Kunst erinnert an die Zukunft – über Inessa Siebert.

Inessa Siebert; © Foto: Anika Hampel, 2021

Inessa Siebert – Fotografie, Installation, Malerei              

So steht es in dem Künstlerprofil von Inessa Siebert auf der Website des Atelierhauses Altes Güteramt, wo die Künstlerin zusammen mit anderen Kunstschaffenden sehr schöne – große und hohe – Arbeitsräume gefunden hat.

Bei meinem ersten Besuch im Atelierhaus, das im Mannheimer Hafen liegt, lerne ich Inessa Siebert kennen. Fotografie, Installation, Malerei – das klingt auf jeden Fall sehr vielfältig und ist Ausdruck ihres Willens zur gestalterischen Freiheit – die Festlegung auf eine bestimmte Technik kommt nicht Frage, Inessa Siebert will absolut frei sein in der Umsetzung ihrer Themen.

In ihrer Arbeit „Selbstportrait“, die in der Ausstellung „Ping Pong“ im Viernheimer Kunstverein zu sehen war, bietet Inessa Siebert den Betrachtern einen ungewöhnlichen Blick in den Spiegel.

In viele kleine Bestandteile aufgelöst sieht man sich seinem komplexen Selbst ausgesetzt.

Im Zusammenhang mit dieser Spiegelarbeit ist ein Gedicht entstanden, das die Künstlerin, die auch lyrische Texte verfasst,erstmalig bei einem Künstlergespräch während der Dauer der Ausstellung in Viernheim vorgetragen und mittlerweile als Lithografie-Druck in den Mannheimer Druckwerkstätten des BBK gefertigt hat.

Selbstportrait , 2020: © Inessa Siebert, 2021

Die Tür ist offen. Ich trete ein,
Ich bin hier
allein
und gehe Schritt für Schritt
durch meine Welt.
Ich bin in mir.

Die vielen Räume meines Seins
verwirren mich von Zeit zu Zeit.
Ich frage mich:
Bin all das ich?

Lichte Tage I + II, © Inessa Siebert, 2021

Enge und Weite
Dunkelheit und Licht
Kohle und Flamme
Nebel und klare Sicht
Vergangenheit und Heute-
alles fest im Griff?
Fels in der Brandung
und sinkendes Schiff

Ich frage mich:
Wie geht das bloß?
Manchmal denk ich so klein
und manchmal groß,
ganz still, dann wieder laut,
mir selber fremd und doch vertraut,
ganz konzentriert im Hier,
dann schweifen
die Gedanken ab
und ich bin ganz weit weg in mir.
Ich kann mich selber nicht begreifen.

Wie soll ich dich versteh`n?

Inessa Siebert, März 2021

Die Fokussierung auf die vielschichtige Existenz, die in diesem Gedicht zum Ausdruck kommt, finde ich auch in Inessa Sieberts Fotogrammen wieder, die bei meinem Besuch in ihrem Atelier eine Wand des Raumes dominieren.

Diese Arbeiten verdeutlichen, wie intensiv und tiefgreifend sie sich mit dem Medium Fotografie auseinandersetzt: Sie erreicht eine besondere Authentizität in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die den Schwerpunkt ihrer fotografischen Arbeit bilden. Die Fotogramme sind jeweils Unikate, entstanden durch Direktbelichtung und Entwicklung in der Dunkelkammer – Vervielfältigungen sind hier grundsätzlich unmöglich.  

Ich erlebe dies als dialektischen Rückbezug: die grafisch-abstrakte Anmutung der Pflanzen, die wir erst bei genauerem Hinschauen erkennen, benennt unsere Entfremdung von der Natur und erinnert uns daran, dass wir der Natur eigentlich nahe sein – sogar ein Teil derselben sind oder sein sollten.

Still alive IV, 2021; © Inessa Siebert, 2021

Die Aufnahmen von Pflanzen, die sie hier präsentiert, gewinnen durch das fotogrammatische Belichtungs-Verfahren einen hohen Grad an Abstraktheit. Eine Abstraktheit, die jedoch gar nichts zu tun hat mit der Abstraktion, die wir von der konkreten Kunst her kennen – eher im Gegenteil: Inessa Sieberts Fotogramme wirken abstrakt in einem optischen, einem sehr sinnlichen Sinne: eine neue Bedeutungsebene wird sichtbar – die Bilder entführen uns durchaus ein wenig ins traumhafte, märchenhafte.

Wer dies ähnlich wahrnimmt, wird mir vielleicht auch zustimmen, dass unsere (menschliche) Verbindung zur äußeren Natur wahrscheinlich nur auf eben dieser transzendentalen Ebene möglich ist. Die von Anthropologen und anderen Schriftstellern verfassten Geschichten über menschliche Zivilisationen, die in vollständiger Einheit mit der Natur gelebt haben, sind romantische Verklärungen oder auch Science-Fiction (James Camerons Film Avatar beschreibt mit dem Planeten Pandora eine solche Welt).

Indem nun die Kunst, wie wir ja in dieser Reihe der Künstlerporträts oft festgestellt haben, immer wieder märchenhafte Elemente ins Spiel bringt, erfüllt sie eine ihrer wesentlichen Aufgaben: sie zeigt, sie macht sichtbar, wie unsere Welt ist – wie die Philosophen gerne sagen, was der Fall ist und gleichzeitig auch, dass alles ganz anders sein könnte. Kunst veranschaulicht die Kontingenz der Realität.

Inessa Siebert wagt mit ihren Installationen den Schritt in unseren Lebensraum und nutzt ihn in ihrer gestalterischen Freiheit, um auch dort Kunst erlebbar zu machen. Eine temporäre Installation am Neckardamm in Ilvesheim, dem Wohnort der Künstlerin – hat sie passend zum Pandemie bedingten Lockdown „Isolation“ benannt und als Videofilm dokumentiert.

Dieses Kunstwerk ist durchaus typisch ist für Inessa Siebert: fast immer sind ihre installativen und skulpturellen Arbeiten auf Kommunikation angelegt, denn zu der Installation gehörte ein Schreibpult, ausgestattet mit leeren Karten, einem Stift und einem Briefkasten. Die Möglichkeit, hier auf den Karten Nachrichten an die Künstlerin zu formulieren, wurde sehr intensiv wahrgenommen. Gerade im Lockdown, in dem Kommunikation und Begegnung fast ausschließlich digital möglich war, bot diese Kunst einen Ausgleich. Sie ist interaktiv, regt zum Nachdenken an und geht auf die Menschen zu.

Isolation 2020; © Foto: Inessa Siebert, 2020

Diese Kunst erinnert uns über das Visuelle und die Reflektion des Gesehenen daran, dass es Bedeutungsebenen und Zusammenhänge gibt, die außerhalb der alltäglichen Welt – der Konsum- und Mediengesellschaft liegen. Die Screens unserer Smartphones und Tablets blenden diese Ebenen systematisch aus. Die Internet-Software fokussiert unseren Tunnelblick auf die nächste Konsum-Entscheidung.

Inessa Sieberts Arbeit zeigt uns eine andere, viel weitere Perspektive. Dabei wählt sie völlig frei die ihr jeweils geeignete mediale Form: Bei der Isolation greift sie zurück auf eine Kommunikation mittels handgeschriebener oder handbemalter Karten; das erinnert an das früher, in analogen Zeiten, noch gepflegte Briefeschreiben. Mit ihrer Fotogramm-Technik verweist Inessa Sieberts Kunst auf die anderen Sphären unserer Wahrnehmung und unseres Denkens, Bewusstseinsebenen, die unsere bildschirmorientierte Mediengesellschaft – hoffentlich nur vorübergehend – ausblendet.

Wenn Inessa Siebert dabei auch auf – vermeintlich altmodische – Techniken zurückgreift, so sicher nicht aus nostalgischer Vergangenheitsverklärung, sondern aus Freiheit: sie wählt für jede Arbeit die für sie richtige Technik und Form.
In diesem Sinne möchte ich sagen, diese Kunst erinnert an die Zukunft.

Jürgen Linde im September 2021