Traum der Bäume – über Josef Bücheler

Den Bildhauer Josef Bücheler habe ich kennen gelernt, als er im Februar 2016 eine Ausstellung seiner Frau – der Künstlerin Angela M. Flaig – in der Galerie im Prediger Schwäbisch-Gmünd, mitaufgebaut hat.

Büchelers eigene Arbeit erlebte ich erstmals im Oktober diesen Jahres: die Ausstellung zu den Nürtinger Kunsttagen 2016 begleitet die Volksbank Nürtingen mit einer gemeinsamen Ausstellung dieses Künstlerpaares aus Rottweil im Schwarzwald.

Josef Bücheler inmitten seiner Werke im Kunstraum Rottweil: Zum 80. Geburtstag des Künstlers sind dort vor allem seine charakteristischen Papierarbeiten zu sehen. | © Foto: Stefan Simon

So erlebe ich als erstes auch die tiefe Verbindung der beiden jeweils absolut eigenständigen und auch unabhängig voneinander präsentierten Werke, die man intuitiv dennoch als zueinander gehörend empfindet. Die thematischen Assoziationen sind dieselben: Natur, Mensch und Natur, Transzendenz – ja: letztlich erscheint mir Religion, die in Büchelers Biographie auch eine wichtige Rolle spielt, als die Klammer, die beider Arbeit verbindet. Und doch ist für mein Empfinden bei Bücheler das Thema Transzendenz noch geheimnisvoller verarbeitet und scheint aber gleichzeitig sehr explizit im Raume zu stehen.
Wie ist das möglich?

PE19-14, 2014; Papier, bunte Zeitung, Grafit, Erde, Asche
215 x 145 x 38 cm; © VG Bildkunst Bonn 2016

Gehen wir also auf die Suche; unsere Vorgehensweise dabei bleibt wie immer streng intuitiv.
Manchmal sind es einfach die Bildtitel bei Bücheler, mit denen er ganze Geschichten in einem Satz evoziert: etwa “Denkmal für einen Bettler ohne Arme und Beine in Bangladesh“. Es ist jedoch nicht die Geschichte dieses Bettlers- die ja ohnehin rein spekulativ für uns bleibt-, die uns weiter bringt: Es ist die Geschichte des Künstlers, der seine gesamte künstlerische Arbeit und Perspektive komplett gewandelt hat, nachdem er über mehrere Jahre hinweg mehrfach in einem Entwicklungsprojekt eben in Bangladesh tätig war.

Konfrontiert mit der krassen Armut in diesem Land, einer Armut, über die wir im wohlständigen Deutschland gerne reden ohne zu wissen, was das wirklich ist.

PS 19/00 2000
Papier, Seil, Erde, Asche, 200 x 146x 23 cm (mit Seil); © Foto: Fritz Rapp

PS 19/00 2000; Papier, Seil, Erde, Asche, 200 x 146x 23 cm (mit Seil); © Foto: Fritz Rapp

Josef Bücheler hat für seine künstlerische Arbeit, die er früher einmal etwa in konkret anmutenden Bildobjekten und Skulpturen aus Polyester präsentierte, fortan nur noch ganz einfache und natürliche oder naturbezogene Materialien verwendet: Papier und Leinruten können wir als wesentliche, immer wiederkehrende Elemente nennen.

Selbstverständlich – und, wie anzumerken ich mir nicht verkneife – zum Glück – war dies keine “moralische Entscheidung“, die dann ja – politisch flach und moralinsauer auch substanzlos und ohne Wesen wäre – gegen die Reichen und den Fortschritt und den Wohlstand…, nein:

Es war eine künstlerisch-ästhetische Entscheidung: Josef Bücheler hat in seinen einfachen Materialien so viel Unendlichkeit entdeckt und sichtbar gemacht, dass der unbedarfte Betrachter erstmal ordentlich Zeit braucht, um wenigstens zu ahnen , was hier überhaupt der Fall ist.

Glockenbaum, PS 38/07, 2007, dreiteilig; Papier, Seil, bunte Zeitung, Grafit, Erde, Asche, 100 x 80 x 80 cm; Kunstweg am Reichenbach, Gernsbach | © VG Bildkunst Bonn 2016; © Foto: Rüdiger Seidt


PS 38/07, 2007, dreiteilig; Papier, Seil, bunte Zeitung, Grafit, Erde, Asche, 100 x 80 x 80 cm; Kunstweg am Reichenbach, Gernsbach
© VG Bildkunst Bonn 2016; © Foto: Rüdiger Seidt

Ich selbst glaubte ja noch nie an das vielzitierte “Zurück zur Natur“, denn ich denke, dass die Entfremdung zwischen dem (ja eigentlich auch der Natur zuzurechnenden) Menschen und der äußeren Natur immer schon (seit dem Garten Eden jedenfalls) gegeben war. Das “Zurück“ wäre insofern eher etwas ganz Neues – eine harmonische Einheit, in der der Mensch, wie es die kritische Theorie immer wieder formuliert hat, dann endlich “zu sich käme“.

Ernst Bloch hat dies in seinem – viel zu oft, weil eigentlich immer völlig falsch zitierten – “Prinzip Hoffnung“ als zentrales Thema: Heimat. Wir erinnern uns: Heimat ist die Utopie, Heimat ist der Ort/der Bewußtseinszustand, an dem noch kein Mensch gewesen ist.

Ich möchte, um den Kreis zu schließen, nochmal zurückkommen auf meinen Text über die Kunst von Angela Flaig, Josef Büchelers Frau: “sichtbar Glück“ war der Titel dieses Beitrages. Josef Bücheler ist, so erscheint es mir, immer schon auf demselben Weg:

PE 39/01, 2001; Papier, bunte Zeichnung, Eberesche, Grafit, Erde, Asche,; 210 x 195 x 30 cm, Privatbesitz; © VG Bildkunst 2009

Denn wenn das, was diese Kunst uns als Möglichkeit sichtbar macht, ebendies ist (Heimat), das, was die Philosophen nur verbal benennen können, dann könnten wir sagen:

Es gibt nicht nur einen “Baum der Träume“, nein: es gäbe oder gibt, und vielleicht gibt es ihn schon immer, den

“Traum der Bäume”.

Jürgen Linde, im November 2016

Kurzbiographie von Josef Bücheler

PE 39/01, 2001, neunteilig
Papier, Eschen, Seil,Grafit, Erde, Asche. Putzhärter. Höhe 10 Meter, Großer Albgang, Skulpturenprojekt Schopfloch; © Foto: Frank Kleinbach

Josef Bücheler
1936 in Wiesbaden geboren.
1951-54 Lehre als Tapezierer und Polsterer.
1957-59 Lehre als Kunstglaser und Glasmaler.
1959-62 Noviziat in der Benediktiner Abtei St.Matthias, Trier.
1965 Wohnsitz in Rottweil.
1974-99 Lehrauftrag für Werken und Technik an der Maximilian-
Kolbe-Schule, Rottweil.
1979+81 mehrwöchige Arbeitsaufenthalte als Bildhauer und Lehrer
im Entwicklungsprojekt Shanti- Dipshika, Bangladesh.
1986 Projektpreis Zeichnung und Zeichenprozesse, Stadt Freiburg 1990 Projektpreis Installation, Kunsthalle Marienbad Freiburg.
1994 Werkaufenthalt, Karwoche im Schlachthof, Sigmaringen
1996 Erich-Heckel-Preis des Künstlerbund Baden – Württemberg.
2006 Kavaliershaus Stipendium, Langenargen
2011 Kunstpreis der Stadt Donaueschingen
2016 Preis der Kulturstiftung Rottweil

Mitglied im Künstlerbund Baden –Württemberg und im
Deutschen Künstlerbund, lebt und arbeitet in Rottweil – Hausen