Grenzen überschreiten – Fritzi Haußmann

Fritzi Haußmann im Internet:
www.fritzi-haussmann.de
E-Mail: kontakt@fritzi-haussmann.de

Fritzi Haußmann ist eine der rund 20 Künstlerinnen und Künstler, die im Atelierhaus Altes Güteramt in Mannheim schöne, große und hohe Arbeitsräume gefunden haben.
Offenbar habe ich meine Heimatstadt Mannheim aufgrund der dort ja sehr lebendigen Musikszene in Sachen Bildende Kunst bislang vernachlässigt. Aufgrund der vielen Live-Musik-Locations, die ich teilweise noch aus meiner Jugend kenne und wohl auch wegen der Pop-Akademie habe ich Mannheim bisher vor allem der Rubrik Musik zugeordnet.

Fritzi Haußmann; ©Foto: Doro Burkhardt
VG Bildkunst Bonn, 2021

Nicht weit entfernt von der Pop-Akademie Mannheim ist, auch am Mannheimer Hafen, inzwischen eine Hochburg der Bildenden Künste entstanden – eben das Atelierhaus Altes Güteramt. Mir hat das Atelierhaus deutlich gemacht, dass Mannheim ein enormes Kreativkraft-Zentrum der Bildenden Künste ist, was fortan auch hier im kunstportal-bw deutlich sichtbar werden wird.

Auf der Website des Atelierhauses Altes Güteramt benennt die Künstlerin ihren Arbeitsbereich mit “Installative Raumzeichnungen und freie Grafik“.  Im Gespräch mit der Künstlerin und angesichts ihres bisherigen Werkes wird schnell sichtbar, dass Fritzi Haußmann mit ihrer Arbeit – formal wie auch inhaltlich – eigentlich jeden Rahmen sprengt: raumgreifende Skulpturen, gefertigt etwa aus Stühlen und Fahrradschläuchen, Wandobjekte, geformt aus (vermeintlich zweidimensionalen) Collagen – all dies passt in keinen Rahmen und in keine Schublade.

Die Reise nach … – Rauminstallation in der ehemaligen Synagoge Walldorf, 2021; © Foto: Doro Burkhardt; VG Bildkunst Bonn, 2021

Alte Fahrradschläuche etwa sind ein wichtiges Element ihrer bislang wohl wichtigsten Installation „Die Reise nach …“. Im Rahmen der regionalen Kunstschau „Radiale 2021“ hat die Künstlerin in der ehemaligen Synagoge in Walldorf die Vertreibung der Juden thematisiert. Mit den alten Stühlen bezeiht sich Fritzi Haußmann auch die komplette Zerstörung des Inventars der Synagoge im Jahr 1938. Die “Reise nach Jerusalem“ kennen viele von uns als Spiel aus der Kindheit, das hier aber einen tiefen Ernst gewinnt: der Platz genügt nicht für alle. Die für Kinder spielerische Ausgrenzung wird hier in ihrer politischen Dimension sichtbar. In der heutigen Zeit, in der Vertreibungen und Fluchtbewegungen in den täglichen Weltnachrichten Dauerthema sind, ist diese künstlerische Arbeit ja zweifellos sehr aktuell.

Unabhängig von politischen Dimensionen hinterfragt Fritzi Haußmann auch formal den Begriff der Dimension: von der freien Grafik herkommend, ist ihr die zweidimensionale künstlerische Arbeit lange vertraut – und doch – es treibt sie weiter in den Raum, ins Dreidimensionale. Ihre Benennung “installative Raumzeichnungen“ lässt dabei eine gewisse Vorsicht vermuten – einerseits; andererseits, und so sehe ich dies bisher, verweist dieser Begriff auf einen erweiterten, großzügigeren Begriff der Zeichnung: immer schon und zuletzt mit ihrer großen Schau in Göppingen – “Ich möchte eine Linie im Raum“  hat die Zeichnerin Katharina Hinsberg wunderbar deutlich gemacht, dass die Abgrenzung zwischen zwei- und drei-dimensional ohnehin unhaltbar ist. Jede Bleistiftzeichnung hat – durch das Papier selbst und das aufgetragene Graphit – 3 Dimensionen.

“drawing buildings”, Fotografie auf PVC Planen, 2019;
© Foto: Fritzi Haußmann, VG Bildkunst Bonn, 2021

Die Künstlerin Fritzi Haußmann hat für Ihre Übergänge zwischen den Dimensionen ihre ganz eigenen Formen, eine eigene Sprache, gefunden: Am besten vielleicht veranschaulichen dies die Arbeiten aus der Serie “drawing buildings“: die vermeintlich zweidimensionalen Werke – Fotografie und Collage auf PVC-Plane“ – arrangiert sie als Wandobjekte in einer Form ganz eigener Art. Derart also dreidimensional präsentiert, werden die zuerst flach gearbeiteten Collagen als “naturgemäß dreidimensionale“ Skulpturen sichtbar.

Immer deutlicher sehen wir, dass und wie die Künstlerin sowohl verschiedene Dimensionen als auch verschiedene Kunstformen miteinander frei integriert – entscheidend ist jeweils die künstlerische Zielsetzung, die Fritzi Haußmann verfolgt

“kontaktarm” Performance /Stills, 2020/21
© Foto: Fritzi Haußmann, VG Bildkunst Bonn, 2021

An einer Atelierwand präsentiert sie eine Reihe von Fotografien. An der hohen Wand wirken die  kleinen Formate zuerst eher unscheinbar, erweisen sich aber der sehr genauen Betrachtung wert: die Fotoarbeiten – sind aus ihrer Serie “kontaktarm“ – auch das schöne Wortspiel passt zur künstlerischen Vielfalt, die Fritzi Haußmanns Kunst auszeichnet: die Kontaktarme sind “Tentakel” – hier skulpturale Gebilde aus Schläuchen, die nun als Accessoires, als Kleidungsstücke der fotografierten Personen, eingesetzt werden. Erneut kommt eine weitere Kunstsparte hinzu: die Fotografien wirken wie szenische Inszenierungen auf einer Bühne – wir denken gleich an Theater.

Tatsächlich hat die Künstlerin zu „kontaktarm“ einen Videofilm produziert. Dieser war dann bis Mai 2021 noch zu erleben im Rahmen der Ausstellung Deltabeben in der Kunsthalle Mannheim. Der zweite Teil der Präsentation von Fritzi Haußmann in dieser Schau war eine raumgreifende, große Skulptur, die erneut auf Fahrradschläuchen basiert und mit der sie auf ihren Ausstellungs-Raum in der Kunsthalle Bezug nimmt:

Installation in der Kunsthalle Mannheim, 2020
© Foto: Rainer Diehl

Das besondere Licht dieses Raums macht sichtbar, dass Fahrradschläuche (überraschend) sehr viele verschiedenen UV-Werte zeigen; außerdem entdeckt die Künstlerin für uns die zeichnerischen Elemente/Strukturen, die das Material aufweist. [ Hier gibt es das Video zur Ausstellung. ]

Vielleicht sollten wir das Thema der 2. oder 3. Dimensionen auch weniger eng sehen. Zur Aufgabe der  Kunst allgemein und zur Kunst von Fritzi Haußmann im Besonderen gehört es eben, die Grenzen zwischen den Dimensionen zu überschreiten. Die Künstlerin zeigt uns: Weder der (denkende) Mensch noch die Wirklichkeit sind eindimensional – zum Glück.

Formal wie auch inhaltlich wird Fritzi Haußmanns Kunst weiterhin

Grenzen überschreiten
Jürgen Linde im August 2021