Hinkelstein 54 | 31.08.2025 | weil es immer schon so war.

Bildquelle: Brigitte Lacombe / Metropolitan
Peter Gelb, seit 20 Jahren Intendant der Metropolitan Opera in New York

„Wir sehen uns erneut autokratischer Herrschaft gegenüber, von der die Welt dachte, sie würde sie nicht wiedersehen.“

Hinkelstein, der wöchentliche Newsletter des kunstportals baden-württemberg:
Jeden Sonntag frisch auf den Screen

Liebe Leserinnen und Leser,

wie versprochen werden wir hier den in den USA begonnenen Kulturkampf als unser aktuell wichtigstes Thema im Fokus behalten:
Das Thema ist gar nicht so einfach zu bearbeiten – aus mehreren Gründen:
1. wer „Kulturkampf USA“ googelt, bekommt teilweise verwirrende Ergebnisse: der Begriff Kulturkampf wurde in den USA zuerst „von rechts“ verwendet – es ist insofern ein Kulturkampf von rechtskonservativer Seite gegen Freiheit und Vielfalt.

2. Klar trennen sollten wir dabei zwischen der Entwicklung in den USA und hierzulande: Was in den USA – dank Trumps Lautstärke und seinem disruptiven Politikstil – laut und öffentlich ist, bedarf hierzulande einer differenzierteren Betrachtung:
Auch hier in Deutschland steht die Political Correctness in der Diskussion. Doch nicht alle, die hierzulande eine überzogene Correctness (mal bitter, mal satirisch) kritisieren, gehören ins politisch rechte Lager: viele gehören auch zur Gruppe der noch existierenden (meist liberalen) Bildungsbürger. Pauschale (Vor-) Urteile sind wie immer fehl am Platze.

Konservative in den USA werfen Linken Wokeness vor und kritisieren eine vermeintliche Cancel Culture durch diese. Zugleich beanspruchen sie für sich selbst Rede- und Meinungsfreiheit – und verbieten alles, was nicht in ihr rechtes Weltbild passt.
Was als Kampf gegen überzogene Political Correctness getarnt daherkommt, nenne ich ideologische Gleichschaltung.
Hierzu gehören staatliche Eingriffe in die Programme und Inhalte von Museen und Theatern, auch Bücherverbote (v.a. Schulbücher betreffend). Die ideologische Gleichschaltung von zunächst naheliegenderweise staatlichen Einrichtungen war ja hier schon Thema und ständig gibt es hierzu weitere Nachrichten: so hat sich Trump nicht nur zum Leiter des Kennedy Centers wählen lassen, sondern hat offenbar auch vor, dieses umzubenennen in First Lady Melania Trump Opera House …(?!)
Nun ja: vielleicht ist ja Amerika wirklich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
(siehe hierzu: Mary L. Trump:) „Das amerikanische Trauma“?)

Nun müssen wir hier im Hinkelstein aufpassen: unser „Oberthema“ war und ist ja der globale Trend zu autoritären Herrschaftsstrukturen. Aus kunstportal-Sicht achten wir dabei besonders auf die kulturelle/zivilgesellschaftliche Komponente, so dass der amerikanische Kulturkampf zwangsläufig in den Vordergrund getreten ist. OK; vielleicht auch, weil Popstar Donald Trump hier ständig für Unterhaltung sorgt.

Doch müssen wir, wie eingangs erwähnt, klar differenzieren zwischen der Entwicklung in den USA, wo wir ja eine Konflikt-Linie traditionell finden zwischen dem liberal-progressiven Amerika auf der einen und dem puritanisch-religiös geprägten Amerika auf der anderen Seite.
Hierzu empfehlen wir den kenntnisreichen Beitrag (Markus Metz und Georg Seeßlen | 03.11.2024) aus dem Deutschlandfunk: US-Wahl: Great again? – Der Kulturkampf in den USA

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund ist die kulturelle Entwicklung in den USA natürlich eine ganz andere als hierzulande, wo es einen „Kulturkampf“ in diesem besonderen Sinne nicht gibt.

Dennoch wollen wir beide miteinander verbundenen Themen ( Welttrend zu autoritären Herrschaftssystemen und Gleichschaltung der Kunst und Kultur) weiter im Zusammenhang betrachten: Hilfreich erscheint es uns deshalb, jemanden zu Wort kommen zu lassen, der in Kunst und Kultur in den USA und in Europa gleichermaßen zu hause ist: Peter Gelb, seit 20 Jahren Intendant der Metropolitan Opera in New York.

„Es ist die problematischste Zeit in der Geschichte“, sagt Gelb im Gespräch mit dem BR. Angesichts des Erstarkens rechtsgerichteter autokratischer Bewegungen warnt er: „Kulturschaffende im heutigen Europa müssen begreifen, dass das Leben, so wie sie es kennen und wie ihr Publikum es kennt, gefährdet ist.“

Hierzu nun ein Auszug aus einem Radio-Interviews in BR Klassik vom 03. August 2025:

Peter Gelb: Während meiner langen Karriere bin ich immer zwischen Europa und den USA hin und her gependelt. Insofern habe ich immer einen Fuß in Europa und einen Fuß in New York. Offenkundig sind die Verhältnisse in Amerika anders als hier, und zwar nicht unbedingt zum Besseren. Aber die Auswirkungen der Ereignisse in den Vereinigten Staaten ebenso wie die Ereignisse in Europa, die zum Aufstieg rechtsgerichteter autokratischer Bewegungen führen, machen die Welt zu einem unsichereren und unangenehmeren Ort für die Menschen, die an eine demokratische Welt glauben. Für alle, die an Meinungsfreiheit und demokratische Rechtsstaatlichkeit glauben, ist dies eine sehr beunruhigende Zeit. Vielleicht sogar die beunruhigendste Zeit seit vielen Jahrzehnten.

BR-KLASSIK: Worin liegt derzeit die Aufgabe Ihrer Institution, des wichtigsten Opernhauses in den USA? Was können Sie tun, was müssen Sie tun?

Peter Gelb: Alle führenden Kulturinstitutionen weltweit müssen sich bewusst sein, dass ihre Aufgabe viel größer ist als lediglich die Präsentation der Kunst selbst. Wenn wir davon ausgehen, dass Kultur das Fundament einer demokratischen Gesellschaft ist, müssen wir mehr tun, um diesen Aspekt in unserem täglichen Leben zu verankern. Deshalb habe ich es mir mit der Metropolitan Opera zur Aufgabe gemacht, neue Zielgruppen anzusprechen und die Kunstform als solche weiterzuentwickeln. Wir möchten neue Opernerfahrungen anbieten, mehr als jemals zuvor. Denn ich bin der Meinung, dass Oper nicht stillstehen darf, wenn sie weiterhin existieren möchte. Immer wieder müssen wir neue Dinge ausprobieren. Das Kino wäre heute zum Beispiel nicht mehr lebendig, wenn es sich seit den 1920er-Jahren nicht weiterentwickelt hätte. Die bildende Kunst hat sich immer wieder verändert, das Theater genauso. Auch die Oper muss sich verändern.

Abschließend sagt Peter Gelb: „Ich denke, Europa muss die Verantwortung übernehmen, für Sicherheit auf dem Kontinent zu sorgen. Die Unterscheidung von Politik und Kunst ist viel geringer als je zuvor. Die kulturellen Einrichtungen müssen zusammenarbeiten, um die kulturelle Freiheit unserer Länder zu schützen.“
Hier das vollständige Interview

Oder gehen wir – mit Großstadtgeflüster – davon aus, nichts tun zu müssen, weil alles morgen noch so ist, weil es immer schon so war?

Trotz alldem und jetzt erst recht:

die guten Nachrichten aus der Kunst am Sonntag, dem 31.08.2025:

Neu am 31. August 2025: | Kunsthalle Baden-Baden | Gemeinsam in die Zukunft: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden und Badisches Landesmuseum stellen Ausstellungsprogramm vor
Neu am 31. August 2025: | Künstler | 11.10.2025, 18 Uhr | Lea Ammertal und Ulrike Wicke: | Gedok Karlsruhe | Ausstellung und Lesungsperformance im Rahmen der Karlsruher Literaturtage 2025: | Waldkleid – Text trifft auf Foto trifft auf Text
Neu am 31. August 2025: | ZKM Karlsruhe | Sa, 18.10.2025; 19 – 23:30 Uhr | Medientheater: | ARTE-Filmnacht im Rahmen der KIT Science Week
Neu am 31. August 2025: | Newsletter  Hinkelstein: | Sonntag früh frisch auf den Screen: | Hinkelstein 54 | 31.08.2025 | weil es immer schon so war.