Dr. Isabell Schenk-Weininger zu Dieter Kränzleins skulpturalem Werk
Künstlerporträt über Dieter Kränzlein in Form eines Doppelporträts:
Dieses Essay von Dr. Isabell Schenk-Weininger (Direktorin der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen) erscheint hier im kunstportal-bw im Rahmen des Künstlerporträts von Jürgen Linde über den Bildhauer Dieter Kränzlein, das aus zwei Teilen besteht:
Teil 2:
Jürgen Linde über den Bildhauer Dieter Kränzlein: Feine Strukturen – für die Ewigkeit? – über den Stein-Bildhauer Dieter Kränzlein
Dr. Isabell Schenk-Weininger (Direktorin der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen):
Material – Form – Oberfläche – Farbe: | Zu Dieter Kränzleins skulpturalem Werk
[ Dieser Beitrag erschien bereits 2026 im Katalogbuch „Form and Surface“ – The World of Dieter Kränzlein (ISBN 9789082863574) ]
Die Entwicklung eines künstlerischen Œuvres nachzuvollziehen, bedeutet, der inneren Logik dieses Schaffens zu folgen, dem stringenten Fortschreiten von Ideen und ihrer Umsetzung ebenso wie den Brüchen und Kehrtwenden. Dieter Kränzleins bildhauerisches Werk, das klein- und großformatige Skulpturen sowie reliefartige Wandarbeiten umfasst, präsentiert sich im Rück- und Überblick als äußerst konsequent. Der Künstler steht im permanenten Dialog mit seinem Material und entwickelt daraus fortlaufend ein immer wieder neues Interesse an Formen, Strukturen und Oberflächen. Man ist verleitet, sein Vorgehen als streng systematisch zu bezeichnen, doch scheint es eher ein spielerisches Erkunden und Durchdeklinieren von Möglichkeiten zu sein. Denn Regeln, die sich der Künstler selbst auferlegt, engen nicht ein, sondern ermuntern vielmehr dazu, das Spiel immer weiter zu treiben…
Der Ausgangspunkt von Dieter Kränzleins Laufbahn war eine Lehre als Steinbildhauer, in der er von der Pike auf alle handwerklichen Fähigkeiten der Steinbearbeitung erwarb. Eines Materials, das erheblichen Widerstand leistet, bevor durch Entfernen alles Überflüssigen die gewollte Form aus dem Block herausgearbeitet ist. Eine staubige und schweißtreibende Arbeit, die Kraft, Können und Konzentration erfordert. Das eher „grobschlächtige“ Milieu seiner Ausbildungszeit sagte dem musisch veranlagten jungen Mann indes nicht zu. Und so wollte er im Anschluss daran „das Handwerkliche“ geradezu wieder vergessen und suchte nach einem künstlerischen Ansatz. Mitte der 1980er Jahre lernte er in Gerlingen den ungarischen, damals schon über siebzigjährigen Maler und Bildhauer Franz Dákay kennen. Bevor dieser ihn als Schüler akzeptierte, musste Dieter Kränzlein sich durch Vorzeichnen würdig erweisen und Handlangerdienste übernehmen. Doch dann erteilte ihm Franz Dákay über vier Jahre hinweg Privatunterricht und bot ihm eine künstlerische Universalausbildung. Eine intensive Zeit, in der es dem angehenden Künstler insbesondere darum ging, seine eigenen Fragestellungen zu entwickeln. Dabei begann er gegenständlich-figurativ, wandte sich aber bereits nach kurzer Zeit der Abstraktion zu.

Bild rechts: Dieter Kränzlein: „Der Schritt“ aus weißem Marmor von 1987
Ein Werk, das exemplarisch für diesen Übergang steht, ist die Skulptur Der Schritt aus weißem Marmor von 1987. Dank des beschreibenden Titels kann die zunächst abstrakt erscheinende Arbeit als Torso identifiziert werden. Wie Auguste Rodin in seiner berühmten, um 1900 entstandenen Bronzeplastik Schreitender Mann beschränkte sich auch Dieter Kränzlein auf den Rumpf und die Beine der Gestalt. Diese Körperteile geometrisierte und abstrahierte er maximal. Den Schritt als Bewegung zu erfassen, gelang ihm, indem er die Lücke zwischen den ausschreitenden Beinen durch einen sanften Kegelbogen ausfüllte, dadurch eine Zeitspanne visualisierte und sein Motiv somit – dem Titel gemäß – auf das Wesentliche reduzierte.
Bald ließ der nun freischaffende Künstler das Figürliche vollends hinter sich, wobei er hochaufragende Stelen wie in Quantenrealitäten oder sogar die horizontal langgestreckten, verformten Quader in Schwerkraft Stufe 1–3 selbst noch als Reminiszenz an die menschliche Gestalt versteht. Andere Aspekte stehen hier jedoch im Vordergrund: Die Arbeit Schwerkraft Stufe 1–3 wirkt mit ihrer Edelstahlkonstruktion und den – zu altertümlichen Waagen gehörenden – Gewichten wie eine Versuchsanordnung, welche physikalische Gesetze visualisiert. Die Formen biegen sich – durch die nach unten ziehende Schwerkraft der Gewichte – vermeintlich wie Schaumstoff, doch das verwendete Material, der weiße Marmor, täuscht eine Elastizität und Dehnbarkeit nur vor. Die Betrachtenden werden durch das Geschick des Bildhauers in die Irre geführt – eine Strategie, die Dieter Kränzlein in zahlreichen Varianten bis heute verfolgt. Das 8-teilige Werk Quantenrealitäten von 1994 wiederum greift physikalisch-philosophische Fragestellungen auf. Es besteht aus senkrecht aufragenden, unterschiedlich geometrisch bearbeiteten Steinblöcken in Plexiglasquadern. Der dazugehörige Siebdruck führt neben den skizzierten Skulpturen Zitate von Physikern der Quantentheorie über deren Verständnis von Realität auf. Ein hochkomplexes Werk, das in Dieter Kränzleins Schaffen jedoch keine Fortsetzung erfuhr. Denn kurz darauf stieß er auf eine interessant geformte Astgabel, die er bearbeitete und Die Entdeckung der eigenen Realität betitelte. Dieses Fundstück war der entscheidende Impuls, sich von solch „verkopften Konstruktionen“ wie den Arbeiten zur Schwerkraft und zur Quantentheorie loszusagen und sich stattdessen auf das einzulassen, was das Material vorgibt und was während des Arbeitsprozesses entsteht. „Machen anstelle von Konstruieren“ lautete fortan sein Motto.
Seither spielt das Material für Dieter Kränzlein eine herausragende Rolle. Er bevorzugt Muschelkalk aus Steinbrüchen bei Würzburg und Rielingshausen: ein poröses, sprödes Sedimentgestein, das vor 250 Millionen Jahren entstanden ist und in dem sich die Zeit in Schichten abgelagert hat. Das archaische Gestein hat reizvolle rötlich-bräunliche Eisenoxid-Einschlüsse. Wo sich diese befinden, ist vor der Bearbeitung des Steinblocks jedoch nicht erkennbar. So hält der Muschelkalk während des Arbeitsprozesses stets Überraschungen für den Bildhauer bereit.

Bild oben: 2 Skulpturen aus Muschelkalk:
links: Ohne Titel, 2004; 24 x 26 x 10 cm | rechts: Ohne Titel, 2005; 31 x 22 x 15 cm
Zunächst wandte er sich Mitte der 1990er Jahre Kombinationen von Holz und Stein zu. Dabei inspirierte ihn der natürliche Wuchs von Ästen und er „ließ“ den Stein sich scheinbar um und zwischen die Äste „winden“ oder „ließ“ den Stein sich organisch an die Rundung des Holzstückes „anschmiegen“. Er glättete und polierte das Holz, so dass es eine glänzende, handschmeichlerische Oberfläche bekam, was in reizvollem Kontrast zu dem offenporigen, stumpfen Muschelkalk steht. Diesen ebenso optischen wie haptischen Kontrast verstärkte Dieter Kränzlein noch, als er die Oberfläche des Steins mit Einschnitten bearbeitete, so dass eine stachelige Wirkung entstand . Auch die Illusion steigerte er noch, indem er vortäuschte, dass der Stein sich um das Holzstück wie ein Mantel lege beziehungsweise wie ein Teig um das Holzstück geknetet sei. Zu dieser Werkgruppe existieren noch vorbereitende Skizzen. Als er auf das Material Holz verzichtete und sich allein auf den Stein konzentrierte, wurde das Konstruieren – die Einpassung von Holz und Stein – und somit auch das Skizzieren überflüssig.
Fortan vertraut Dieter Kränzlein gänzlich auf den Schaffensprozess in der steten Auseinandersetzung mit seinem Material. Neben dem Mooser Muschelkalk verwendet er auch weißen norwegischen Marmor. Dessen in Jahrmillionen unter hohem Druck und Hitze entstandene Kristalle reflektieren das Licht und lassen das Gestein glitzern. Zwei Materialien also von völlig unterschiedlichem ästhetischen Eigenwert, deren Charaktereigenschaften Dieter Kränzlein bestens kennt und einsetzt – häufig jedoch bewusst unterläuft. Würde man die veraltete Bildhauerdoktrin der Materialgerechtigkeit zugrunde legen, bei der auch nach der künstlerischen Bearbeitung die ursprüngliche Ausdruckskraft des Materials möglichst unverfälscht erhalten bleiben soll, käme man unweigerlich zu dem Schluss, dass Dieter Kränzlein diese oft nicht erfüllt, ja geradezu provozierend missachtet. Vielmehr geht er völlig undogmatisch ans Werk und erfreut sich daran, aus dem Material alles Mögliche und Unmögliche herauszukitzeln und damit die Wahrnehmung der Betrachtenden immer wieder aufs Neue herauszufordern.
So beispielsweise in der vorläufig abgeschlossenen Werkgruppe der Schichtungen, die er zwischen 2002 und 2005 schuf. Bei diesen Arbeiten meint man, einzelne neben- oder übereinander gestapelte Steintäfelchen zu sehen, die an Bierdeckel oder an Untersetzer aus Schieferplatten erinnern und deren Statik höchst prekär anmutet: Stapel, die in der Mitte zu schweben scheinen, oder Türme, die gleich zu kippen drohen. Doch der Schein trügt, denn die Arbeiten sind jeweils aus einem einzigen Stück geschaffen. Nichts kann also aus dem Gleichgewicht geraten oder auseinanderfallen. Und auch keines der Täfelchen kann tatsächlich herausgezogen werden, auch wenn dies auf den ersten Blick so scheint. Die Verwandlung des Materials gleicht einem Zaubertrick: Schweres wird leicht, Kompaktes wird fragil.
Meist wählt Dieter Kränzlein für seine dreidimensionalen Skulpturen nun einfache Grundformen wie Würfel oder Kugeln, manches Mal auch kompliziertere Körper wie halbe Ellipsoide oder Doppelpyramiden. Diese Formen haben jedoch beispielsweise abgerundete Kanten, sind generell nicht geometrisch präzise gearbeitet. Es handelt sich vielmehr um Gebilde, die sich der mathematischen Form des Würfels, der Kugel etc. lediglich annähern. Die bewusste Vermeidung des exakt Konstruierten ist spürbar und macht sie weniger streng. Zu solch kompakten Formen gehören auch jene Skulpturen, die Assoziationen an Alltagsgegenstände wie Kissen, Melonen oder Rugby-Bälle wecken. Neben solchen Kernplastiken, die – durch die Betonung ihres Volumens – geschlossen, auf sich selbst bezogen und statisch wirken, gibt es in Dieter Kränzleins Œuvre auch Skulpturen, die ihr Volumen eher negieren und dynamisch in den Raum streben. Diese Formen beschreiben Bögen und nehmen zur Umgebung und zu den Betrachtenden Bezug auf. Ihre Wölbungen täuschen Biegsamkeit und Bewegung vor und erinnern an sich blähende Segel oder wippende Schalen.
2001 schuf der Bildhauer eine Bodenarbeit, die aus neun quadratischen, gewölbten Platten bestand. Statt auf dem Boden fanden diese „Kissen“-Fragmente allerdings ihren Platz an der Wand. Seither spielen – neben den dreidimensionalen, von allen Seiten zu betrachtenden Skulpturen – Wandarbeiten eine mindestens genauso wichtige Rolle in Dieter Kränzleins Gesamtwerk: einzelne Tafeln ebenso wie mehrteilige Friese, quadratische und rechteckige ebenso wie runde. In den Diptychen, Triptychen und bis zu 16 Elementen zusammengesetzten Werken kann der Künstler seine Vorliebe für serielles Arbeiten und für Variationen ausleben. Die Wandarbeiten sind zudem von einer reizvollen Ambivalenz: Von Ferne wirken sie wie ein Bild, aus der Nähe wie ein Relief. Und auch hier finden sich konkave und konvexe Wölbungen, die sowohl den Bild- als auch den Materialcharakter konterkarieren.

Ein ganz entscheidender, bisher unerwähnter Aspekt ist jedoch, wie Dieter Kränzlein die Oberfläche seiner Wandarbeiten und Skulpturen bearbeitet. Hier hat er zu einer unverwechselbaren Handschrift gefunden – wenn man dies bei einem Steinbildhauer, der mit der Flex arbeitet, so sagen darf. Hatte er die Flex zunächst nur als Hilfsmittel benutzt, wurde sie ihm bald zum Gestaltungsmittel. Wie ein Maler einen spezifischen Pinselduktus pflegt, so entwickelte der Bildhauer Dieter Kränzlein nicht etwa nur einen Duktus, sondern fast zeitgleich mehrere – grammatikalisch gibt es zwar keinen Plural von Duktus, faktisch jedoch schon. In einem jeweils bestimmten Rhythmus setzt er mit dem Werkzeug seine Schnitte. Ein Vorgang, der höchste Konzentration erfordert. Die Kopfhörer, die der Bildhauer beim Arbeiten trägt, lassen den Lärm der kreischenden Flex nur noch wie ein „leises Singen“ an sein Ohr dringen, und ermöglichen so eine fast meditative Versenkung in den Arbeitsprozess. Mit dem besonderen Augenmerk auf die Oberflächenbearbeitung seiner Skulpturen hat Dieter Kränzlein einen Weg beschritten, der ihm viele verschiedene Nebenwege eröffnet, die Gesamtform mit belebten Strukturen, das kompakte Volumen mit grafischen Linien zu kombinieren. Er schafft so rhythmische Texturen, die den Tastsinn ansprechen und einen Großteil der Wirkung seiner Werke ausmachen.

Bild links: 2 Skulpturen aus Muschelkalk und Holz:
hinten: Ohne Titel, 1997; 180 x 47 x 42 cm | vorne: Ohne Titel, 2000; 26 x 137 x 13 cm
Wenn Dieter Kränzlein kurze Schnitte kreuz und quer setzt – er selbst beschreibt diesen Vorgang als „dialektischen Prozess von Frage und Antwort“ –, dann geschieht dies zunächst eher zufällig verteilt, um nach und nach ein gleichmäßiges Geflecht über die gesamte Arbeit zu legen. Bei einer Skulptur in Kissenform, welche Weichheit suggeriert, ist eine solch raue, stachelige Oberfläche ein spannungsvoller Widerspruch – auf dieses „Kissen“ möchte man sein Haupt dann doch nicht betten. Andere Werke überzieht der Bildhauer mit Einschnitten, welche der Gesamtform der Skulptur folgen und diese damit unterstreicht. Er setzt dabei die Linien parallel nebeneinander, doch nicht exakt im gleichen Abstand und von gleicher Länge, was eine natürliche, an Baumrinde erinnernde Anmutung ergibt, unterstrichen durch die warme Farbigkeit und die bräunlichen Einschlüsse des Materials Muschelkalk. Aufgehoben wird diese organische Assoziation, wenn auf solche Weise geriffelte Flächen im rechten Winkel aufeinandertreffen, dann überwiegt wieder der artifizielle Eindruck. Bei einer weiteren Werkgruppe fügt Dieter Kränzlein zu den rindenähnlichen vertikalen Schraffuren horizontale Einschnitte hinzu, welche er in größerem Abstand voneinander und in einer durchgängigen Linie tiefer in den Stein fräst.. Diese sind ebenfalls nicht mit dem Lineal konstruiert, sondern wirken wie von Hand gezogene Linien, auch wenn dies mit der Maschine geschah. Die solchermaßen bearbeiteten Werke, insbesondere die Wandtafeln, legen Assoziationen an Textzeilen und Notenlinien nahe oder an Webarbeiten mit Kette und Schuss. Schließlich gibt es noch eine große Werkgruppe, bei welcher Dieter Kränzlein quadratische Steinplatten oder würfelförmige Grundformen mit durchgehenden vertikalen und horizontalen Schnitten überzieht und dadurch ein regelmäßiges Raster mit kleinen erhabenen Quadern erzeugt. Durch Abschlagen einzelner dieser Quader – ein Prozess, der dem Zufall viel Raum lässt – entsteht eine unregelmäßige Oberfläche. Bei einigen Werken aus Muschelkalk assoziiert man die Skyline einer Großstadt aus der Vogelperspektive. Jene aus weißem Marmor hingegen haben mit ihrem kristallinen Glitzern eine frappierende Ähnlichkeit mit Würfelzucker – eine sehr sinnliche Täuschung.
All diese Oberflächenbearbeitungen finden sich bis heute in Dieter Kränzleins Schaffen. Immer wieder dachte der Künstler daran, diese Strukturen abzugießen und in einem anderen Material umzusetzen. Als er 2013 von seiner Galeristin zu einer Ausstellung mit dem Motto „Transparent“ eingeladen wurde, ergriff er die Gelegenheit und ließ eine seiner Skulpturen aus Muschelkalk in Kunstharz gießen. Die so erzeugte Skulptur ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil ihres Ursprungs: leicht und durchsichtig statt schwer und massiv. Eine Reihe weiterer Abgüsse von Steinskulpturen in Kunstharz folgten, die zudem einen spannenden Perspektivwechsel ermöglichen: Die Rückseite – die glatte Schnittfläche des Abgusses – wird zur Vorderseite und erstmals können Dieter Kränzleins Einschnitte von der anderen, bisher im Stein verborgenen Seite betrachtet werden. Die Skulpturen aus Kunstharz bilden eine eigene Werkgruppe von besonderem Reiz innerhalb des Gesamtœuvres.
Bereits seit 2001 greift Dieter Kränzlein nicht nur zur Flex, um den Stein zu bearbeiten, sondern auch zu Pinsel und Farbe. In der modernen und zeitgenössischen, gegenständlichen und abstrakten Kunstpraxis sind die Bemalung von Skulpturen aus Holz, Metall und Gips oder die Verwendung von farbigem Kunststoff durchaus üblich, in der Steinbildhauerei jedoch höchst ungewöhnlich. Hier wird der Wahrung des authentischen Materialcharakters doch ganz besonderer Wert beigemessen, der bei der Einfärbung abhandenkommt oder zumindest beeinträchtigt wird. Dieter Kränzlein wendet dieses Phänomen jedoch produktiv ins Positive, denn für ihn hinterfragt die Farbe das Material und kann auf diese Weise Reflexion stimulieren. So wirkt ein vollständig schwarz eingefärbter Stein auf den ersten Blick wie verkohltes Holz. Doch da Dieter Kränzlein lasierende Farben benutzt, ist bei genauer Betrachtung die brüchige Oberfläche des Muschelkalks oder das Glitzern des Marmors stets noch zu erahnen.
Nach einigen ersten Versuchen mit roter Bemalung, beschränkte sich der Künstler lange Zeit auf Schwarz. Erst seit 2015 verwendet er auch bunte Farben, zunächst die Primärfarben und Grün, später ein erweitertes Spektrum. Doch stets sind es klare, satte Farbtöne, die er – unabhängig von möglichen gegenständlichen Assoziationen – völlig autonom einsetzt. Dezidiert betont die Buntfarbigkeit das Künstliche im Gegensatz zur Natürlichkeit des Steins. Bei jenen Wandarbeiten und Skulpturen, deren Oberfläche er komplett monochrom einfärbt, initiiert der Künstler einen Dialog zwischen der flächigen Farbe und dem plastischen Volumen, zwischen dem Optischen und dem Haptischen. Besonders im Vergleich mit seinen Werken, bei denen Muschelkalk oder Marmor unbemalt belassen sind, wird deutlich, dass die Gesamtform und die Oberflächentextur durch die jeweilige Farbgebung in ihrer Wirkung unterschiedlich stark zurückgedrängt werden. Licht absorbierendes Schwarz und tiefes Blau entmaterialisieren die Skulptur am stärksten – erinnert sei dabei an Yves Kleins in patentiertem Blau eingefärbte Schwamm-Skulpturen.
Andere Werke bearbeitet Dieter Kränzlein nach der Einfärbung der gesamten, bereits strukturierten Oberfläche weiter. Da die Farbe tatsächlich nicht tief in den Stein eindringt, legen die danach mit der Flex gesetzten Einschnitte die natürliche Farbe des Steins wieder frei. Bei solchen Werken akzentuiert die Bemalung raffiniert die höher und tiefer gelegenen Schichten. Ähnlich verfährt der Bildhauer bei den Wandarbeiten mit aus kleinen Würfeln bestehenden Rastern, die er komplett einfärbt, um die hochstehenden Elemente danach wieder teilweise abzuschlagen, was eine – Farbe und Textur betreffend – äußerst belebte Oberfläche ergibt. Schließlich fertigt er noch Werke, die er mit eingefärbten, vertieften Linien überzieht, was durch einen Prozess des Bearbeitens, Bemalens und Abschleifens erreicht wird und eine ausgesprochen grafische – an Tiefdruck erinnernde – Wirkung entfaltet. Insbesondere solch zweifarbige Wandarbeiten treiben die Aufhebung der spezifischen Gattungsunterschiede von Malerei, Grafik und Skulptur besonders weit.
Tatsächlich verlässt der Bildhauer auch immer wieder sein ureigenes Metier und experimentiert mit druckgrafischen Techniken, worauf hier abschließend noch eingegangen werden soll. Ende der 1990er Jahre fertigte er Holzschnitte, zu einer Zeit also, in der das Material Holz noch eine Rolle in seinem skulpturalen Werk spielte. Ab 2003 entstanden dann Unikate im Steinschnitt, deren Linien teilweise an musikalische Notationen erinnern. Die Steinplatte wird hier zur Druckplatte. Bräunliche Färbungen bei den Hochdrucken stammen vom Eisenoxid, das Dieter Kränzlein aus den Einschlüssen des Muschelkalks kratzte und der Druckfarbe beimischte beziehungsweise abschließend auf das Papier rieb. Daran anknüpfend entwickelte er 2013 eine ungewöhnliche Technik, die der Künstler bis heute pflegt. Dabei bearbeitet er eine Steinplatte mit der Flex, trägt Bindemittel auf und macht davon einen Abzug. Anschließend bringt er den – beim Fräsen entstandenen – Marmorsand auf das Papier auf. Nach dem Trocknen kann das Blatt noch vollständig eingefärbt werden, wobei das Funkeln der Marmorkristalle erhalten bleibt und den besonderen Reiz der Drucke ausmacht. Eine Innovation, die er direkt aus seiner bildhauerischen Tätigkeit heraus abgeleitet hat. Von der zweiten Dimension geht es dann teilweise wieder zurück in die dritte, wenn er die für den Steinschnitt bearbeitete Platte mit Kunstharz überzieht und zur Wandarbeit erklärt.
So schön, schlicht, still und meditativ die abstrakten Werke von Dieter Kränzlein sind, so lösen sie doch stets auch Irritationen aus und fordern ihr Publikum heraus. Denn die vom Künstler über Jahre und Jahrzehnte hinweg entwickelten Gestaltungsmittel und -prinzipien – Materialbefragung, Formgebung, Oberflächenbearbeitung, Bemalung – sind bewusst auf Widersprüche angelegt, so dass die Betrachtenden ihrer Wahrnehmung nie trauen können und diese stets hinterfragen müssen. In Abwandlung einer Aussage von Pablo Picasso, der kein trompe-l‘œil, sondern ein trompe-l’esprit forderte, könnte man über Dieter Kränzleins Kunst sagen, dass sie auf souveräne Weise beides erfüllt, nämlich über die Täuschung des Auges die Anregung des Geistes zu erreichen.
Dr. Isabell Schenk-Weininger, Leiterin Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen