Carpe Diem – über Gerhard Völkle

Rostspuren – Coloured Oxidations – Mit dieser eher lapidaren und nüchternen Beschreibung “beginnt“ die Website des Künstlers Gerhard Völkle. Ich trete ein in eine Welt, in der mir vieles bekannt vorkommt, vieles neu und etwas ganz neu:

Kobaltviolett / Rost, 2011
Metalloxidation / Öl auf Bütten, 63 x 49 cm
© Künstler, VG Bildkunst Bonn, 2020

Der ganz besondere Einsatz der Rostfarbe, die als durchgängiges Element die aktuellen Arbeiten von Völkle charakterisiert, schafft eine eigenwillige Faszination. Tatsächlich ist das hier verwendete Rostrot eine Eigenentwicklung des Künstlers, eine Idee, die er, wie er bescheiden ergänzt, erst mit Hilfe eines Chemikers realisieren konnte.
Wieder einmal bewegen wir uns hier im Raum zwischen Wissenschaft und Kunst. Da die Rezeptur von Gerhard Völkles Rostfarbe verständlicherweise geheim bleiben muss, bleiben wir zunächst auf der Seite der Kunst.

Gerhard Völkle nun ist schon lange künstlerisch tätig; vor allem seit der Jahrtausendwende ist er in Deutschland und in der Schweiz sehr gut mit Ausstellungen präsent.

Wir wollen uns hier mit den aktuellen Werken und dem Rostrot befassen, so dass ich hinsichtlich der früheren Arbeiten des Künstlers einmal auf dessen Website verweise und anschließend einen Text der Schweizer Kunsthistorikerin Susanne Blaser zitiere (vielen Dank für die Erlaubnis):

Susanne Blaser zu Gerhard Völkles Ausstellung “Rostspuren – Coloured Oxidations”
Manche Arbeiten von Gerhard Völkle zeigen schattenrissige Figuren. Die Menschen sind aufs Wesentliche reduziert: die klare Zeichnung schafft Raum für das Studium von Gestik,,Haltungen und Ausdruck. Sie schafft Raum für Imagination. Das gilt für Völkles Skulpturen, Malereien und Objekte gleichermaßen.

Reduktion findet sich ebenfalls in den ganz abstrakten Werken. So klar und definiert die minimalistischen Formen sind, so lebendig gestalten sich deren Oberflächen. Durch die Verwendung eines Echtrost-Verfahrens gibt Gerhard Völkle die Ausgestaltung der Werke aus der Hand. Der Prozess der Oxidation übernimmt und verwandelt die unterschiedlichsten Träger-Materialien (Acryl, Holz, Stahl. Wachs, Glas, Leinwand) in atmende Körper.

Gerhard Völkle im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg
Waiting on Line, 2009, Metalloxidation auf Acrylglas, 60 x 80 cm
© Künstler, VG Bildkunst Bonn, 2020

Eine bestimmt kühle Abgewogenheit prägt Gerhard Völkles Schaffen. Farbe wird meist nur sparsam eingesetzt; als Akzent. Oder sind es Finten? Gehören sie zu einem Ablenkungsmanöver? Farbe springt uns schnell ins Auge, zieht unser Interesse auf sich. Die Korrosionsprozesse aber verlangen einen aufmerksameren Blick; sie drängen sich nicht auf.
Gerhard Völkle setzt einige alte kunsthistorischen Traditionen fort. Duchamps Echiquier (Schachbrett) von 1937, Piet Mondrian oder Mark Rothko mögen stellvertretend für abstrakte Konzepte stehen. Was die Figuration betrifft: Die Erfindung der Malerei wird einer jungen Korintherin zugeschrieben. Da ihr Liebster fortreisen sollte, zeichnete sie dessen Schattenriss an die Wand. Sein Umriss war ihr Trost und Erinnerung.

Susanne Blaser, Kunsthistorikerin M.A.

Schon sind wir bei unserem besonderen Stoff, dem Rost, der bei Völkles Skulpturen, Malereien und Objekten ihre ganz eigenwillige Ausstrahlung verleiht.
Die – das dürfen wir verraten – eisenoxidhaltige Farbe wird angemischt, aufgetragen und dann rostet sie. Das Endergebnis, die genaue gestalterische Ausprägung der bemalten Flächen unterliegt somit nur bedingt der Kontrolle des Künstlers. Genau dies ist gewollt:

Gerhard Völkle im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg
Blaues Quadrat, 2005, Metalloxidation / Mischtechnik auf Holzkasten
165 x 135 x 6 cm, © Künstler, VG Bildkunst Bonn, 2020

Der Künstler soll ja nicht “schlauer sein wollen als sein Material“ und so ist es nur konsequent, dem Material selbst das “Finishing“ zu überlassen. Sinngemäß hat dies ja auch Dieter Roth mit seiner Eat Art – aus letztlich verwesenden Lebensmitteln – längst etabliert.

Rost. Die naheliegende Assoziation ist das klassische Vanitas-Motiv: memento mori – “Bedenke, dass Du sterben mußt“. Und sicherlich geht es Gerhard Völkle auch um Vergänglichkeit.

Doch nicht der Tod ist das Gerhard Völkles Thema, im Gegenteil: der Begriff Tod verweist dialektisch auf das Leben und für Völkle ist Rost, Rostfarbe ein ganz lebendiges Material.

Gerhard Völkle im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg
Gerhard Völkle in seinem Atelier, © Foto: privat

Rost ist ein wasserhaltiges Oxid des Eisens – insofern ein Material. Darüberhinaus aber beschreibt der Begriff Rost weniger einen statischen Zustand (wie es der Tod vielleicht ist), sondern eher einen Prozeß: die chemische Verbindung von Edelmetallen mit Sauerstoff – die Oxidation.
Wir könnten also insofern auch umformulieren: „Bedenke, dass Du lebst“. Die Farbe Rot ist auch vielfältig konnotiert: hier denken wir hier an Liebe oder auch an Wut und Aggressivität (welche gerade in diesem Begriffsraum als lebensbejahende gesehen werden sollte) und eben an Lebendigkeit.

Wohl selten, dass sich eine Dialektik so schön auflösen läßt:
Im Bild der ersten Assoziation (memento mori) steht Rost als Metapher für das Älterwerden. Älter zu werden aber bedeutet auch, zu leben. Gerhard Völkles Kunst thematisiert den gesamten Prozeß des Lebens. Seine besondere Farbe ist ein verblüffend genauer Ausdruck dieser Dialektik des Lebens.

Gerhard Völkle im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg
Rot, 2005, Öl / Blei auf Holzkasten
65 x 20 x 6cm,

Nach einem zweiten Besuch bei Gerhard Völkle, der im Dreiländereck Schweiz/Frankreich/Deutschland lebt, weiß ich, dass Gerhard Völkle gerade begonnen hat, verstärkt auch mit Wachs zu arbeiten. Erste Versuche sind hochinteressant. Da wird noch sehr viel passieren.

Bleiben wir (ausnahmsweise) lateinisch, aber (wie gewohnt) dialektisch: Was einerseits “memento mori“ uns sagt, bedeutet andererseits nichts anderes als
“Carpe diem” – Nutze den Tag.
Jürgen Linde im Juli 2012