Stephanie Abben

Von der Suche nach dem, was kommt

E-Mail: steph.abben@web.de
Internet: www.stephanieabben.de

Aufgefallen war mir die Malerin Stephanie Abben zuerst durch ihre farbgewaltige Einladungskarte (s.u.) für ihre Ausstellung in der Karlsruher Poly-Galerie. Klar: Hingehen, Ausstellung ansehen, Stephanie Abben kennen lernen.

Stephanie Abben at work
Stephanie Abben at work

Sehr spannend für mich war dort die Wand, an der Stephanie Abben eine Fülle kleinerer Bilder präsentierte, die farblich wie thematisch einen Zusammenhang bildeten, der wahrscheinlich erst beim Anbringen entstanden war. Die Künstlerin erklärt mir: “Für mich ist die Wand der Dialog zwischen verschiedenen Möglichkeiten in der Malerei. Indem ich sie immer wieder neu installativ hänge und immer wieder anders, stelle ich neue Bezüge her“.

So hat Stephanie Abben schon vieles ausprobiert; die Wandmalereien – bei einem Atelierbesuch zeigt sie mir sogar eine fantastische Wandzeichnung – gehören zu den aktuellen Werken.

In vorangegangenen Schaffensphasen entstanden auch Bilder in Öl und Acryl, daneben auch Gouachen und Pigmentarbeiten.
Dennoch ist dies nicht als eine lineare Entwicklung zu sehen, sondern eher eine Versuchsreihe. Die Künstlerin ist auf der Suche nach der ihr adäquaten Ausdrucksweise

”Von der Suche nach dem, was kommt", 2007
Kuli auf Papier, 80 x 300 cm
”Von der Suche nach dem, was kommt”, 2007
Kuli auf Papier, 80 x 300 cm

Als ich mich dann genauer mit den Arbeiten von Stephanie Abben auseinandergesetzt habe, habe ich mich festgeguckt an ihren Zeichnungen mit dem noch zu erklärenden Titel ”Von der Suche nach dem, was kommt”.

Es handelt sich um eine riesige Kulizeichnung auf einer langen Papierrolle, die dann abschnittsweise aus schrägem Winkel fotografiert wurde – so entstand für die Künstlerin der Begriff der Fotozeichnung. Vielleicht ist dies auch bereits eine eigene Form, denn die Fotos zeichnen sich aus durch eine frappierende Räumlichkeit. Manchmal (siehe letzte Seite des Porträts) glaubt man eher ein Drahtobjekt zu sehen als eine Zeichnung.

Landflug 5", 2007
Von der Suche nach dem, was kommt
Photozeichnung, Din A4
Landflug 5″, 2007
Von der Suche nach dem, was kommt
Photozeichnung, Din A4

In all ihren Schaffensbereichen, bei jeder einzelnen Arbeit besteht die Künstlerin auf einer angemessenen Verbindung von Form und Inhalt und wehrt sich gegen eine aktuelle Tendenz, unter der auch ich schon länger zu leiden habe: kopflastige Kunsthistoriker schützen ihren kuratorischen Tätigkeitsbereich, indem sie eine konzeptuelle Kunst befördern, die sich sinnlich kaum mehr erschließt.
Dagegen sprach mir vor kurzem eine Ausstellungsbesucherin aus der Seele: als wir nebeneinander stehend eine rund 40minütige Einführungsrede aushielten, sagte sie: “Ich will nicht mehr denken, ich will endlich etwas sehen!“

Stephanie Abben wehrt sich nicht nur gegen die Reduktion der Kunst auf Inhalte – unter Vernachlässigung der Form – sondern sucht, natürlich, auch nach der Möglichkeit eines ganz eigenständigen Ausdrucks. “MEIN Anliegen“ sagt die Künstlerin. Es geht um Identität.

Tatsächlich ist es für die Künstlerin, die kunstgeschichtlich umfassend gebildet ist und, wie man so schön sagt, ”alles kennt”, nicht eben leicht, ihre eigenen Arbeiten als authentisch zu akzeptieren, weil sie natürlich immer irgendwelche Quellen, Vorläufer und Anregungen entdeckt, die dem entgegenzustehen scheinen. Die hohen Ansprüche, die Stephanie Abben an sich selbst stellt, sind enorm: alles probieren, ohne sich zu verlaufen, immer wieder auf Distanz gehen, die Arbeit reflektieren und in und aus dem fast unüberschaubaren Ganzen heraus dann doch das “Eigene“ zu finden.

Ohne Titel, 2007
Installation mit mehreren kleinen Formaten, Mischtechik auf Karton und Leinenpappe
Ohne Titel, 2007
Installation mit mehreren kleinen Formaten, Mischtechik auf Karton und Leinenpappe

Das Neue kommt kaum aus dem Nichts, auch nicht aus der Luft, sondern aus dem, was ist und aus der Auseinandersetzung damit. In den Geisteswissenschaften – und wohl auch in den meisten anderen Wissenschaften – fanden die großen Paradigmenwechsel nie im luftleeren Raum statt, sondern immer im Rückbezug und in der Auseinandersetzung mit dem, was schon da war. Der Philosoph Jürgen Habermas hat, bezogen auf die Entwicklung seiner Theorie des kommunikativen Handelns, dazu den treffenden und ehrlichen Begriff des rekonstruktiven Theorieansatzes geprägt.

Das heißt nichts anderes, als daß er in seinem Werk die Auseinandersetzung mit allen Vorläufern explizit macht, dazu jeweils Stellung nimmt und sagt, was er übernimmt, (in Teilen oder als Ganzes), was er verändernd integriert und was er warum verwirft.

Ohne Titel, 2007
Acryl auf Beton
Ohne Titel, 2007
Acryl auf Beton

Nachdem wir vor einiger Zeit (in den Porträts über Joachim Hirling und Hanna Kagermann) die Nähe von Wissenschaft und Kunst festgestellt haben, liegt nahe, daß es in der Kunst auch so ist.

Dennoch: Vielleicht kann, wer fleißig rekonstruktiv arbeitet, womöglich eine neue Qualitätsstufe erklimmen und so doch etwas Neues schaffen. Dazu gehören sehr viel Arbeit, notwendigerweise etwas Glück und wahrscheinlich auch ein wenig “kontemplatives” Insichhineinhören.

Wie sagte John Franklin, der Protagonist in Stan Nadolnys “Die Entdeckung der Langsamkeit“: “Das Ziel war wichtig gewesen, um den Weg zu erreichen“. Danach dann erlebte er “die Sehnsucht, unterwegs zu bleiben“. Selten wurde das berühmte Zitat “Der Weg ist das Ziel“ so wunderbar dialektisch aufgebröselt.

Stephanie Abben ist auf dem Weg.

Wie kam es nun zu diesen wunderbaren Fotozeichnungen und auch zu dem Titel unseres Porträts?

"Landflug 3", 2007
Von der Suche nach dem, was kommt
Photozeichnung, Din A4
“Landflug 3”, 2007
Von der Suche nach dem, was kommt
Photozeichnung, Din A4

Einer ihrer Professoren empfahl ihr mal, weniger aggressiv an die Arbeit zu gehen und stattdessen einfach abzuwarten, was kommt.

Wir empfehlen allerhöchste Aufmerksamkeit für die weitere Arbeit dieser Künstlerin, denn Stephanie Abben ist auf dem Weg, ist
“auf der Suche nach dem, was kommt.”

Jürgen Linde, im November 2007