Fingerabdruck der Landschaft – über Johannes Gervé

Johannes Gervé
Marienstraße 73 | 76137 Karlsruhe | Fon: 0721/84 36 45
mail: johannes@gerve.de
Internet: www.gerve.de

“Abstrakt zu arbeiten ist Teil gegenständlicher Kunst. Die Form und die Bedeutung des Gegenstandes stehen im Kontext zu abstrakten Gesetzen.” (Johannes Gervé)
Johannes Gervé versteht sich als Landschaftsmaler.

Johannes Gervé bei der Arbeit; Foto: privat

Stilleben, Aquarelle, Radierungen – das künstlerische Spektrum des Malers ist durchaus breiter, aber es sind die Landschaften in Temperafarben, die ich zuerst kennenlernte und deren Geheimnis ich auf die Spur kommen will.

Wer jetzt denkt, “Landschaftsmalerei – das klingt aber uninteressant”, sollte sich die Bilder ansehen, die Johannes Gervé malt: etwa das “Reisfeld”. Nicht nur erschließt sich die Gegenständlichkeit des Bildes erst auf den zweiten Blick, der Künstler irritiert uns mit seinen ganz besonderen Perspektiven.

Eine der eigenwilligsten Perspektiven des Künstlers ist der Blick von oben; ein Reisfeld etwa erscheint dadurch als Kombination von Farbflächen – und doch sind es die Farben der Natur, die Johannes Gervé in ihrer jeweils ganz speziellen Atmosphäre wiederzugeben versucht, so daß wir doch die Landschaft erkennen.

Reisfeld, 2000; Tempera auf Leinwand, 27 x 32 cm
© Künstler; VG Bildkunst Bonn 2020

Anders als ein klassischer Landschaftsmaler, der vor seiner Staffelei in der Natur das Gesehene mehr oder weniger abbildhaft wiederzugeben versucht, rekonstruiert Gervé seine Bilder aus Erinnerungen der vielen Reisen, die er gemacht hat. Manchmal entstehen spontane Bleistiftskizzen, die er in Sekundenschnelle in ein Skizzenbuch einträgt.

Die Bilder sind daher schon mehrfach vermittelt, wenn sie auf der Leinwand entstehen. Nur, was als Eindruck geblieben ist, was sich für ihn als Essenz oder Substanz, als Farbe oder Farbklang, als Struktur oder Strukturmuster herausgebildet hat, ist die geistige Vorlage, aus der heraus das Bild dann entsteht. Die Skizzen, soweit vorhanden, geben nur Anhaltspunkte.

Aus vielen von Gervés Landschaftsbildern können wir die Vorstellung einer konkreten Landschaft entwickeln; interessanter für mich sind jedoch die Bilder, deren Gegenständlichkeit so gering ist, daß dies kaum mehr möglich ist.
Diese Bilder haben deshalb nicht weniger Anziehungskraft oder weniger Wahrheit; die Reduktion läßt nichts – nichts Wichtiges – weg, sondern sie faßt zusammen und konzentriert.

Frachtschiff Bombay, 1998; Tempera auf Leinwand, 40 x 51 cm
© Künstler; VG Bildkunst Bonn 2020

Schon mehrfach haben wir gesehen, daß die Wahrnehmung eine sehr persönliche, individuelle Angelegenheit ist: jeder sieht sein eigenes Bild, beeinflußt von eigenen Seherfahrungen, Erinnerungen, Stimmungen etc. Im Zeitraum zwischen der konkreten Seherfahrung und der späteren Rekonstruktion verändert sich dies natürlich weiter; Details fallen weg, die Landschaft wird weniger konkret – gleichzeitig aber wird sie klar charakterisiert.

Vielleicht so: genau diese Farben sind es, die diese spezifische Landschaftsbetrachtung zu einer bestimmten Tages- und Jahreszeit, mit einem bestimmten Licht kennzeichnen. Diese Quintessenz, die nicht allgemeingültig für uns alle gilt, sondern nur für den Künstler, ist nun Gegenstand des Bildes, nicht mehr die Landschaft im “normalen” Sinne.

Taxifahrt Tanjavur, 2000; Tempera auf Leinwand, 46 x 51 cm
© Künstler; VG Bildkunst Bonn 2020

Nun noch einmal zur Künstlerpersönlichkeit Johannes Gervé: Nach der schwierigen Schulzeit, die er als lebensbedrohlich empfunden und deshalb abgebrochen hatte, hat er die Chance, im Studium der Malerei endlich das zu tun, was er eigentlich will, als eine unglaubliche Befreiung empfunden.

Johannes Gervé sagt:”Ich male, auch wenn dies der momentanen Kunstmode nicht entspricht, das, was ich sehe und fühle.”
So produziert er Bilder, die unmittelbar sinnlich ansprechen – ganz anders als die konzeptuelle Kunst, deren starke Präsenz er auch auf die kunstszenebestimmende Macht der zahlreichen KunsthistorikerInnen zurückführt …

Vielleicht liegt die Abstraktion der Bilder von Johannes Gervé in der beschriebenen Reduktion des vielfach vermittelten Gegenstandes; wenn die Gratwanderung zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion noch weiter vorangetrieben wird, entsteht so etwas wie ein
Fingerabdruck der Landschaft.

Jürgen Linde, im Juli 2003