Märchenhaft – über Manuela Tirler


Ausstellungsansicht: Manuela Tirler. Weed Control I. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Manuela Tirler. Galerie im Prediger, Weed Control I (20.09. – 24.11.2013)

Mit dem Abschied von dieser wunderbaren Ausstellung stellte sich bei mir eine leicht melancholisch-traurige Stimmung ein. Beim Anschauen des Kataloges auf der Heimreise im Zug wird mir klar, wie das möglich ist: ich hatte etwas gesehen, das mir bekannt vorkam, das es aber längst nicht mehr gibt oder wahrscheinlich nie gab. Eine Zauberwelt, die man als Kind imaginierte und sich daran “erinnert“, ohne sie je wirklich gesehen zu haben.
Diese kindliche Unvoreingenommenheit haben wir alle verloren. Als Kunstbetrachter können wir diese Erinnerungen assoziativ rekonstruieren, wenn die jeweilige Kunst dies erlaubt.

Weed Control I war der Titel der Ausstellung von Manuela Tirler, die in der Galerie im Prediger Schwäbisch-Gmünd 2013 zu erlben war. Einige Tage vor der Eröffnung im September habe ich die Künstlerin dort kennen lernen können.

Ihre Arbeiten kenne ich seit 2008, als Manuela bei der art Karlsruhe für die Galerie ABTart eine One-Artist-Show zeigen konnte.

Manuela Tirler: Crossing V, © Manuela Tirler, VG Bildkunst Bonn 2020,

Lebendigkeit, seltsame Pflanzen – diese Assoziationen hat wohl fast jeder, der die Arbeiten der Künstlerin von weitem – oder durch das Fenster des Galerie –sieht. Der Eindruck von Leichtigkeit verschwindet schnell, wenn den Skulpturen näher tritt – die Arbeiten sind aus Stahl. Schweres Gerät – Kräne und Gabelstapler – sind erforderlich, um eine solche Ausstellung aufzubauen.

Manuela Tirler ist Stahlbildhauerin. Aufgewachsen teilweise in den USA hat die jugendlich wirkende Frau in Deutschland studiert; zuerst an der Kunstschule Nürtingen, dann an der Kunstakademie Stuttgart (u.a. bei Werner Pokorny).
Es folgten mehrere Stipendien; eines davon führte sie erneut in die USA und schon während des Studiums hatte Manuela Tirler die ersten erfolgreichen Einzelausstellungen.

Die Künstlerin schafft eigene Welten, Landschaften, durchaus etwas zauberhaft. Mit einer beeindruckenden Leichtigkeit scheint dies zu gelingen, einer Leichtigkeit, die in starkem Gegensatz steht zur Schwere des verwendeten Materials.

Vielleicht ist dieses Geheimnis ganz einfach zu lösen: die Leichtigkeit ist Ausdruck der Freiheit der Künstlerin, der fast alles zu gelingen scheint und die das, was sie künstlerisch tun will, dann auch irgendwie schafft. Die Schwere der Skulpturen entspricht der Sicherheit, mit der Manuela Tirler ihren Weg geht.

Um keinesfalls falsch verstanden zu werden: Leichtigkeit bedeutet gerade nicht, dass etwas leicht geht, also ganz einfach ist – im Gegenteil: es ist so wie etwa bei Zirkus-Artisten oder bei Schauspielern in Film oder Theater: Gerade die Vollprofis, bei denen am Ende alles leicht erscheint, haben zuvor dazu unglaubliche Arbeit geleistet.

Manuela Tirler, © Manuela Tirler

Noch ein Aspekt ist wichtig: die Ausstellung in Schwäbisch-Gmünd zeigt, dass die einzelne Skulptur eher in den Hintergrund tritt, das ganze “Bild“ zählt. Hier werden Genregrenzen nicht ignoriert, sondern bewusst überschritten. Wir erleben hier einen szenisch arrangierten Bühnenraum, eine tänzerisch anmutende, gewissermaßen zeichnerische Leichtigkeit, die Natur, die Welt neu gebaut aus von Menschen gemachten Materialien – sehr kunstvoll und differenziert.

Manuela Tirler: Weed I, 2009
90 x 90 x 25 cm; Rundstahl

Ich bin gespannt, welche weiteren Ausdrucksformen und Überraschungen diese junge Künstlerin noch für uns bereit hält.

Manuela erinnert an vergangene Welten, die es so nicht mehr gibt. Auf eine durchaus kritische Weise erscheinen uns deshalb diese neuen alten Welten als

märchenhaft.
Jürgen Linde im Oktober 2013