt von den Loisach-Kochelsee-Mooren.

Bild rechts: am Kochelsee;
© Foto: Marc Peschke



Etwa 60 Kilometer südlich von München sind wir hier – angebunden an die Metropole mit der Kochelseebahn oder über Autostraßen und Linienbusse mit Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz oder Mittenwald. Und von da weiter nach Innsbruck. Kochel am See liegt am Bodensee-Königssee-Radweg (www.bodensee-koenigssee-radweg.de), welcher in Lindau beginnt und zum Königssee bei Berchtesgaden führt. 418 km vom Bodensee zum Königssee – eine der landschaftlich reizvollsten Radrouten in Deutschland.

Die Ebene, sie geht hier in die Bergwelt über. Kunst- und Kulturgeschichte wurde hier geschrieben: Im 8. Jahrhundert hat es hier ein Frauenkloster gegeben, gegründet zusammen mit Kloster Benediktbeuern, doch dieses wurde bereits 908 wieder zerstört. Historisch bekannt wurde Kochel rund um die Ereignisse des Oberländer Bauernaufstands von 1705 gegen die österreichischen Truppen von Kaiser Joseph I. Der Überlieferung nach soll bei dem Massaker auf dem Friedhof der alten Sendlinger Pfarrkirche auch der „Schmied von Kochel“ ermordet worden sein. Seine letzten Worte sind in Bayern bekannt: „Lieber bayerisch sterben, als kaiserlich verderben!“, das soll er ausgerufen haben! 

Die tatsächliche Existenz des legendären bayerischen Helden ist nicht verbürgt, lesen wir im Reiseführer, sitzen auf der Terrasse des überaus gediegenen Seehotel Grauer Bär, wo wir gleich ein betörendes Allgäuer Schnitzel zu Abend essen. (www.grauer-baer.de) Das Licht wird milder. Wir haben bereits im erfrischenden Kochelsee gebadet – viele Badestellen rund um den See laden dazu ein. Die Berge rund um Herzogstand und Jochberg leuchten. Das Wasser kräuselt sich und das kleine Ausflugsschiff der Kochelsee-Schifffahrt zieht langsam vorbei (www.motorschifffahrt-kochelsee.de). Es ist, und das ist wahrlich nicht übertrieben, ein oberbayerischer Traum.  

Der sechs Quadratkilometer große Kochelsee lockt auch mit Kultur, nämlich mit dem Franz Marc Museum in Kochel am See, das den expressionistischen Maler des „Blauen Reiter“ umfassend vorstellt, der 1914 hier ein Haus erwarb. (www.franz-marc-museum.de) Inmitten einer Kultur- und Naturlandschaft, die stark von der barocken Kunst geprägt ist, von Hügeln, Alpengipfeln, Seen, Biergärten, Lüftlmalerei und Zwiebeltürmen, genau hier begann das Kapitel der expressionistischen Kunst. Im Jahr 1912 gaben Franz Marc und Wassily Kandinsky den Almanach „Der Blaue Reiter“ heraus – ein Künstlermanifest von enormem Einfluss.

Marcs Beziehung zum „Blauen Land“, so nannte er die Gegend, wird im Museum vorgestellt. Auch Kunstwerke der Künstlerfreunde Paul Klee, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Alexej von Jawlensky sind zu sehen. Weiterhin werden hier immer neue Sonderausstellungen gezeigt.

Wir treffen Eva-Maria Neuburger vom Museumsteam, die uns durch das Haus führt. Der 2008 eröffnete Erweiterungsbau der Schweizer Architekten Diethelm & Spillmann ist überaus gelungen: Der Bau aus Crailsheimer Muschelkalk öffnet die Museumsräume durch große Fenster in die Landschaft und ermöglicht phantastische Blicke auf den Kochelsee und das Herzogstandmassiv: Kunst und Natur treten in Dialog. Etwas Besonderes ist auch der Museumspark mit Skulpturen von Alf Lechner, Tony Cragg, Horst Antes und Per Kirkeby. Das Grab von Franz Marc und seiner Frau Maria Marc ist auf dem Friedhof der katholischen Kirche ganz in der Nähe zu finden. 

Beim Gang durch das Museum entdecken wir die Welt von Marc, seine Tiere, die keine Abbilder sind, sondern Wesen einer tieferen Ordnung, Chiffren eines verlorenen Zusammenhangs zwischen Mensch, Tier und Welt. Dieses so besondere, feine Ausstellungshaus ist eingebettet in eine beeindruckende Landschaft zwischen Bergen und See: ein einzigartigen Erlebnis. 

Bild links: Adolf Erbslöh: Brannenburger-Landschaft (St.-Margarethen), 1923

Derzeit ist bis zum 26. Juli in einer Sonderausstellung das Werk von Adolf Erbslöh (1881-1947) zu sehen, einem Zeitgenossen und Künstlerfreund Franz Marcs, dem Mitbegründer und späteren Vorsitzenden der Neuen Künstlervereinigung München: eine sehenswerte Wiederentdeckung eines Künstlers, der sich wie Cézanne vor allem einer Frage widmete: Wie lässt sich eine bleibende Bildordnung herstellen? Er zeigt es uns in seinen Bildern: mit strenger Verdichtung und Formgebung: „Das Kunstwerk ist Gestaltung, formgewordene Phantasie.“, so formulierte er 1929.

Das Franz Marc Museum in Kochel am See ist zwar nicht groß, dennoch ein echter Höhepunkt in der oberbayerischen Museumslandschaft. Die Architektur öffnet sich ständig nach außen, zum Licht, zu den Bergen, zum Wasser. Es gehört der „MuSeenLandschaft Expressionismus“ an. Hier haben sich verschiedene Museen zusammengeschlossen, die daran erinnern, dass Oberbayern im frühen 20. Jahrhundert zu einem Hot Spot der expressionistischen Avantgarde wurde. (www.museenlandschaft-expressionismus.de

Das Voralpenland war damals nicht nur idyllischer Rückzugsort für Künstler und Künstlerinnen, sondern mehr noch, Teil einer umfassenden geistigen Bewegung. Während die großen Städte Europas unter Industrialisierung, Beschleunigung und sozialer Spannung vibrierten, suchten die Expressionisten nach Gegenwelten, nach Ursprünglichkeit, Spiritualität und einer neuen Einheit von Mensch und Natur. Franz Marc selbst war tief in diese Krisenerfahrung der Moderne eingebunden. Er suchte in den Tieren Reinheit: Seine Pferde, Rehe und Füchse sind deshalb keine klassischen Naturstudien, sondern mehr als das: Sie verkörpern eine Sehnsucht nach einer anderen Welt. Farbe sollte nicht abbilden, sondern eine tiefere Wirklichkeit sichtbar machen.

Das Franz Marc Museum macht diese komplexen geistigen Zusammenhänge auf erlesene Weise deutlich. Es präsentiert Marc als Teil eines weit verzweigten intellektuellen Netzwerks: Symbolismus, Theosophie, Jugendstil, frühe Abstraktion und philosophische Lebensreform treten hier miteinander in Beziehung. Franz Marc fiel 1916 bei Verdun — jenem industrialisierten Massensterben, das die optimistischen Energien der europäischen Avantgarden brutal zerschlug. Nach dem Ersten Weltkrieg erschien die Idee einer spirituellen Versöhnung von Mensch und Natur bereits wie ein Echo aus einer versunkenen Welt. 

Nur wenige Kilometer entfernt, am Walchensee, arbeitete Lovis Corinth. 60 seiner Bilder entstanden hier. Der geheimnisvolle Bergsee zog seit jeher besondere Menschen an, wie etwa Johann Wolfgang von Goethe, König Ludwig II. oder eben auch den Impressionisten Corinth, der einige Jahre ein Haus in Urfeld hatte und in den 1920er Jahren seine bekannten Walchensee-Bilder malte. Der „Lovis Corinth Weg“ in Urfeld erzählt Wissenswertes über Leben und Werdegang Corinths. Der See hat zwar eine wirklich phantastische Farbtönung, doch die „Bayerische Karibik“ wird auch im Sommer kaum wärmer als 18 Grad. Der Walchensee ist einer der tiefsten Alpenseen Deutschlands.

Wir brausen mit der blauen Kabine zum Herzogstand hinauf. (www.herzogstandbahn.de) Noch ist die traditionsreiche Bahn geöffnet, aber bald wird sie bis Ende 2027 schließen, denn sie erhält eine neue Talstation, inklusive nachhaltiger Energieversorgung und ressourcenschonendem Betrieb. Nach vier Minuten sind wir oben, auf 1600 Meter Höhe – und der Blick ist beeindruckend – ob in die Ebene oder tief in die Alpen hinein. Zur Zugspitze und zum Karwendelgebirge, bis hin zu den Tiroler Berggipfeln im Süden. 

Von hier oben erschließt sich eine Bergwelt, die bereits König Ludwig II faszinierte. (www.zwei-seen-land.de/koenig-der-berge) Die neuen „König der Berge“-Themenwege am Herzogstand laden dazu ein, die Bergwelt aus dem Blickwinkel des Märchenkönigs neu zu entdecken. Leider sind die Bergresidenzen des Königs am Herzogstand nicht mehr erhalten, aber zahlreiche Informationstafeln und eine ganz neue App vermitteln ein intensives Verständnis über seine Aufenthalte. Weitere „König der Berge“-Themenwege gibt es in Kochel am See und Schlehdorf. Wer sich einlesen will, in das Leben des Königs, dem empfehlen wir das gerade erschienene Buch von Marcus Spangenberg, erschienen im Verlag Friedrich Pustet. (www.verlag-pustet.de/shop/item/9783791723082/ludwig-ii-von-marcus-spangenberg-kartoniertes-buch)

Kunst trifft hier, am Kochelsee und Walchensee, auf Natur und auch auf Technik: Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts entstand das eindrucksvolle, noch immer in Betrieb befindliche Walchenseekraftwerk nach Plänen Oskar von Millers, das die beiden Seen verbindet. Das Wasser des Walchensees stürzt durch sechs Rohre in die Tiefe auf stromerzeugende Turbinen und wird dann in den Kochelsee geleitet. (https://www.uniper.energy/de/deutschland/wasserkraft-deutschland/kraftwerksgruppe-isar/walchenseekraftwerk).

Von hier aus, vom Wasserkraftwerk in Altjoch am Kochelsee, wandern wir den Felsenweg nach Schlehdorf (www.schlehdorf.de). Das dauert etwas mehr als eine Stunde und bietet spektakuläre Blicke auf den hier in schönstem Smaragdgrün leuchtenden See. Schlehdorf ist ein idyllischer Ort mit unter Denkmalschutz stehenden Bauernhäusern aus dem 19. Jahrhundert. Die ehemalige Klosterkirche und heutige Pfarrkirche St. Tertulin stammt aus dem späten 18. Jahrhundert.

Eine andere Wanderung führt über zum Teil recht steile Stufen entlang des Lainbachs zu den Lainbachfällen, wo wir zwei sympathische ehrenamtliche Wegewarte treffen, die gerade dabei sind, in der schon hochsommerlichen Mittagshitze den Weg auszubessern. Der Lainbach-Wasserfall-Rundwanderweg endet nach etwa zwei Stunden in der Nähe des Bahnhofs im überaus schmucken Biergarten des Café König (www.cafekoenig-kochel.de), wo wir die selbstgebackenen Kuchen und das Weißbier der Brauerei Hopf wärmstens empfehlen können! 

Und noch eine Radtour möchten wir vorschlagen – und zwar durch die Loisach-Kochelsee-Moore, wo über 200 Vogelarten nachgewiesen sind. Man startet am Bahnhof Kochel und folgt von hier den Rad- oder Wanderschildern. Abkühlung finden wir mit Blick auf die noch zum Teil verschneiten Berggipfel am kleinen Eichsee bei Großweil, der durch Grundwasser gespeist wird. 

Am Nachmittag machen wir eine Rundfahrt mit der „MS Herzogstand“ rund um den Kochelsee. Wir starten an der Station Altjoch und Manfred Kneidl, unser Kapitän, kommentiert die Fahrt mit Kenntnis und sehr viel oberbayerischem Humor. Etwa 90 Minuten dauert die Rundfahrt mit großartigen Blicken auf den Jochberg und das Herzogstandmassiv – man kann aber auch nur von Station zu Station mitfahren. Die Motorschifffahrt ist Familientradition, schon in dritter Generation. Eng verbunden ist Kneidl mit seiner Heimat – und die Mythen, Geschichte und Geschichten gibt er gerne an seine Gäste weiter. Die Fahrt geht zu Ende, die Sonne glitzert auf dem See und wir sind nun die letzten Gäste. Morgen früh geht es dann weiter mit der Schifffahrt auf dem Kochelsee. (www.motorschifffahrt-kochelsee.de)

Am nächsten Morgen treffen wir Max Leutenbauer im Schusterhaus direkt am Bahnhof, das 2024 als Heimatmuseum eröffnet wurde. 2010 verstarb der letzte Schuster Josef Schöfmann und das Haus wurde danach umfassend restauriert, getragen und ausgeführt maßgeblich vom „Verein für Heimatgeschichte im Zweiseenland Kochel e. V.“, dem Leutenbauer vorsteht. 

Das Dorfmuseum erzählt die Geschichte des Ortes umfassend und ist selbst ein besonderes Denkmal. Das Schusterhäusl stammt aus dem 16. Jahrhundert und umfasst neben der historischen Schusterwerkstatt aus 10 Generationen Schusterei auch mehrere andere Räume, die den Mythos des Schmied von Kochel beleuchten, die Waldwirtschaft und Wilderei oder auch den Tourismus, der hier zur Jahrhundertwende nach und nach einsetzte. 

Nach einer ausführlichen Führung durch dieses heimelige Haus kehren wir noch in dem angegliederten Café ein – auch hier wollen wir die Kuchen ganz besonders empfehlen! (ww.die-schweigerei.jimdosite.com) Auch eine Tenne gibt es hier, für Wechselausstellungen, Lesungen und Konzerte. Und so ist das Schusterhäusl ein wunderbares Zeugnis bayerischer Arbeits- und Wohnkultur – und auch dafür, was man im Verein durch ehrenamtliches Engagement erreichen kann. Für die Instandsetzung und Nutzungsänderung erhielt der Verein 2025 die Bayerische Denkmalschutzmedaille.

Nach dem Museumsbesuch geht es gleich weiter. Der Himmel hat sich ein wenig zugezogen und wir besuchen die Kristall Therme Kochel direkt am Ufer des Kochelsees – eine der schönsten Thermen- und Saunalandschaften der Region mit dem wunderbaren Bergpanorama des Herzogstand (www.kristall-trimini.de).

Bad Tölz und das Tölzer Land

Am nächsten Morgen brechen wir auf. Aber wir haben es nicht weit. Kaum eine halbe Stunde Fahrt ist es vom Kochelsee nach Bad Tölz. Vor uns steigen die Berge an. Wir blicken gen Karwendel, dort oben ist noch Schnee. Neben uns rauscht die Isar, hier noch ganz ein Gebirgsfluss. Isarwinkel nennt sich die Gegend bis zur Landesgrenze im Süden. Wir waren bereits zwei Mal hier im Tölzer Land und haben auch darüber berichtet: https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=marc+peschke+bad+T%C3%A4lz

Bad Tölz ist eine der schönsten Städtchen im deutschen Alpenraum: eine kleine, aber überaus lebendige Kreis- und Kurstadt, die als Moorheilbad und heilklimatischer Kurort ausgezeichnet ist: sehr charmant beidseitig der Isar gelegen mit einer historischen, romantischen Altstadt, dem Kurviertel mit Kurhaus und Kurpark, schönen Sakralbauten, einem Kalvarienberg mit Kreuzweg – und der langen, berühmten Marktstraße, die sich mit ihren farbenfrohen Häuserfassaden bergan zieht. Die höchste Erhebung im Landkreis ist der Schafreuter im Karwendel – und der ist immerhin 2.102 Meter hoch. 

Wer auf die Berge will, kann hier einiges tun: Der Heimgarten ruft, der Herzogstand, Jochberg, Blomberg, Benediktenwand und Brauneck. Aber es gibt auch ein weitverzweigtes Radwege- und Wanderwegenetz – und mit dem Naturfreibad Eichmühle, dem nahegelegenen Kirchsee und dem Naturfreibad Lenggries auch hervorragende Bademöglichkeiten. Etwas ganz Besonderes ist auch das Tal der Jachenau, ein sonnenverwöhntes Hochtal mit stattlichen, historischen Bauernhöfen, das hinter Lenggries wieder zum erfrischenden Walchensee führt – ein Wander- und Langlaufparadies. 

Auch hier im Isarwinkel gibt es viel Kunst zu sehen, viel Kultur zu erleben, hier, in der ganzen Region, wie etwa die Ausstellung „Fantasie in Farbe“ von Claudia Solbach und Katharina Andrée im Stadtmuseum, die bis zum 26. Juli gezeigt wird. (https://www.bad-toelz.de/de/wissen-und-tradition/toelzer-stadtmuseum.html) „Wenn zwei Künstler sich treffen und sich sympathisch sind, ist es eine Freude, wenn man eine gemeinsame Ausstellung gestaltet.“ Und ja, eine Freude ist es, durch die Ausstellung zu gehen und vor allem auch dieses wunderbare Museum wieder zu sehen. Auf über 800 qm kann man hier tief eintauchen in die Kulturgeschichte der Region. 

„Land und Bewohner“ ist das Leitthema im ersten Obergeschoss mit Themen wie dem Floßhandel bis ans Schwarze Meer und der Bierbrautradition in Tölz. Das zweite Stockwerk ist „Adel und Bürgertum“ gewidmet. Hier wird unter anderem die Geschichte der adeligen Hochwildjagd im Isarwinkel erzählt und auch das traditionsreiche Tölzer Marionettentheater sowie die städtische Musikgeschichte werden vorgestellt. Das dritte Stockwerk gibt Einblick in Themen wie Volksglaube und Traditionen wie die berühmte Tölzer Leonhardifahrt am 6. November – eine Galerie für sakrale Skulptur hat hier ihren Platz und auch die Literatur- und Architekturgeschichte wird in den Fokus genommen. Und, ja, auch König Ludwig II. begegnen wir hier wieder: Aus dem königlichen Jagdschloss in Vorderriß ganz in der Nähe, direkt an der Grenze zu Tirol, wo der König zweimal jährlich weilte, stammt seine Badewanne, die im Museum zu sehen ist. Ein eigener Raum ist dem Münchner Architekten und Heimatpfleger Gabriel von Seidl gewidmet, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer wieder als „Sommerfrischler“ in Bad Tölz weilte. Ihm ist unter anderem die hervorragende Umgestaltung der Fassaden mit Lüftlmalerei in der Tölzer Marktstraße zu verdanken. 

Nur wenige Kilometer von Bad Tölz wartet die nächste Ausstellung auf uns in dieser so kunstreichen Landschaft. Ganz in der Nähe liegt das Museum Penzberg (www.museum-penzberg.de) mit der Sammlung von Werken Heinrich Campendonks. Der 2016 wiedereröffnete Zwillingsbau des Museums mit einem Alt- und einem von der Kubatur ganz ähnlichen Neubau ist mit seiner dunklen Klinkerfassade (Architekt: Thomas Grubert) eine architektonische Attraktion – die Dauerausstellung versammelt hervorragende Werke Campendonks, der 1911 auf Einladung von Marc und Kandinsky aus dem Rheinland ins Tölzer Land übersiedelte und das jüngste Mitglied des „Blauen Reiter“ wurde. 

Die aktuelle Sonderausstellung „Campendonk malt Blau“ präsentiert bis zum 28. Juni seine blauen Bilder: In die Ferne ziehende Gänse, auf dem Wasser schaukelnde Boote, blaue Figuren, Ölgemälde, Hinterglasbilder, auch selten oder noch nie gezeigte Arbeiten auf Papier, zumeist aus der eigenen Sammlung.  „Das Blau, die typisch himmlische Farbe, der stärkste Gegensatz zu dem irdischen Gelb strahlt nicht wie dieses über die begrenzende Form hinaus und nähert sich uns, sondern die Bewegung geht nach innen wie die Windungen eines Schneckenhauses“, so formulierte Campendonk – und ja, so sind auch seine Bilder. 

Ein weiteres Museum ganz in der Nähe von Bad Tölz ist das Olaf Gulbransson Museum in Tegernsee, das sich seit 1966 dem Andenken des Künstler widmet, der als Karikaturist des „Simplicissimus“ bekannt wurde und sich in den 1920er Jahren am Tegernsee niederließ. (www.olaf-gulbransson-museum.de) Das Museum, das auch die unrühmliche Rolle des Norwegers in der NS-Zeit nicht verschweigt, eine Zweiggalerie der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, liegt elegant im Kurgarten oberhalb des Sees und richtet immer wieder auch Sonderausstellungen aus. Der vor einigen Jahren erweiterte Pavillon-Bau von Sep Ruf ist ein beachtenswertes Architekturbeispiel seiner Zeit – bis zum 6. September ist hier eine große Schau über die ZERO-Bewegung zu sehen, also vor allem Arbeiten aus den 1950er und 1960er Jahren, unter anderem von Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker.

Die Stunde Null, ZERO, begann 1957 in Düsseldorf. Aber auch das Ende der Gruppe war furios: 1966 versenkten sie einen brennenden Wagen im Rhein, wie Mack beschrieben hat: „1966 fand ZERO ein positives Ende. Über tausend Menschen haben es in einer Nacht gefeiert. Ich selbst hatte mir dieses Ende gewünscht: ein Ende, das ich genau so befreiend fand wie den Anfang von ZERO.“ Die Leihgaben stammen aus Privatsammlungen, der ZERO foundation Düsseldorf und der MACK FOUNDATION.

Der Frühsommer in und um Bad Tölz ist eine herrliche Zeit. Wir erleben die prachtvollen Fronleichnamsprozessionen der Region, die den lebendigen Volksglauben eindrücklich wiederspiegeln, genauso wie kulturelle Veranstaltungen wie das „Sound. Fest. Tölz“, ein Open-Air-Popfestival im stimmungsvollen Tölzer Rosengarten, wo in diesem Jahr unter anderem die Münchner Reggae-Band Jamaram zu sehen war.

Am nächsten Tag geht es weiter mit der Bildenden Kunst im Isarwinkel: Wir besuchen die Ausstellung „Wenn der Tag Bricht“: Werke des Königsdorfer Kunstmalers Georg Demmel aus der Sammlung Pittroff im Atelier FORUM LIN des Restaurators, Kirchenmalers und Künstlers Erwin Wiegerling in Gaißach, wenige Kilometer hinter Bad Tölz Richtung Lenggries. (http://hommage.e-lin.de/) Noch bis zum 6. Dezember zeigt die dialogische Schau die bäuerlichen und religiösen Szenen Demmels (1899-1972), der Mitglied der Münchner Sezession war, im Kontrast zu den zeitgenössischen Werken Wiegerlings, der sich „e.lin“ nennt. 

Die Schau im imposanten Großraum-Atelier Wiegerlings wurde zusammen mit Michael Demmel, dem Großneffen des Künstlers und dem Tölzer Autor Walter Frei konzipiert und stellt das Gesamtwerk Demmels in einem ganz und gar ungewöhnlichen Atelier-Ambiente vor: Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde, Fresken und Hinterglas-Arbeiten des bedeutenden Chronisten bäuerlicher Lebenswelten sind zu sehen. Im Hirmer-Verlag ist ein wunderbares Buch über das Schaffen Demmels erschienen. (https://shop.hirmerverlag.de/Georg-Demmel/202605010869

Wenige Tage später empfängt uns Erwin Wiegerling zusammen mit seiner Schwester Eva Wiegerling-Hundbiß und führt uns persönlich durch sein Atelier, wo immer wieder auch Veranstaltungen, etwa Konzerte stattfinden. Die geistige Nähe seiner eigenen Werke zu denen Demmels liegt vor allem in der engen Verbundenheit mit der Natur seiner Heimat: Beide Künstler schöpfen ihre Inspiration aus der Landschaft, den Materialien und den Lebensformen des oberbayerischen Raums. Während Demmel in seinen Bildern das bäuerliche Leben, die Natur und die Menschen seiner Umgebung festhielt, verarbeitet Wiegerling natürliche Materialien wie Erde, Holz, Steine oder Schilf ganz unmittelbar in seinen Werken. Beide verstehen Kunst auch als Ergebnis sorgfältiger handwerklicher Arbeit. Wiegerling betrachtet Demmel als wichtigen Mentor und Vorbild, dessen Kunstauffassung sein eigenes Schaffen nachhaltig beeinflusst hat – auf der Suche nach dem Wesentlichen.  

Mittags treffen wir dann Romy Brandl und Markus Mittermair von Bad Tölz Tourismus im Gasthaus Schlössl in Bad Tölz, die uns schon jetzt begeistert von einer Veranstaltung im September berichten. Vom 10. bis 13. September bringt das Tölzer Fluss-Film-Festival internationale Reise-, Natur- und Outdoorfilme an die Isar, verbindet Filmkultur mit Wassersport, Naturerlebnis und regionaler Flusstradition. Besucherinnen und Besucher erwartet ein vielseitiges Programm aus Filmvorführungen, Events und der traditionellen Isarregatta des Deutschen Touring-Kajak-Clubs. Die Freunde Historischer Faltboote e.V., der Isarfalter sowie der Bayerische Kanu Verband sind weitere Partner der Veranstaltung. 

Eine besondere Bedeutung erhält die Ausgabe 2026 durch die Widmung an den verstorbenen Wassersportliebhaber Ralf Petsching. Mit dabei ist außerdem Adrian Matern, einer der besten Kajaksportler der Welt, sowie der Filmemacher Olaf Obsommer. Toni Grießbach, selbst Kajakfahrer, Fotograf und Filmer, wird das Festival bereichern – und auch Jürgen Eichinger, der bekannte Naturfilmer des Bayerischen Rundfunks. 

Verankert ist das Festival in der Geschichte der Stadt selbst: Mit der historischen Pionier-Faltboot-Werft begann in Bad Tölz vor über 100 Jahren eine Tradition, die den Wassersport nachhaltig prägte. Die legendären Faltboote machten Expeditionen und Flussreisen weltweit erst möglich – eine Geschichte, ein Geist, der hier bis heute nachwirkt und auch im Stadtmuseum präsentiert wird. (https://www.bad-toelz.de/de/wissen-und-tradition/toelzer-flussfilmfestival.html)

Hier im Stadtmuseum kommen wir am Abend noch in den Genuss eines Vortrag von Stadtarchivar (https://stadt.bad-toelz.de/leben-bildung-freizeit/kultureinrichtungen-der-stadt/stadtarchiv) Sebastian Lindmeyr und Birgit Botzenhart, die anhand der Tölzer Stadtchronik einen unterhaltsamen Streifzug durch das Bad Tölz des Jahres 1926 unternehmen. Die Geschichte der Stadt fasziniert uns, die Geschichte der ganzen Region, die uns immer mehr ans Herz gewachsen ist. Besonders faszinierend ist hier die Verbindung von historischer Kontinuität und lebendiger Gegenwart: Bad Tölz und der Isarwinkel bewahren ihr reiches kulturelles Erbe nicht als museales Relikt, sondern als lebendigen Bestandteil ihrer Identität. Auch gerade darin liegt die besondere Ausstrahlung dieser Region am Alpenrand.

Bild oben: Adolf Erbslöh: Brannenburger-Landschaft (St.-Margarethen), 1923

© Text Marc Peschke