Es ist wie es ist – über Doris Lasar

Doris Lasar im Internet:

Website: www.dlasar.kulturserver.de
E-Mail: doris-lasar@gmx.de
Telefon: 0721/853769

‘ “Es ist wie es ist”.
(Aus einem Pop-Song)

steht auf der letzten Seite des Katalogs, den Doris Lasar 1999 veröffentlicht hat. Schon ein paar Jahre zuvor ist mir die Malerei von Doris Lasar aufgefallen, wahrscheinlich durch ihre für mich faszinierenden Farbräume, die sie – wie ich inzwischen weiß – mit einer ganz eigenständigen Maltechnik erschafft: selbstgemischte Eitemperafarben auf Leinwand, die dann durch Einritzen der Farboberfläche nachträglich einen zeichnerischen Aspekt erhalten. Dies muß, da die Farbe ja recht bald trocknet, sehr schnell gehen. Dann ist das Bild fertig.

Doris Lasar

“Es ist wie es ist“ könnte von daher als Schlußwort unter jeder ihrer Arbeiten stehen. Doris Lasar verrät mir sogar, wie der Text weitergeht:
Es ist wie es ist
und es ist noch viel schlimmer-
Es ist für immer

Neben der besonderen Stimmung, die die Maltechnik und auch die zurückhaltende Farbauswahl erzeugen, ist den Arbeiten von Doris Lasar ein besonderer Humor eigen, oft satirisch, oft nur fast witzig.

Doris Lasar sucht einfache Formen. Typisches Beispiel ist die Zitrone: leicht können wir uns vorstellen, wie wackelig es sich anfühlen würde, mit dem Zitronenfahrrad zu fahren.
Zweifellos ist der Künstlerin deutscher Bierernst fremd, doch der Humor der Bilder entsteht eher aus der genauen Beobachtung unserer Welt. Einer Welt, in der wir mit Dingen, mit Gegenständen umgehen, die nicht so sind, wie wir glauben, die nicht das leisten, was sie zu leisten behaupten.

Zitronen-Fahrrad, 2002: Eitempera auf Leinwand, 50 x 100 cm
© Doris Lasar, VG Bildkunst Bonn 2020

Franz Kafka fällt mir hier ein: “Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern.“

Die Dinge beim Namen zu nennen, Wahrhaftigkeit – ein Anspruch, dem Kunst und Philosophie gleichermaßen gerecht zu werden versuchen. In der Welt der Sprache gelingt es am ehesten der Poesie, wahre Bilder zu finden, Metaphern, die für uns authentisch, “wahr” sind.
Bleiben wir noch kurz bei Kafka: Mit dem bekannten Begriff „kafkaesk“ verbinden wir Metaphern und Stimmungen, die viele – etwa in der Art eines schlechten Science-Fiction-Romans – einer anderen Welt zuordnen. Kafka, auf diese Weise gänzlich falsch verstanden, beschreibt jedoch nichts anderes als unsere Welt – und die Menschen darin.

Nach meinem Empfinden beschreibt Kafka unsere Welt sogar weit hellsichtiger und somit klarer als wir sie “normalerweise” mit unseren Worten zu beschreiben vermögen, näher an dem, was ist. Vieles ist nicht so, wie es uns erscheint, und meist genügt uns die Sprache kaum, um die Welt, wie sie uns erscheint, angemessen zu beschreiben.

Zwei Stühle, 2001; Eitempera auf Leinwand, 42 x 63 cm
© Doris Lasar, VG Bildkunst Bonn 2020

In diesem Sinn, denke ich, geht es Doris Lasar um Genauigkeit; die spezielle Technik, nach Auftrag der Farbe Linien zu ritzen und durch dieses zeichnerische Element klare Formen herauszuarbeiten und zu betonen, zeigt dies deutlich.

“Es ist wie es ist” – für mein Empfinden eine provokative, ironische Formulierung. Genau den Humor dieser Formulierung spüre ich in der Malerei von Doris Lasar.

Doris Lasar im SWO-Künstlerporträt im Kunstportal Baden-Württemberg
Qualle mit Schnörkeln, 2001; Eitempera auf Leinwand, 42 x 42 cm
© Doris Lasar, VG Bildkunst Bonn 2020

Die Künstlerin weiß sehr wohl: Es ist eben nicht, wie es ist, besser: es ist nicht, wie es uns erscheint.

Das humorvolle Element der Arbeit von Doris Lasar beruht meines Ermessens auf einer – hier implizit enthaltenen – dialektischen Wahrheit: auch wenn wir nicht wissen, wie es ist, so wissen wir doch, daß es auch anders sein könnte. Philosophen sprechen hier von Kontingenz, ein Thema, das wir bereits im Künstlerinnenporträt über Barbara Denzler vertiefen konnten.

Dem “Es ist wie es ist” will ich in diesem Sinne auch mit einem Statement aus der Pop-Welt entgegnen: aus einem Text von Herbert Grönemeyer:
“bleibt alles anders“.

Der Betrachter, 1999; Eitempera auf Leinwand, 60 x 80 cm
© Doris Lasar, VG Bildkunst Bonn 2020

Die Welt, unser Leben, prinzipiell alles könnte auch anders sein, es liegt an uns.
Lasars ironische Sicht auf unsere Welt verweist uns auf einen gestalterischen Spielraum, den wir haben, wenn wir ihn erkennen können. Einmal mehr drängt sich der Begriff der “Sehschule” auf, den wir vielen sehr guten Künstlern als Auszeichnung zuerkennen können. Ganz im Sinne von Paul Klees berühmter Aussage, der hier nichts mehr hinzuzufügen ist:

“Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, Kunst macht sichtbar.”
Jürgen Linde, 2003