Die Welt zu begreifen – über Holger Fitterer

Zwei Künstlerporträts über Holger Fitterer.

Anna-Maria Ehrmann-Schindlbeck: | Die Einzigartigkeit des Moments in seiner Beziehung zu Zeit und Ewigkeit. | Anna-Maria Ehrmann-Schindelbeck zur Ausstellung von Holger Fitterer und Hildegard Elma im BKK Karlsruhe 2021.

Holger Fitterer; Foto:

Zwei Künstlerporträts, das muss erklärt werden: die Krimi-Autoren, die ich schätze, versuchen mir beizubringen, dass es eigentlich keine Zufälle gibt. Als Philosoph sehe ich dies skeptisch. Sicher aber weiß ich, dass es interessante Koinzidenzen gibt, die wir nutzen sollten, zumal, wenn sie erfreulich sind.

Zu Holger Fitterers Kunst haben wir gleich zwei Beiträge:

Von April bis Mai 2021 war beim BBK Karlsruhe eine Ausstellung geplant mit Hildegard Elma und Holger Fitterer. Coronabedingt konnte diese Ausstellung leider nicht besucht werden. Doch die Kunsthistorikerin Anna-Maria Ehrmann-Schindelbeck, die Leiterin der Galerie der Stadt Tuttlingen, hat zur Ausstellung einen sehr erhellenden Einführungstext verfasst. Wir danken der Autorin herzlich dafür, dass wir ihren Text als Gastbeitrag hier in unserer Künstlerporträt-Reihe publizieren dürfen:
Die Einzigartigkeit des Moments in seiner Beziehung zu Zeit und Ewigkeit.

Mit meinem eigenen Künstlerporträt über Holger Fitterer möchte ich stattdessen, in Fortsetzung der Porträts der letzten Monate, weiter darüber nachdenken, wie sich die Faszination dieser wieder sehr besonderen und eigenwilligen künstlerischen Arbeit vor dem Hintergrund unserer Digital- und Mediengesellschaft erklären läßt:

Die Welt zu begreifen – über Holger Fitterer

Die heutige Mediengesellschaft zu verstehen ist schwierig genug, ohne die Vergangenheit in Betracht zu ziehen ist dies unmöglich. Man könnte ja ironisch sagen, dass die Digitalgesellschaft die Dualität von Körper und Geist dahingehend qualitativ erweitert, dass die Kommunikation zwischen uns Menschen durch eine weitere Entfremdungsebene komplexer wird: seit Corona bedarf jede kommunikative Handlung eines Bildschirms und einer Tastatur. Ob man dann mit einem anderen Menschen kommuniziert oder mit einem Roboter? Man weiß es nicht so genau.

Körperlichkeit und “Natur“ sind, scheinbar, ganz aus der Medien-Welt verschwunden. Nicht aber aus der Kunst, sicher nicht aus der von Holger Fitterer, dessen aktuelle Arbeiten, die wir als abstrakt und geistvoll (in Richtung von lyrisch) empfinden, weiterhin immer einen Bezug zur Natur und deren Farbräumen wahren. Wie ist das möglich?

Septemberbild, 1999

Holger Fitterer habe ich vor fast 20 Jahren kennen gelernt.  Damals arbeitete der Maler und Zeichner in der Ateliergemeinschaft V12 in der Karlsruher Viktoriastraße. Auf eine ganz eigene Weise hat seine Malerei schon immer die Themen Natur und Landschaft mit thematisiert. Mit seinen “aus dem Dunklen“ kommenden Farbräumen nimmt der Künstler, wie er mir erklärt, immer wieder implizit Bezug zu Per Kirkeby, dessen Arbeit Holger Fitterer schätzt.

Da der Künstler damals noch einer Vollzeitbeschäftigung als Angestellter nachging, um dann danach meist bis etwa 2 Uhr morgens im Atelier zu arbeiten, war es seinerzeit schlicht nicht möglich, einen Gesprächstermin für ein Künstlerporträt mit ihm zu vereinbaren. Später hat er dann an der freien Kunstakademie in Essen – ein Kunststudium absolviert.

Seit über 30 Jahren künstlerisch unterwegs, ist Holger Fitterer seit 2017 Vollzeit-Künstler und kann nun seine – weiterhin knappe – Zeit freier einteilen. Als ich ihn im August in seinem Atelier – im Karlsruher Kreativpark am Alten Schlachthof – besuche, zeigt mir der der Künstler anhand einer Reihe von Arbeiten von 1999 bis 2020 die Veränderung seines Schaffens, indem er vier große Arbeiten [160 x 120 cm ist sein “Standard-Format“] an einer Atelierwand aufreiht. Er selbst, sagt er, staune manchmal, wie deutlich die chronologisch präsentierten Arbeiten eine Kontinuität sichtbar machen, die ihm beim täglichen Arbeiten gar nicht so deutlich bewusst ist. 

Der Künstler selbst formuliert dazu, dass er in seiner Arbeit immer “aufgeräumter” werde, dass er Klarheit schaffe. Wieder einmal erleben wir, dass mit der Reduktion auf klarere Linien, mit der Klarheit auch die – bei Holger Fitterer immer schon spürbare – lyrische Präsenz seiner Bilder noch stärker und deutlicher wird.

Ohne Titel, 2002; 120 x 160 cm

In seinem künstlerischen Schaffen reflektiert der Künstler unsere Beziehung zur Natur und zur Welt insgesamt. Während in den früheren Arbeiten Fitterers die Natur fast unmittelbar zu erleben ist, so erscheint sie in den aktuellen Bildern von Fitterer vermittelter – durch Form und Farbraum; durch Reflektion.

Dohm, 2019, 160 x 120 cm

Einmal mehr zeigt sich, dass die Kunst Wahrheit sichtbar macht: die Beziehung von uns Menschen zur äußeren Natur ist nicht unmittelbar, sondern eben vermittelt. Kunst wird, wenn dieser Gedankenansatz stimmt, zwangsläufig abstrakter insofern, als sie heute keine sinnliche Naturverbundenheit darzustellen vermag, Kunst ist mehr das Nachdenken über Natur, das Reflektieren unserer Beziehung zur äußeren Welt.

Die Farbräume – oft Braun- und Grüntöne – Farben aus der Natur, Impressionen von Wald, Erde und Wiese – bleiben das durchgängige Motiv. Und doch ändert sich vieles: aus den früher ineinanderfließend erscheinenden Farben, die eine Gesamtstimmung geschaffen haben, ist inzwischen eine größere Klarheit entstanden, in breiten Pinselstrichen aufgetragen erhält nun jede Farbe ihren eigene Fläche, ihren eigenen Raum. Die aktuellen Bilder thematisieren, viel deutlicher als in den früheren Schaffensphasen des Künstlers – das Medium seiner Arbeit – die Malerei selbst.

In einem Interview sagte Holger Fitterer einmal sinngemäß, sein Anliegen als Künstler – vielleicht sein ursprüngliches Motiv – sei es, zu versuchen, die Welt zu begreifen. Eine Aussage, die nachdenklich macht und die – auf den allerersten Blick – unbescheiden klingen könnte. Diese Aussage ist nicht unbescheiden, im Gegenteil. Tatsächlich erscheint mir diese Aussage wunderbar deutlich und klar: Nicht mehr kann, aber nicht weniger sollte die Kunst anstreben oder gar erreichen – sie ist der Versuch,

die Welt zu begreifen.
Jürgen Linde im Oktober 2021

Fluid, 2020, 100 x 160 cm