Zur Lage der Welt – über Harald Kille

Internet: www.haraldkille.de
E-Mail: harald.kille@web.de

Seit ich Harald Kille bei der Karlsruher Künstlermesse 2003, damals bei der EnBW, kennenlernte, bin ich begeistert von seinen meist großformatigen Gemälden. Große Gesten und detailgenaue Ausarbeitungen verbindet er zu Bildern, die den Betrachter in ihren Bann ziehen, ihm Zeit abverlangen und sehr genaues Hinsehen.

Harald Kille, © Foto: privat

Harald Kille ist ein politischer Mensch, der in seiner künstlerischen Arbeit immer wieder politische Themen bearbeitet. Eine heikle Angelegenheit, wenn man – so wie ich – der Ansicht ist, daß Kunst und politische Botschaften einander ausschließen.
Andererseits ist Kunst aber doch fast immer politisch, jedenfalls dann, wenn sie sich mit unserer Welt im Sinne von Gesellschaft auseinandersetzt . Wie das möglich ist, analysieren wir anhand der Arbeiten von Harald Kille. Wir beziehen uns auf die Serie Abu Ghraib Prison Pictures/ Ecce homo – ein hochpolitisches Thema also.

Vorab: Kille formuliert oder transportiert nirgends in seinem Werk politische Botschaften. Eine solche Instrumentalisierung der Kunst ist für ihn unvereinbar mit der künstlerischen Freiheit, die ihm am Herzen liegt und die er braucht, um arbeiten zu können; auch sind ihm eindimensionale Sichtweisen jeder Art offenbar zuwider.

Die Politik liegt bei Kille nicht nur in den gewählten Themen, sondern auch in der besonderen Vorgehensweise des Künstlers:
Ausgangspunkt seiner Malerei sind Bilder in Form von Fotos oder auch, wie im Falle der Abu Ghraib-Serie, Bilder, die er im Internet findet.

Diese Bilder kombiniert er zu Gruppen, wobei inhaltliche wie auch ästhetische Überlegungen mitspielen. Dann folgt die malerische Umsetzung der einzelnen Gruppen zu großformatigen Bildern (2 x 1,6 Meter). Die Werke bestehen daher oft aus zwei bis vier einzelnen Bildern, die auch im fertigen Werk noch klar unterscheidbar sind. Auf diese Weise kann er in einem einzigen Bild mehrere Perspektiven verbinden.

Angekettet, 200 x 160 cm
© Harald Kille, VG Bildkunst Bonn, 2020

Die Abu Ghraib-Serie, die erste künstlerische Bearbeitung dieses Themas (vor Fernando Botero), ist eine von drei, jeweils aus zwölf Bildern bestehenden, Serien. Diese drei Serien wiederum bilden gemeinsam die Triologie “Weltlage”.
Die beiden andern Serien haben die Titel “Kopftuchserie“ (2004/2005) und “Congress and Supermarkets“ (2003/2004); beide sind vollständig auf Haralds Website zu finden.


Aus der Vorgehensweise ergibt sich nun eine gewisse Gegenständlichkeit. Die uns erkennen läßt, worum es geht, die jedoch künstlerisch überlagert und durchbrochen wird.
Harald Kille entgeht der befürchteten Instrumentalisierung, indem er auf Werturteile verzichtet . Wie die Fotos, die er als Ausgangspunkt nimmt, sind seine – insofern beschreibenden – Bilder gewissermaßen wertfrei. Zusammenhänge zu erkennen und zu bewerten, überläßt er dem Betrachter.

Genau hier aber liegt der politische Aspekt. Am deutlichsten wird dies in einem Bilderzyklus, den Harald Kille gerade erst begonnen hat: Mozart-Requiem / Masse und Macht ist der Titel. Masse und Macht – eines der Hauptwerke von Elias Cannetti – ist das Thema, das er am Beispiel eines Chors bearbeitet. Ausgangspunkt bilden Fotos, die er bei laufendem Programm vom Fernsehbildschirm gemacht hat. Unsere Mediengesellschaft und die Vermittlung von Bildern und Inhalten über Medien sind ein Generalthema für Kille.

Good morning little schoolgirl, 200 x 160 cm; (aus der Kopftuch-Serie)
© Harald Kille, VG Bildkunst Bonn, 2020

Nehmen wir den Mozart-Chor: der Chor, in irgendeinem Konzerthaus, wird mit Kameras gefilmt. Die bewegten Bilder werden per Satellit oder Kabel übertragen auf die TV-Bildschirme. Harald Kille fotografiert vom Bildschirm, läßt die Fotos entwickeln und gruppiert sie auf DinA4-Blättern.

Auf der Kiste, 200 x 160 cm | © Harald Kille, VG Bildkunst Bonn, 2020

Dann beginnt die Malarbeit, die zunächst sehr mühsam ist. Nach einer Weile gewinnt das gemalte Bild eine Eigendynamik, fragt und fordert den Künstler, dem die Arbeit ab diesem Zeitpunkt leichter von der Hand geht – er spricht von einer dialogischen Phase, einem Geben und Nehmen.

Während die Bilder zuvor, auf ihrem Weg durch die Massenmedien, eher auseinanderlaufen, von Dritten ausgewählt, sortiert, geschnitten und verändert werden, ist der künstlerische Prozeß des Malens einer der Rekonstruktion: Tiefe wird neu geschaffen und Zusammenhänge werden sichtbar gemacht. Entgegen der Beliebigkeit der TV-Bilder entstehen hier konzentrierte und hochkomplexe Momentaufnahmen
– zur Lage der Welt.

Jürgen Linde, im September 2006