Gastbeiträge im kunstportal-baden-wuerttemberg
Zwei Karlsruher Künstler – und die Kunst der Wiederentdeckung
Während Karlsruhe den Nachlass von Karl Hubbuch neu erschließt, beginnt auch die
Wiederentdeckung eines anderen Karlsruher Künstlers: Stefan Holzmüller. Seine Geschichte
führt von Grötzingen nach Lausanne – und heute wieder zurück nach Karlsruhe.
Wenn Karlsruhe sich derzeit intensiv mit dem Nachlass Karl Hubbuchs beschäftigt, geht es um mehr als die Sicherung eines bedeutenden künstlerischen Erbes. Es zeigt sich daran auch, wie sehr sich der Blick auf einen Künstler im Laufe der Jahrzehnte verändern kann.
Hubbuch gehörte in den 1920er-Jahren zu den wichtigen Vertretern der Neuen Sachlichkeit. Er lehrte an der Karlsruher Kunstakademie und nahm 1925 an der Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ teil. 1933 verlor er unter den Nationalsozialisten seine Professur. Heute besitzt das Kunstmuseum
Karlsruhe den weltweit größten Bestand seiner Arbeiten und erschließt seinen Nachlass wissenschaftlich.

Bild links: Stefan Holzmüller: Hahn, © Archiv Stefan Holzmüller;
© Gregor Stehle
Die Geschichte führt zu einem anderen Karlsruher Künstler, dessen Neubewertung gerade erst begonnen hat: Stefan Holzmüller (1949–2010) aus Grötzingen. Holzmüller war Keramiker und Bildhauer. Nach einer Töpferlehre wurde er 1972 von der Danner-Stiftung ausgezeichnet, 1973 legte er seine Meisterprüfung ab. Aus kleinen, zwischen den Fingern geformten Tonpartikeln entwickelte er eine eigenständige plastische Sprache: Landschaften, Architekturen und räumliche Gebilde zwischen Keramik und Skulptur.
Unbekannt war Holzmüller keineswegs. Der Karlsruher Kunsthistoriker Gerd Presler beschäftigte sich früh mit ihm und stellte den Kontakt zu Michel Thévoz, dem damaligen Leiter der Collection de l’Art Brut in Lausanne, her. Arbeiten Holzmüllers gelangten in die dortige „Collection annexe“ und wurden später im Zusammenhang mit „Neuve Invention“ geführt. Gerade diese Einordnung wird heute neu untersucht. Holzmüller war kein klassischer Autodidakt, sondern ausgebildeter Keramiker und Meister seines Handwerks. Neben seiner Verbindung zur Art Brut stellt sich deshalb die Frage nach seiner Position innerhalb der Keramik und Skulptur der deutschen Nachkriegsmoderne.
Vom Künstlerfreund zum Archiv
Seit 2020 betreut Gregor Stehle, Künstler und langjähriger Künstlerfreund Holzmüllers, dessen Nachlass. Stehle stammt aus Karlsruhe, studierte Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und war Meisterschüler von Harald Klingelhöller.
Aus der persönlichen Verbindung ist ein Archiv- und Forschungsprojekt entstanden. Werke werden dokumentiert, Briefe und Fotografien gesichert, Ausstellungen rekonstruiert und Zeitzeugen befragt. 2021 erschien ein deutsch-englischer Katalog. Stehle bereitet inzwischen eine Dissertation über Holzmüller und dessen kunsthistorische Einordnung vor. Mit „Unter Freunden im künstlerischen Exil – Jean Dubuffet und Stefan Holzmüller im Dialog“ entsteht zudem die erste Archiv Edition. Sie führt die Beschäftigung mit Holzmüllers Verhältnis zur Art Brut weiter und öffnet zugleich den Blick auf größere kunsthistorische Zusammenhänge.
Auch institutionell ist Holzmüller wieder sichtbar. Arbeiten wurden im Umfeld der Sammlung Würth gezeigt; die Forschungen führen nach Lausanne und Frankreich. Einzelne Teile einer lange verstreuten Geschichte beginnen sich wieder miteinander zu verbinden.
Spuren in Grötzingen
Auch in Grötzingen selbst ist Holzmüllers Arbeit präsent. Ein von ihm geschaffenes Relief an einer Toreinfahrt steht derzeit im Mittelpunkt einer Initiative, bei der seine mögliche Denkmalwürdigkeit geprüft wird.
Aus der Beschäftigung mit dem Nachlass ist zudem die Idee entstanden, Holzmüllers Werk langfristig wieder stärker in Grötzingen sichtbar zu machen. Denkbar wäre eines Tages ein kleiner Ort für Werk und Archiv – ein konzentrierter Raum für Arbeiten, Dokumente, Forschung und wechselnde Ausstellungen. Ein Standort steht nicht fest.

Bild oben: Stefan Holzmüller 1987 vor seinem Aterlier, © Foto: Mario del Curto
Vielleicht ist gerade das der interessante Moment: Das Werk ist vorhanden, das Archiv wächst, historische Zusammenhänge werden neu untersucht – und zugleich ist offen, welche Form daraus einmal entstehen wird. Hubbuch und Holzmüller sind künstlerisch kaum miteinander vergleichbar. Ihre Geschichten berühren sich dennoch an einem Punkt: Kunstgeschichte ist nicht abgeschlossen. Sie verändert sich, wenn Archive geöffnet, Dokumente gefunden und Werke mit zeitlichem Abstand neu betrachtet werden.
Bei Hubbuch lässt sich dieser Prozess heute beobachten. Bei Holzmüller hat er möglicherweise gerade erst begonnen.
Und vielleicht stehen einige seiner bislang unbekannten Arbeiten noch heute in Karlsruher und Grötzinger Wohnungen.
Das Archiv Stefan Holzmüller dokumentiert weiterhin Werke aus Privatbesitz sowie Fotografien, Briefe
und Erinnerungen an den Künstler. Ansprechpartner ist Gregor Stehle