Die Wahrheit zum Lachen bringen – über Jürgen Knubben

Jürgen Knubben im Internet:
www.juergenknubben.de
E-Mail Jürgen Knubben: info@juergenknubben.de

“Ein alter Jude hat mir einmal erklärt, daß Wasser und Zeit dieselbe Bedeutung haben.”
So Emil Wachter in einer kurzen Ansprache zur Vernissage seiner Ausstellung “Wasserbilder“ am 20. August 2004 im Fasanenschlößchen in Karlsruhe.
Gleich aus zwei Gründen beginne ich meine Überlegungen über Jürgen Knubben und dessen künstlerische Arbeit mit einem Zitat von Emil Wachter:

Künstlerporträt Jürgen Knubben im Kunstportal Baden-Württemberg
“Alles ist im Fluß”, 1997, Stahl massiv, ca. 300 x 460 x 150 cm, Installation in der Donau bei Beuron
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Erstens ist Jürgen Knubben genauso wie Emil Wachter gelernter Theologe, was ja für die jeweilige künstlerische Arbeit von Bedeutung sein könnte.

Zweitens sind wir in dieser Reihe der Künstlerporträts seit einiger Zeit auf der Suche nach Zusammenhängen zwischen Sprache und Bildender Kunst und konnten mehrfach feststellen, daß die lyrische Sprache mit ihren Metaphern, die wir als “sprachliche Bilder“ verstehen, in gewisser Weise zwischen diesen beiden Welten oder auf dem Weg von der einen zur anderen zu lokalisieren ist.

Die von Emil Wachter zitierte Verbindung von Zeit und Wasser kommt einer Metapher schon nahe, weil in unserem Sprachgebrauch manchmal “die Zeit fließt“ (oder uns gar davonläuft!), weil Wasser fließt und weil ein Fluß ja nahezu paradigmatisch unser Leben oder gar den Lauf der Welt zu symbolisieren scheint.

Künstlerporträt Jürgen Knubben im Kunstportal Baden-Württemberg
Jürgen Knubben, Foto: privat

Alles noch sehr vage? Ja. Aber da uns Jürgen Knubben mit seiner Serie “Alles ist im Fluss“, einem gleichermaßen philosophisch ernsten wie wortspielerisch fröhlichen Titel, zu einer Vielzahl von Assoziationen ermutigt, wollen wir hier einen Versuch wagen:

Bei allem Ernst und aller Tiefe, die Knubbens Kunst und auch der Künstler selbst ohne Zweifel ausstrahlen und der wir auch näherkommen werden: mein erster Eindruck, der sich bei vielen von Knubbens Arbeiten einstellt, ist der eines ironisch-distanzierten Blickes auf die Welt, der mir viele Perspektiven zu öffnen scheint.
Wir wollen nun diese “Reihe von Fenstern öffnen“ und sehen, ob wir aus den verschiedenen Streiflichtern eine klare Kontur herausarbeiten können.

“panta rhei- alles fließt” war das erste Streiflicht:, von Knubbens “Alles ist im Fluß“ nahegelegt.

Künstlerporträt Jürgen Knubben im Kunstportal Baden-Württemberg
Aus “Città ideale”, 1998-2004, Stahl, Höhe 60 cm
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Mensch/Natur
Knubbens Objekte bringen weitere Themen ins Spiel:
Etwa “Die Instrumentelle Vernunft“, Titel eines mir bis heute unterschätzt erscheinenden Textes von Max Horkheimer, der darin die Funktionalisierung der Sprache und die sprachlich vermittelte Herrschaft in der Beziehung des Menschen zur Natur aufzeigt und untersucht.

Bei seinen Skulpturen, häufig Varianten eigentlich alltäglicher und selbsterklärend-sinnvoller Werkzeuge, eher seltsamen Leitern und insbesondere den Rädern, erscheint die Satire nicht weit und die Realität womöglich noch näher – sind das nicht die Räder, auf denen Deutschland derzeit fährt?

Rad I, 1996 | Stahl, 100 x 200 x 100cm
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Zeit
ist das zweite Streiflicht:
die Zeit ist auch sofort im Spiel, weil auffällt, daß Jürgen Knubben ausschließlich mit Stahl arbeitet., dieser aber dabei nur selten rostfrei auftritt: die Verwandlung, die Metamorphose des so harten, dauerhaften Materials verweist auf die Zeit, die im Katalog “Alles ist im Fluß“ mit dem Fortgang der Jahreszeiten von Bild zu Bild auch explizit thematisiert wird. Auch bringen die Skulpturen mit ihren Zwischenräumen immer wieder die Natur ins Spiel und deren Zeit – ist dies eine andere Zeit? Jürgen Knubben wirft Fragen auf. Er stellt sie in den Raum.

Künstlerporträt Jürgen Knubben im Kunstportal Baden-Württemberg
Leiter V, 1995 | Stahl, 200 x 50 x 200 cm
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Wer kennt nicht Umberto Ecos Roman “Der Name der Rose”, der als Detektivgeschichte gelesen werden darf, aber auch als historischer Roman oder als philosophische Schrift.

Eco ist ein wahrhaft gelehrter und umfassend gebildeter Autor, dem es gelingt, all diese Perspektiven zu vereinen: Neben dem Wissen und schriftstellerischen Talent bedurfte es dazu großer Distanz – und des Humors eines weisen Mannes.

Damit kommen wir zum letzten Streifllicht:
“Die Wahrheit zum Lachen bringen“

Erinnern wir uns an die Geschichte : das so gefährliche Buch, das verborgen werden sollte, war ein satirisches; geeignet, die Wahrheit zu zeigen und damit Autorität und Macht der Kirche zu gefährden…

Zu Jürgen Knubbens Leitern fällt mir folgende Textstelle ein:
“Die Ordnung, die unser Geist sich vorstellt, ist wie ein Netz oder eine Leiter, die er sich zusammenbastelt, um irgendwo hinaufzugelangen. Aber wenn er dann hinaufgelangt ist, muß er sie wegwerfen, denn es zeigt sich, daß sie zwar nützlich, aber unsinnig war.“

Künstlerporträt Jürgen Knubben im Kunstportal Baden-Württemberg
“Alles ist im Fluß”, 1997, Stahl massiv, ca. 300 x 460 x 150 cm, Installation in der Donau bei Beuron | © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

“Vielleicht gibt es am Ende nur eines zu tun, wenn man die Menschen liebt: sie über die Wahrheit zum Lachen bringen,

die Wahrheit zum Lachen bringen.“
(Umberto Eco: “Der Name der Rose”, letztes Kapitel, Seite 624)
Jürgen Linde, im September 2004