Digitale Wege in unsere Welt – über Sabine Schäfer 2020

Aktuelle Ausstellungen und Projekte von Sabine Schäfer

Sabine Schäfer im Internet:
E-Mail: sabine@sabineschaefer.de
Website: | http://www.sabineschaefer.de
Geschichten aus unserer anderen Welt” war der Titel unseres letzten Porträts über SA/JO im Jahr 2012

Audio Biospheres Magenta, 2018, Interaktive Druckgrafik mit Audio QR-Code
© Sabine Schäfer, VG-Bildkunst

Digitale Wege in unsere Welt – über Sabine Schäfer 2020
Klangkomposition, E-Musik, etc. – die gängigen Kategorien haben noch nie genügt, um die wirklich außergewöhnliche künstlerische Arbeit von Sabine Schäfer zu beschreiben. Die Künstlerin hat schon in den frühen 1990er Jahren die TopoPhonien entwickelt und eine Vielzahl von großformatigen, begehbaren Klanginstallationen mit einer exklusiv entwickelten Raumklang-Steuerung geschaffen.

Mit ihrem Künstlerpartner, dem Komponisten und Medienkünstler Joachim Krebs, produzierte sie ab 1998 zahlreiche audio-visuelle Rauminstallationen und Klanginstallationen mit Audio-Kompositionen, bei denen das Künstlerpaar künstlerisch gestaltete Klang-Mikroskopien von Tierstimmen zugrunde legte.

Sabine Schäfer, 2017
© Foto: Anna-Maria Letsch

Nach dem Tod von Joachim Krebs im Jahr 2013 hat sich die künstlerische Arbeit von Sabine Schäfer zwar nicht grundsätzlich gewandelt; die Thematik allgemein und die wissenschaftliche Fundierung bleiben dieselbe.
Und doch hat die Künstlerin ihr Arbeitsspektrum verändert und erweitert: Zwei miteinander verbundene Aspekte sind hier wichtig:

Immer schon war die Digitalisierung Teil und Voraussetzung der künstlerischen Arbeit von Sabine Schäfer – digitale Klangerzeugung und Raumklangsteuerung waren und sind ihr Thema. Nachdem die Digitalisierung längst immer mehr auch unsere Alltagswelt verändert, macht die Künstlerin auch die veränderten Mediennutzungsmöglichkeiten und Mediennutzungsrealitäten zum Gegenstand ihrer künstlerischen Reflektionen und Werke.

Ein durchaus nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Erweiterung des Spektrums ihrer eigenen Arbeit ist, dass Sabine Schäfers künstlerische Arbeit auch besser vermittelbar wird: Wir sehen nun verstärkt hochaufgelöste Bilder etwa von Insekten oder Bildkompositionen, deren Einzelelemente auf der Basis von Aufnahmen via Raster-Elektronenmikroskop entstanden sind.

Es ist nicht neu, dass wir Einblicke in Mikro- und/oder Makrokosmen oft als ästhetisch sehr ansprechend empfinden, dass wir, profan gesagt, Naturschönheit entdecken, die wir ohne die modernen bildgebenden Verfahren nicht sehen und kaum erahnen könnten. Neu aber sind die Möglichkeiten, diese optischen Elemente zu ergänzen, zu erweitern mit den Werkzeugen der (neudeutsch:) Augmented Reality.

Zu den Bildern (oft auch als Bildelemente) liefert Sabine Schäfer QR-Codes, dank der wir dann mehr erleben: Zu Beginn diesen Jahres präsentierte Sabine Schäfer ihre Medienkunst-Ausstellung “Weltenwanderung” in Ettlingen bei Karlsruhe:

Verschwinden AR Dryas Julia, 2019, Interaktive Druckgrafik mit Augmented Reality
© Sabine Schäfer, VG-Bildkunst

In ihrer erhellenden Einführungsrede erläutert die Kunsthistorikerin Simone Maria Dietz:
Vor allem Rasterelektronenmikroskop-Aufnahmen von Kleinstlebewesen und Satelliten-Aufnahmen der Sonne sind die bildnerischen Grundlagen für die Arbeiten der Künstlerin Sabine Schäfer. In ihren interaktiven Druckgrafiken und Installationen nutzt sie den QR-Code in Form eines Schmetterlings als bildgebendes Element. Der Code ist aber auch gleichzeitig ein Zugang zu den “dahinter liegenden” Audio-Kompositionen. Das Scannen des QR-Codes führt zu einer Abspielseite und der Betrachter hört kunstvoll komponierte Klang-Mikroskopien von Insekten-, Vogel- und Amphibien-Stimmen. Jedes Bild besitzt eine eigene Klang-Sphäre, die der Betrachter über seinen Kopfhörer am Smartphone hören kann.

Geschichten aus unserer anderen Welt” war der Titel meines Porträts über SA/JO im Jahr 2012. Immer mehr aus dieser unserer Welt zeigt uns die Künstlerin und dank der zunehmenden Verbreitung der digitalen Medien, die Sabine Schäfer schon immer genutzt hat, wird diese Arbeit immer besser sichtbar, erlebbar.
Souverän und routiniert nutzt die Künstlerin dabei alle verfügbaren digitalen und sonstigen technischen Mittel schlicht als Werkzeuge für ihre Arbeit. Der reflektierte und kritische Umgang mit den noch immer sogenannten “Neuen” Medien ist ihr dabei wichtig.

Green Code, Garten-Installation mit Audio-Komposition
©Sabine Schäfer, VG Bildkunst Bonn 2020, Dauerausstellung im Karlsruher Zoo

Wir alle (sollten oder müssen) lernen, die neuen medialen Techniken als ganz normale Werkzeuge zu begreifen und zu nutzen. Die Digitalisierung erzeugt keine neue (“virtuelle”) Welt; es entstehen keine Parallel- und auch keine Alternativuniversen. Letztendlich wird schlicht unser Werkzeugkasten etwas größer.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass eines der ganz neuen Werke von Sabine Schäfer – die Installation “Green Code” im Karlsruher Zoo, die sie mit dem Landschaftsarchitekten Ulrich Singer realisierte – dabei durchaus archaische Eindrücke erweckt.
Sabine Schäfer zeigt uns durch ihre Kunst, dass die neuen medialen Möglichkeiten sehr gut geeignet sind, um unsere reale Welt vertieft kennen zu lernen. Dank ihrer besonderen künstlerischen Vorgehensweise entdeckt sie für uns auf sehr sinnliche Weise
Digitale Wege in unsere Welt.

Jürgen Linde im September 2020

Hintergrundinformation zum Künstlerpaar Sabine Schäfer und Joachim Krebs
<SA/JO> / Klangmikrokosmos

In der langjährigen Zusammenarbeit mit ihrem Künstlerpartner Joachim Krebs waren Wissenschaft – empirische Naturwissenschaft, aber auch wissenschaftlich technische Entwicklungen – integrale Bestandteile der künstlerischen Arbeit.

Künstlerpaar <SA/JO> SabineSchäfer, Joachim Krebs,, 1998-2013
© Foto: Felix Groß

Insbesondere Joachim Krebs war, wie Sabine Schäfer mir berichtet, immer auf der Suche nach Klängen, nach einer Musik, die unabhängig von ihm existiert, bzw. die über seine eigenen gestalterischen Möglichkeiten hinausgeht. Eine Art Meta-Ebene, eine transkulturelle Verbindung. Ähnlich vielleicht, wie bildende Künstler in der konkreten Kunst versuchen, vollkommen ohne persönlichen Gesten ein pures Konzept zu präsentieren.

Insofern versuchte das Künstlerpaar, eigentlich nicht Hörbares hörbar zu machen. So haben etwa über die Kommunikation von Insekten künstlerisch-ästhetisch geforscht. Sie haben dabei (wohl durchaus auch musikalisch anmutende) Klänge entdeckt und dann für uns hörbar gemacht. Musik, die es schon gab, bevor es Menschen gab, die mit ihrer sprachlichen Macht über die Natur den Begriff Musik erst schufen.

Zunächst erscheint uns ja das Zirpen der Grillen oder das Summen von Heuschrecken-Schwärmen kaum musikalisch. Doch haben ein Verfahren entwickelt, das sie EndoMikroSonoSkopie nennen.

© <SA/JO>: MicroSonical Shining Biospheres No.1, 2009
audio-visuelle LED-Lichtinstallation, Sammlung des ZKM
Foto: Reinhard Vollmer

Laienhaft formuliert bedeutet dies, dass digital aufgenommene Tiergeräusche analysiert werden, das Rauschen wird herausgefiltert und was bleibt wird “gedehnt” – also verlangsamt. Was danach hörbar wird, empfinden wir durchaus als melodisch – eine Musik, die schon da war, bevor es uns Menschen gab.

Bildende Kunst macht sichtbar, die Kunst von macht hörbar.

Klar, dass diese künstlerische Arbeit immer auch eine elitäre Geschichte war: Aus diesem besonderen Grenzbereich zwischen Kunst und Wissenschaft gelangt die Kunst von in die Öffentlichkeit meist im Rahmen von musiktheoretischen Projekten des ZKM oder des SWR oder bei den Donaueschinger Musiktagen.