Es soll ein Tag sein…- über Gundula Bleckmann

E-Mail: gundula-b@web.de

ruhig, in sich gekehrt, friedvoll – die kontemplativen Arbeiten von Gundula Bleckmann bewirken bei mir eine ganz eigene Stimmung. Ein gutes Gefühl.

Sinnlich intensiv sind diese Malereien. Man darf sie berühren, weil die Haptik ganz entscheidend ist und fühlt etwas Besonderes. Schon seit ein paar Jahren kenne ich Gundula Bleckmanns hochsensible Arbeiten und will über sie und ihre Kunst schreiben.
Mehr noch als sonst erscheint mir die verbale Sprache, erscheinen mir meine Worte hierzu als völlig unzureichend.

Gundula Bleckmann n ihrem Atelier; Foto: privat

Wer diese KünstlerInnenporträtserie verfolgt, weiß, daß wir darin immer wieder die Verbindungen und Grenzen zwischen verbaler Sprache und Bildender Kunst zu analysieren versuchen. Immer wieder auch gelangten wir zu Gedichten; die Lyrik, die selbst mit verbalen Mitteln Bilder schafft, scheint der Bildenden Kunst am Nahesten zu sein.

Nun wollen wir in diesem Geiste einen Versuch wagen: kürzlich wurde ich durch einen Zeitungsartikel erinnert an ein Gedicht von Lars Gustaffson: “Es soll ein Tag sein”.

Nach meinem Empfinden sind dieses Gedicht und die Bilder von Gundula so eng miteinander verbunden, daß wir einfach das Gedicht – über die folgenden Seiten hinweg – und die Bilder präsentieren.

Es soll ein Tag Anfang August sein

die Schwalben fort, doch eine Hummel

noch irgendwo, die im Himbeerschatten

ihren Bogen ausprobiert.

ohne Titel, 2006; Eitempera auf Nessel, 40 cm x 40 cm

Du sollst da sein,

aber du sollst nicht viel reden,

mir nur ein wenig über die Haare streichen

Ein leichter, doch nicht hartnäckiger Wind

soll über die Wiesen des August gehen.

und mir in die Augen sehen

mit diesem kleinen Lächeln

zuinnerst im Augenwinkel.

ohne Titel, 2004; Eitempera auf Nessel, 70 cm x 35 cm

Und dann will ich

nicht ohne Erleichterung

diese Welt verschwinden sehen

Lars Gustaffson: Es soll ein Tag sein
(aus dem Schwedischen von Verena Reichel)

Lars Gustaffson: Es soll ein Tag sein

Es soll ein Tag Anfang August sein
die Schwalben fort, doch eine Hummel
noch irgendwo, die im Himbeerschatten
ihren Bogen ausprobiert.
Ein leichter, doch nicht hartnäckiger Wind
soll über die Wiesen des August gehen.
Du sollst da sein,
aber du sollst nicht viel reden,
mir nur ein wenig über die Haare streichen
und mir in die Augen sehen
mit diesem kleinen Lächeln
zuinnerst im Augenwinkel.
Und dann will ich
nicht ohne Erleichterung
diese Welt verschwinden sehen

(aus dem Schwedischen von Verena Reichel)

Natürlich will man das Gedicht auch als Ganzes lesen. Und doch denke ich, daß wir Bilder und Gedicht in dieser Verbindung anders wahrnehmen. Nicht, daß sie sich “gegenseitig interpretieren“, aber ich vermute eine transzendentale, eine geistige Verbindung.
Ob unser Experiment Sinn macht, hängt davon ab, ob es gelingt, durch die Poesie den Zugang zur Bildenden Kunst zu erleichtern (diese Frage ließe sich logischerweise auch umgekehrt stellen).

Überzeugt davon, daß der Zugang zur Kunst, gerade der zu einem einzelnen Werk, eine individuelle Angelegenheit ist, wird dies von Mensch zu Mensch verschieden sein und in vielen Fällen auch scheitern.
Wenn ich meine eigene Wahrnehmung wiederzugeben versuche, so um die Idee dieser Verbindung deutlich zu machen, um eine Anregung zu geben.

Gundula Bleckmanns Bilder lassen Frieden spüren, leben von ihrer Haptik nicht weniger als von visuellen Elementen. Es geht um Übergänge, die ganz fein sind, aber nicht schwer, sondern leise und schön. Notwendig und richtig.
Der Übergang vom Leben in den Tod ist zweifellos notwendig. Leise und schön ist dieser Übergang dann, wenn das Leben erfüllt war, wenn der Tod akzeptiert werden kann als notwendige Vollendung des Lebens, welches wir ja nicht erklären können, ohne auch vom Tode zu sprechen.

ohne Titel, 2005; Eitempera a. Nessel 130 x 115 cm

Gundula Bleckmanns Kunst beschreibt die Schönheit eines erfühlten Lebens, welches zum Tod nicht mehr in Widerspruch steht. Wenn Bewegung und Ruhe in einer dialektischen Beziehung stehen, so wird hier die Synthese erahnbar. Heimat im Sinne Ernst Blochs klingt hier an.

Ein Übergang in hellem Licht – Es soll ein Tag sein.
Jürgen Linde, im Mai 2006