Poesie des Lichts – über Christiane Grimm

Für alle Bilder in diesem Beitrag gilt (soweit nicht explizit genannt): © cyan, Heidelberg)

Christiane Grimm im Internet: Website: www.christianegrimm.de/
E-Mail: christianegrimm@t-online.de@web.de

Mit dem Text über Christiane Grimm und ihre künstlerische Arbeit können wir direkt anknüpfen an unser letztes Künstlerinnenporträt:

Christiane Grimm | © Foto: Raphaela Maentele

“Eintauchen in die Weite des Seins” – dieses Papstzitat war der Titel des letzten Künstlerinnenporträts. Thema darin waren Zusammenhänge zwischen Religion und Kunst; Thema war auch Licht als Material der Kunst. Erneut geht es um Licht.
Christiane Grimm – lichtarchitekturen
steht auf der Einladungskarte, auf der mir der Name der Künstlerin erstmals begegnet. Daneben das Foto eines Objekts aus Glas und Farbe. Die Ausstellung, für die hier geworben wurde, war leider längst vorbei – so hebe ich die Karte auf für eine spätere Kontaktaufnahme.

Christiane Grimm: Glasobjekt, 2007; Höhe 34cm, Brfeite 49 cm, Tiefe 40
Multiplex gewachst und Echtantikglas | © Sammlung Marli Hoppe-Ritter

Bei einem Besuch hier in Karlsruhe bringt mir die Künstlerin einen im Jahr 2007 in der Weisenburger-Stiftung erschienenen Katalog mit, in welchem die malerische Arbeit Grimms den Schwerpunkt bildet.

Schon länger befasst sich die Künstlerin malerisch und zeichnerisch mit Licht, mit Konturen und Übergängen – mit den Grenzen des Raumes und mit Grenzbereichen unserer Existenz.

Ohne Titel, 2007; Ölfarbe auf Leinwand, 90 x 70 cm
© Künstlerin, VG Bildkunst 2020

Jetzt erst sehe ich die Lichtskulpturen in ihrem Kontext: für die Architektin Christiane Grimm ist die Fortsetzung der beschriebenen Auseinandersetzung in Richtung Skulptur/Raumobjekte sicher kein fremder Weg.

Einige von Christiane Grimms Glasobjekten können wir wahrnehmen als kleine Bauwerke, wobei aus der sensiblen Einbeziehung des Lichts eine eminente Lebendigkeit entsteht.Wesentlich sind hier zwei thematische Aspekte: die Auflösung des Raumes und die ständige Veränderung: durch den Wechsel von Intensität und Einstrahlwinkel des Lichts. Auch aufgrund der Bewegung des Betrachters ist das Bild für jeden ein anderes und auch für jeden einzelnen nie zweimal dasselbe. Die Brechungen durch semitransparente Materialien und Färbungen verstärken dies noch.

Leicht kann ich mir gerade die eher kleinen Objekte auch vorstellen als große, begehbare Objekte, in denen man statt Betrachter Teil des Kunstobjektes würde.

Es geht Christiane Grimm um die Entgrenzung des Raumes; bisher in der Malerei, jetzt auch im dreidimensionalen Bereich.
Der Künstlerin, die vor noch nicht mal drei Jahren die Skulptur als Arbeitsfeld entdeckt hat, gelingt es, den hohen Maßstäben, die sie mit Sensibilität und Feinheit der Übergänge in ihrer Malerei gesetzt hat, jetzt auch in ihren Objekten gerecht zu werden.

Glasobjekt, 2007; Multiplex, Echtantikglas, Industrieglas, 26 x 24 x 15 cm
© Künstlerin, VG Bildkunst 2020

Dies ist beeindruckend, denn was die Entgrenzung des Raumes betrifft, bietet ironischerweise – oder besser: dialektischerweise – die zweidimensionale Arbeit gegenüber der dreidimensionalen einen höheren Abstraktionsgrad.

Während der Betrachter der Skulptur deren real-räumliche Dimensionen vor Augen hat, entstehen die räumlichen Aspekte der Malerei erst im Prozess des Betrachtens -rekonstruierend. In der Malerei kann der Künstler hier dekonstruierend vorgreifen und Grenzen hinterfragen, bevor sie entstehen.

Wie das obige Bild veranschaulicht, gelingt dies Christiane Grimm auf sehr poetische Weise.

Ihre Kraft gewinnt diese Poesie aus der Einfachheit, aus der Reduktion der eingesetzten Mittel; im Kern sind es Licht und Farbe. Das erinnert mich an Gerhard Richters Kunstwerk im Kölner Dom. Mit seinem Kirchenfenster zeigt er uns Licht und Farbe als die zentralen Elemente der Bildenden Kunst und gleichermaßen als die Bausteine all unserer Bilder, unseres Weltbildes; er zeigt in Köln potentiell alle Bilder.

Ein wenig pädagogisch anmutend eine für mich geniale Arbeit, die auch eine erkenntnistheoretische Dimension hat. Mit Kant formuliert zeigt Richter nicht weniger als die Bedingungen der Möglichkeit der Bildenden Kunst.

Nicht alle haben dies verstanden. Vielleicht ist es auch zu einfach: Richter gelangt in seiner radikalen Reduktion zu dem Baukasten, aus dem wir schon immer schöpfen, den die KünstlerInnen immer schon benutzen.

Gleichsam das Einfache hinter dem Geheimnisvollen.

summertime, 2007; Ölfarbe auf Leinwand, 80 x 120 cm © Künstlerin, VG Bildkunst 2020

Grimm arbeitet mit den genannten Werkzeugen und Elementen einerseits sehr reduziert, indem sie sie jeweils nicht oder nur wenig verändert.
Christiane Grimms Lichtkunst gewinnt ihre Kraft andererseits daher, dass sie diese einzelnen Bauelemente in Beziehung setzt – zueinander und zum Raum.

Sichtbar wird das Geheimnisvolle hinter dem Einfachen.
Es entsteht eine visuelle Ursprache, es entsteht eine
Poesie des Lichts.

Jürgen Linde, 1999