Sommerhitze – über Gesine Peterson

Aktuelle Ausstellungen und Projekte von Gesine Peterson

membran,2008 | Serie, 55 x 65 cm
© Gesine Peterson, VG Bildkunst Bonn 2020

Sommerhitze – über Gesine Peterson
Die Malerin lebt und arbeitet in Friedrichstal nahe Karlsruhe in einem ehemaligen Tabakmagazin. Gesine Peterson und ihr Ehemann haben dieses – noch immer nach Tabak duftende Haus – vor Jahren renoviert. Bekannt ist das Tabakmagazin über die Region hinaus, weil Gesine Peterson hier auf zwei Etagen mit je 300 Quadratmetern Fläche einmal im Jahr Raum für Kunstausstellungen bereitstellt, die sie dann selbst mit enormer Energie organisiert.
Auf geheimnisvolle Weise scheint die höchst eigenständige künstlerische Arbeit von Gesine Peterson verwoben zu sein mit dem Tabakmagazin als “Kunstraum“. Dem wollen wir nachgehen.

Begrenzt auf jeweils etwa zwei Wochen, werden die Ausstellungen im Tabakmagazin mit musikalischen und kulinarischen Leckerbissen ergänzt, so dass es immer Gründe gibt, mehrfach dorthin zu fahren.

Etwa 10-12 geladene KünstlerInnen freuen sich jedes Mal, in dieser ganz besonderen Atmosphäre eine Werkausstellung bieten zu können. Alles ist hier möglich: Plastik, Malerei, Grafik, Fotografie, Video, Installation.
In dieser kreativen Vielfalt bildet Gesine Peterson eine Art ruhenden Pol, die Künstlerin und Gastgeberin, die alles koordiniert und zwanglos vieles integriert – und dies irgendwie auch in ihrem eigenen künstlerischen Schaffen:

Denn es geht der Künstlerin um Reduktion – im Sinne des Verzichts auf Gesten, nicht von Farben. Waagrechte und senkrechte Linien geben den aktuellen Arbeiten ihre Struktur. Dennoch kann man sich der intensiven sinnlichen Anmutung dieser Kunst nicht entziehen:

grün und rot mit blau, 2008 | serie 55 x 65 cm
© Gesine Peterson, VG Bildkunst Bonn 2020

Mit den Farben gibt die Künstlerin den Bildern ganz eigene Dynamik, die in vielen Fällen eine Art Rhythmus ergibt. Tatsächlich glaube ich, dass ein guter, improvisationsgeübter Jazzmusiker manches Bild von Gesine Peterson “direkt“ spielen könnte – so deutlich ist die Assoziation von Noten, von Musik.

Ganz konkret denke ich hier an den amerikanischen Komponisten Steve Reich, der seine Minimal-Musik ja teils auch aus der Umsetzung von Strukturmustern entwickelt; unter anderem hat er durch die Umsetzung der Rhythmusstrukturen von Psalmen wunderbare Musik geschaffen (das Album heisst “Tehilim”, das ist das hebräische Wort für Psalmen).

Kommen wir zurück auf unsere Eingangsthese. Die Vermittlung der Kunst über die verschiedennen Formen und Medien hinweg ist integraler Bestandteil der eigenen künstlerischen Arbeit von Gesine Peterson, die aus der Malerei heraus eine (im Sinne von Hermann Hesse) glasperlenspielartige Metaebene entwickelt, die etwa Verbindungen zur Musik sichtbar macht; die Bildtitel übrigens wie “Gartenidylle“ oder “Sommerhitze“ erlauben durchaus Assoziationen zu Film oder auch zum Theater.

rechteck diagonal, 2009 | 20 x 20cm
© Gesine Peterson, VG Bildkunst Bonn 2020

Es geht Gesine Peterson auch darum, den Leuten die Kunst nahe zu bringen. Eine durchaus sehr schwierige Aufgabe, zu der wir uns einen ganz kleinen Exkurs erlauben, da wir hier mit dem kunstportal-bw ja ebenfalls auf dieser Baustelle – Kunstvermittlung – arbeiten: welch enorme Bereicherung die Beschäftigung mit Kunst dem eigenen Leben bringt, erfährt schließlich nur, wer sich darauf einlässt. Was rückblickend als einfache Übung erscheinen mag, kostet zuerst einmal Überwindung, Energie. Es bedarf eines Verhaltensmusters, das in unserer Konsumgesellschaft verloren zu gehen droht: Kunst wird nicht serviert – fertig zum Verbrauch, sondern Kunst fordert uns heraus, Kunst konfrontiert uns – mit fremden Dingen, mit Lebens- und Geisteswelten, mit denen umzugehen wir nicht gewohnt sind, die aber neugierig machen, interessant sind. So hart es ist: Kunst konfrontiert uns mit uns selbst.

Kunst betrachten und Kunst selbst gestalten, zwei durchaus verschiedene Prozesse, finden auf dieser Ebene zueinander; Kunst zu betrachten ist ein wesentlicher Teil des Kommunikationsprozesses, als den ich Kunst zu verstehen versuche. Jeweils zwischen Betrachter und Kunstwerk entsteht eine Verbindung, die, anders als in der verbalen Sprache, keine Allgemeingültigkeit beansprucht, sondern ganz individuell entsteht.

sommerhitze, 2005 | 130 x 140cm
© Gesine Peterson, VG Bildkunst Bonn 2020

Neben den Grenzen und Übergängen zwischen Bildender Kunst und (verbaler) Sprache beschäftigt uns hier ja auch immer schon der Grenzbereich der Bildenden Kunst zur Musik.

Ist denn, wenn unsere Annahme eines individuellen Sehens/Wahrnehmens von Bildern stimmen sollte, auch das Hören von Musik genauso ein individueller Akt?
Wir wollen diese schwierige Frage hier nicht zu sehr vertiefen, doch auf den ersten Blick würde ich dies verneinen: Musik, jedenfalls wenn sie komponiert, schriftlich fixiert ist, hat insofern einen höheren Verbindlichkeitsgrad, ein Musikstück will “für alle gleich klingen“. Zu analysieren, welche Rolle dann die jeweils verfügbaren Instrumente/ Musiker/ Besetzungen/ Dirigenten / Produzenten/der aktuelle Markt spielen, bedürfte einer umfassenden Studie.

Bevor wir uns dieser anstrengenden – womöglich schweisstreibenden – Arbeit zuwenden, warten wir doch lieber auf die ganz natürliche

Sommerhitze.
Jürgen Linde im März 2009