vom Atem der Freiheit – Iris Kamlah

“Der letzte Strohhalm I” | Kunststoff-Objekt 2017 | © Iris Kamlah; VG Bildkunst Bonn 2018

“Der letzte Strohhalm“ war das wunderbare Objekt von Iris Kamlah, das ich auf die kunstportal-bw-Seiten der GEDOK Karlsruhe gesetzt hatte, um die Ausstellung “Kunst-Stoff“ zu präsentieren, an der eben auch Iris Kamlah maßgeblich beteiligt war. Dies war für mich das auslösende Moment, um endlich die in Karlsruhe lebende Künstlerin zu kontaktieren, deren Arbeiten mir immer wieder als hochinteressant aufgefallen waren.

Der Arbeitsschwerpunkt von Iris Kamlah liegt jedoch bislang weniger bei solchen Skulpturen/Raumobjekten als vielmehr bei der Malerei – und diese ist nicht weniger spannend:

Atmosphärisch intensive Farbräume, geradlinige Formen im Bild genauso wie schaumartige, irgendwie organisch wirkende Elemente integriert die Künstlerin virtuos zu Gesamtkompositionen.

Die gerne traumhaft anmutenden Szenen, die wir aus David Lynchs Filmen schätzen und lieben gelernt haben, scheinen hier näher als alle standardmäßigen Schubladen, mit denen wir sonst gewöhnlich hantieren, um uns zu orientieren, vielleicht um nicht ganz und gar durcheinander zu geraten.

Iris Kamlah aber bringt uns durcheinander, stößt Gedankengänge an, schafft Impulse zur individuellen Interpretation, macht neugierig – woher kommen diese Bilder?

Iris Kamlah im kunstportal-bw:
ahoi I | 20 x 20 cm | Acryl, Kreide, Papier auf Holz | © Iris Kamlah; VG Bildkunst Bonn 2018

Es sind oft nur angedeutete Räume, Zwischenräume, die uns hier begegnen, und in denen geometrische Grundformen und kleine Zeichen zu kommunizieren scheinen. Ein Dialog zwischen Formen und Farben ensteht – und damit die Einladung zum “Gedankenspaziergang” des Betrachters.
Die Künstlerin verwendet unterschiedliche Materialien, um ihre Kompositionen zu erstellen. Hauptbestandteil der Arbeiten sind Acryl und Kreide, aber auch Tusche, Bleistift und Papierfragmente kommen sehr oft zum Einsatz. Als Bildträger wählt Iris Kamlah bevorzugt Leinwand oder Holz.

Passage I |60 x 60 cm | Acryl, Kreide auf Leinwand | © Iris Kamlah; VG Bildkunst Bonn 2018

Hauptaugenmerk ist die Reduktion sowohl auf wenige Bildelemente als auch auf wenige Farben: schwarz/weiß/grau kommt fast überall vor, kombiniert jeweils mit einer weiteren Farbe beziehungsweise Farbtönen, die einer Farbfamilie angehören. Diese “Reduziertheit” ist sehr bezeichnend für die gesamte Arbeit der Künstlerin:

Kleiner Freund I | 60 x 60 cm | Acryl, Kreide auf Leinwand |© Iris Kamlah; VG Bildkunst Bonn 2018

Und doch bleibt – oder wird – am Ende alles überschaubar: die Fokussierung auf wenige Farben schafft dann eine – keineswegs bruchlose, aber doch sichtbare – Stimmigkeit.
Scheinen Kamlahs Werke zunächst etwas Geplantes und Konstruiertes auszustrahlen, so besitzen sie gerade durch den Einsatz von Brüchen und Kontrasten etwas Spielerisches – Spiel im Sinne von Vielfalt und Lebendigkeit.
Erscheint hier ein wenig Vision von Harmonie und Frieden?

Iris Kamlah ordnet und bricht, komponiert und kontrastiert, harmonisiert und polarisiert gleichzeitig. Sie macht, was sie will – und findet ganz eigene künstlerische Mittel und Wege.

Es begann mit einem – mit dem – letzten Strohhalm. Und wir nehmen den nächsten erfrischenden Zug durch den Halm – vom Atem der Freiheit.
Jürgen Linde im Januar 2017

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