Gesellschaft erzählen – über Stephanie Marie Roos

Die “Hybridin” war die erste Skulptur, die ich von der Bildhauerin Stephanie Marie Roos gesehen habe. Die Gedok Karlsruhe hat mir ein Bild dieser Skulptur gesandt, weil dort – im Rahmen der Ausstellung “SECHS NEUE” (14.03. – 09.04.20) – Stephanie Marie Roos als eine der seit 2018 neu aufgenommenen Künstlerinnen vorgestellt wird.
Am ersten Tag der art Karlsruhe 2020 habe ich die Künstlerin dann auf der Messe persönlich kennen gelernt.

Stephanie Marie Roos: Hybridin, 2017 (Detail); © Künstlerin, VG Bildkunst Bonn 2020

Am Messestand der Majolika-Manufaktur Karlsruhe waren einige ihrer Arbeiten zu sehen. Die Künstlerin, die in ihrem Atelier einen eigenen Brennofen hat, erklärt zu ihrer Arbeit:
“Meine Arbeiten sind hohl aufgebaut, dünnwandig, meist unglasiert, da ich die zeichnerischen Strukturen in der Oberfläche erhalten möchte. Farben werden im ungebrannten Zustand als Engobe aufgebracht. Glasur kommt dann zum Einsatz, wenn ein Element glänzen soll, wie zum Beispiel ein Spiegel oder glänzende Fäden in einem Textil.”

Die Arbeiten der Künstlerin, in deren Figuren man einen autobiographischen Bezug vermutet, verbindet meist ein feiner Humor – ein lakonischer Blick auf die Welt scheint ihnen eigen. Distanz und Nähe in einer sehr spannenden Verbindung.

“Verstehen, wie wir Menschen funktionieren” benennt die Künstlerin eines ihrer zentralen Motive. Es geht ihr dabei nicht um medizinische oder naturwissenschaftliche Zusammenhänge: Stephanie Marie Roos interessiert sich dafür, wie Menschen sich selbst begreifen, ihre Identität suchen und definieren.
Dies allein – schon schwierig genug – wäre eine umfassende Agenda für künstlerische Arbeit. Wer aber nach Identität und nach Individualität fragt, eröffnet ein unendlich erscheinendes Feld: der Mensch – bekanntlich ein soziales Wesen – definiert sich immer auch durch, mit der oder gegen die soziale Gemeinschaft, in der er lebt.

Stephanie Marie Roos: Reflexion I, 2018
© Künstlerin,VG Bildkunst Bonn 2020

Wie bei der “Hybridin” geht es der Künstlerin immer wieder um Geschlechterrollen, um Identität, mehr aber wohl noch um gesellschaftliche Rollen insgesamt. Sie zeigt, wie bestimmte soziale Zugehörigkeiten sich in Körperhaltungen, aber auch durch bestimmte Arten der Kleidung und der Accessoires ausdrücken.
Insofern arbeitet Stephanie Roos gewissermaßen soziologisch – ihre Skulpturen könnte man teilweise (im Sinne des Soziologen Max Weber) lesen als Idealtypen für bestimmte Rollenbilder.

Stephanie Marie Roos: colours, 2017 |
© Künstlerin,VG Bildkunst Bonn 2020

Und doch genügt mir dies längst noch nicht, um die Anziehungskraft der Figuren zu erklären. Hinzu kommt eine sehr eigenwillige und besondere Note im Ausdruck der Figuren: sowohl in ihrer Physiognomie als auch konkret im mimischen Ausdruck glaube ich ein “lakonisches” Weltbild zu erkennen:
Es ist wie es ist, aber: Muss es so sein, könnte es auch ganz anders sein, könnte ich selbst ein anderer sein?
In einem seiner Texte schrieb Sven Regener (Element of Crime): “Manchmal wüßt’ ich wirklich gern, wer ich wirklich bin!”
Die Skulpturen beschreiben bestimmte Rollenbilder, die sie gleichzeitig hinterfragen.
Sie beschreiben und bezweifeln gleichzeitig die Rollenklischees, denen man als Mensch womöglich gerade entspricht und doch überhaupt nicht weiß, ob selbige selbst gewählt, zufällig oder schicksalhaft sind. Sind sie womöglich ganz vorläufig oder gar falsch, sind sie womöglich meinem eigentlichen Ich fremd – von außen aufoktroyiert, von der Gesellschaft?

Stephanie Marie Roos erklärt ihre Vorgehensweise so:
“Die Arbeiten lehnen sich an die Realität an; gerne arbeite ich auch mit Fotografien oder Spiegeln. Die Arbeiten sind jedoch nie als ein “Nachbau” der Realität zu verstehen…sie sind der Übertrag in eine Erzählung…sie sind das Ergebnis, wenn ich etwas im Atelier auf meine Art untersucht habe.”

Claudia Dietz im kunstportal-bw
Stephanie Marie Roos: Europa und der Stier II, 2019
© Künstlerin,VG Bildkunst Bonn 2020

Diese Art der Annäherung an die Wirklichkeit bringt es mit sich, dass immer wieder auch klischeehafte Elemente in den Vordergrund treten. Ganz ähnlich wie Max Weber, der in seinen “Idealtypen” ja letztendlich auch Verkürzungen/Klischees nutzt, bzw. eben auf den Punkt bringt, arbeitet die Künstlerin hier beschreibend oder “erzählend”.

Die Künstlerin beweist hier tatsächlich eine erfrischend wissenschaftliche Distanz.

Sie arbeitet, um gleich weitere wichtige Termini von Max Weber einzubringen, wertfrei: Es geht nicht darum, zu (be-) werten, sondern darum, zu verstehen. In Max Webers Konzept der Soziologie spielt dabei der Begriff des “erklärenden Verstehens” eine wichtige Rolle.

Um zu begreifen, bedarf es der Annäherung. Unabdingbar notwendig ist dabei Distanz. Hier sind Wissenschaft, Kunst und Journalismus verwandt: Man muss nahe dran gehen, um zu sehen und Abstand bewahren, um zu beschreiben, zu erklären – als Journalist. Als Künstlerin aber kann Stephanie Marie Roos einen Schritt weiter gehen:

Mit ihren Keramik-Arbeiten zeigt sie , dass es eine gemeinsame Welt ist, die wir nur vielleicht (und wahrscheinlich nicht wesentlich) verändern können: Doch wir können versuchen, zu verstehen und eben auch das eigene Involviertsein zu verstehen.

Claudia Dietz im kunstportal-bw
Stephanie Marie Roos: waiting, 2020
© Künstlerin,VG Bildkunst Bonn 2020

Anders als Journalismus und Wissenschaft kann Kunst die äußere und die innere Welt gleichzeitig zum Gegenstand der Betrachtung machen.

“Du musst Dein Leben ändern” – dieser berühmte Buchtitel von Peter Sloterdijk wäre, glaube ich, ein guter Ausstellungstitel für die Arbeiten von Stephanie Marie Roos.
Oder, in meinen bescheidenen Worten, hier ausnahmsweise in Englisch:
If you don’t know where to go:
Try to find out who you are!

Stephanie Marie Roos erläutert nachfolgend selbst ihre Arbeit:

Stephanie Marie Roos über ihre Arbeit:

Der Kern meiner Arbeit ist die Beschäftigung mit dem Menschen.
Dabei fasziniert mich – neben der Physiognomie und wie der Körper die innere Haltung widerspiegelt – der Mensch als soziales und kulturelles Wesen:
Wie der Mensch versucht, seine Identität zu definieren, das Selbstverständnis seiner Rolle im Gefüge der menschlichen Gesellschaft, kommen in seiner Kleidung und seinen kulturellen Accessoires zum Ausdruck.

Stephanie Marie Roos: Die Jeans II, 2016 | © Künstlerin

Kleidung hat also wie der Körper zum Einen die physische Komponente, die Herausforderung Stofflichkeit und das Darüber und Darunter zu erfassen; zum Anderen auch eine symbolische Bedeutungsebene.
Zu den Themen, die mich bei der Betrachtung des Menschen immer wieder beschäftigen, gehört die Frage nach den Geschlechterrollen oder nach der Zugehörigkeit zu Gruppen…der auch politische Aussagen z.B. über Nationalität…
Letzten Endes geht es bei meinen Arbeiten immer um gedachte Grenzen, kulturell gewachsene Grenzen und wie der Einzelne in diesem unübersichtlichen Gelände seine Identität sucht.

Auf diese Weise erleben wir in den Skulpturen von Stephanie Roos eine Art der Verbindung aus gesellschaftlicher Beobachtung (der empirischen Sozialforschung verwandt) und der Kunst; wobei Stephanie Marie Roos’ künstlerische Ausdrucksweise sich immer durch einen Aspekt persönlicher Kommentierung auszeichnet. Dehalb nenne ich nenne meinen Textbeitrag:

“Gesellschaft erzählen”
Jürgen Linde im März 2020