„das Ganze umfangen“

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Dieses Untermenü erscheint, wenn man auf der Website von Susanne Scholz das Untermenü „Werke“ anklickt. Sehr aufgeräumt, klar strukturiert und, sehr vielfältig: Ohne Zweifel sind alle genannten Werkgruppen der intensiven Auseinandersetzung wert.
In Abstimmung mit der Künstlerin rücken wir dennoch sofort die Spiegelungen in den Fokus. Werke, die mir immer wieder mal aufgefallen waren und die Susanne Scholz selbst auch klar als ihren Arbeitsschwerpunkt bezeichnet.

Bild links: Spiegelung 25, Paar, 2016; 120 x 160 cm, Öl auf Leinwand

Kaum weniger wichtig aber erschienen mir beim Besuch der Künstlerin in ihren Arbeitsräumen die zeichnerischen Werke der Künstlerin:
Bei dem berühmten Maler Michael Triegel aus Leipzig hat sich Susanne Scholz die analog stets sich ändernde Mimik des Menschen, sprich des Augenausdrucks als Augenspiegel im Meisterkurs noch zusätzlich angeeignet. Beim Porträtstudium vom Modell hat  sie ihr zeichnerisches und malerisches Wissen und Können somit  noch erweitert und vertieft. (Susanne Scholz)
Am besten erklärt uns dies Susanne Scholz selbst, die in einem Essay zu ihrem „Augenspiegel großer Persönlichkeiten“ auch ihre christliche Weltsicht erläutert:

Gleichzeitigkeit – Ideen und freie Assoziationen zur Kunst von Susanne Scholz

Bilder, Malerei, die uns alle auf Anhieb anspricht. Farbstark, bewegt und bewegend. Bilder, die uns an- und dann sogleich hineinziehen in den eigenen Raum, den sie schaffen. In ihrer oft farbgewaltigen, frappierenden Sinnlichkeit vermitteln uns Scholz’ Werke auf Anhieb Freude – die Künstlerin zelebriert die Malerei als solche.

Bild oben: Lichtspiegelei 2: Uferlicht

Die Künstlerin beschreibt in einem ihrer Kataloge und auch auf ihrer Website selbst ihre Arbeit:
Meine Malerei nimmt Bezug auf die Realität des Lichtes auf Wasser. In gegenüberliegenden Spiegelungen werden bei entsprechendem Wetter Momentaufnahmen von Menschen, Pflanzen ,Gegenständen fotografisch aufgenommen.

Durch die Verzerrung von Wind und Strömung und Bewegung zeigen sich Konstellationen zwischen Gegenstand und Abstraktion, die zum einen mimetisch erkennbar sind, zum anderen bis ins Rätselhafte gehen.
Ausgesuchte Themen werden zunächst zeichnerisch, bzw. mit Farbstiften auf Papier umgesetzt, danach mit Rastermethode auf Leinwand übertragen. Die Farbgebung orientiert sich dabei ebenfalls an der tatsächlichen Sichtbarkeit im fotografierten Motiv.

Auf der dennoch – oder deshalb? – wieder nicht einfachen Suche nach einem Ansatzpunkt, um dieser Kunst näher zu kommen, beginne ich einfach bei den irritierenden Gegensätzen, mit denen diese Arbeiten uns anziehen und zuerst verwirren:

Bilder, jeweils als Bild an der Wand oder im Katalog, sind zweifellos statisch. Gleichzeitig strahlen sie Bewegung aus, bewegen uns, suggerieren Bewegung, haben Bewegung zum Thema:
Lichtspiegelungen im Wasser bilden den Arbeitsschwerpunkt, den Susanne Scholz für sich entdeckt hat und in immer neuen Werken weiter entwickelt, weiter erforscht.

Bewegung und damit auch die Zeit sind also die Perspektive, aus der heraus ich nun versuchen will, der Kunst der längst international präsenten Künstlerin aus Lauchheim näher zu kommen.
In der umfangreichen Vita der Künstlerin finden wir auch Studien beim Malerfürst Markus Lüpertz, der zur Arbeit von Susanne Scholz Nachdenkenswerte Überlegungen formulierte:

Intensität als Prinzip
Und der Versuch,
Das Unmögliche über die
Farbe sichtbar zu machen
prägen die Arbeiten von
Susanne Scholz

Man kann nur hoffen,
dass sie diese Phase der Sehnsucht weiter verfolgt, denn die bis jetzt
gezeigten Bilder
bestätigen diese
grossartige Absicht.

Die Künstlerin verweist (oben in ihrem eigenen Text) also deutlich auf den Realitäts-Bezug ihrer Arbeiten. Wir alle haben gelernt, die Realität in – statischen – Bildern zu denken; wir kennen, wir können es wohl nicht anders. Besonders irritierend an den Bildern von Susanne Scholz ist deshalb vielleicht, dass sie uns die Realiät in ständiger Bewegung zeigt, die Wirklichkeit anders oder eine andere Wirklichkeit sichtbar macht?

Bewegung ohne Zeit können wir nicht denken. Zum Begriff Zeit wiederum assoziieren wir schnell Vergänglichkeit: Während sich das Wasser ja als Element in einem ewigen Kreislauf befindet, erinnern uns unsere eigenen Spiegelbilder immer mehr an unsere Vergänglichkeit. Oscar Wilde bringt dies in seinem berühmten Bildnis des Dorian Gray auf den wunden Punkt.

Zur Vergänglichkeit hier ein schönes Gedicht des Karlruher Künstlers Hermann Weber:

Nichts beim Namen nennen
nichts beschwören, es könnte vergehen
ein Hauch nur
noch Körper
noch Gestalt
und schon Erinnerung

Hermann Weber, der u.a. auch Lüpertz-Schüler, war seit 1996 über viele Jahre Prof. für Kunst + Design an der Kunsthochschule Burg Giebichstein in Halle/Saale, lebt heute in Berg, Pfalz.

Bild rechts: Uferlicht

Lassen wir erneut die Künstlerin, die unter anderem katholische Theologie studiert hat, selbst zu Wort kommen: wenn sie ihre Faszination der Lichtspiegelungen im beschreibt, wird deutlich, wie wichtig ihre christliche Überzeugung ist für ihre Arbeit und daher auch für unser Verständnis ihrer Arbeit:
Spiegelbilder befinden sich immer in Bewegung, sind Momentaufnahmen des Gegenübers (!), des am gegenüberliegenden Ufers befindlichen.

Daher auch der meditative Charakter, das Einüben ins DU.“ Der Wasserspiegel gibt alle Dinge unverfälscht wieder, aber er hält nichts fest. Schaut man von der einen Seite hinein, sieht man nur das Geegenüberliegende und alles andere nicht. „Das Schauen am Wasser ist ein Raum und Zeit geben- das ist Meditieren-, dann teilen die Dinge uns ihr Wesen mit. Raum geben heißt letzten Endes: ganz Leib werden, ganz Materie werden, ganz leer werden von sich selbst und so in der eigenen Mitte mit allem Gegenwärtigem eins werden. (aus Detlef Witt“Erneuerung durch Meditation- Wege zum ursprünglichen Menschen“, Christliches Zen- Zentrum Bad Wurzach- Eintürnen; ISBN 3-927003-37-9.

Mit den Themen Licht und Wasser adressiert die Künstlerin zwei Grundvoraussetzungen unserer Existenz, unseres Lebens. Ist auch dies ein Grund für die Faszination, die diese besondere Werkreihe auf uns ausübt?

Beim Stichwort Licht denke ich wieder einmal an Peter Weibel, Künstler und auch Wissenschaftler, der die heutige Medientheorie wohl mehr als jeder andere geprägt und bereichert hat – durch seine radikal gedachten Überlegungen hierzu:

“Nicht nur, dass wir existieren, verdanken wir dem Licht, sondern auch alles, was wir wissen, wissen wir durch das Licht. Licht ist eine Botschaft des Universums, WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen können Botschafter des Lichtes sein.“ ZKM-Chef Peter Weibel im Februar 2018 auf dem Symposium „The Future of Light Art“.

Auch in ihrer Serie der Lichtspiegelungen im Wasser erleben wir die Künstlerin Susanne Scholz gleichzeitig als Forscherin, die diesen Fragen nicht theoretisch nachgeht, sondern ganz praktisch durch ihre Arbeiten,die sich ja auch verändern:

Bild rechts: „Sag mir, was siehst Du gerade, Bruder Baum?“

In vielen der Werke sind die gegenständliche Motive – im Wasser gespiegelt – noch deutlich erkennbar, doch das Wasser, als Bach oder Fluss oder vom Wind bewegt, erzeugt ständig neue Varianten, das Licht wechselt kontinuierlich und auch durch die Spiegelung selbst entstehen immer neue, wechselnde Eindrücke.

Während Wissenschaftler hier, neben den meßbaren Fakten (die Veränderung der Lichtstärke im Tagesverlauf etc.) die Subjektivität des einzelnen Betrachters und/ oder wahrnehmungsphysiologische Faktoren zur Erklärung dieser Phänomene heranziehen, erscheint genauso nachvollziehbar, dies so zu erklären, dass hier eben einfach die unendliche Vielfalt der Schöpfung immer wieder neu sichtbar wird: jede Millisekunde unserer Wahrnehmung eines Bachs im Wald während der Dämmerung ist anders als die zuvor und die danach und behält doch ihre eigene Wahrheit.

So entdecken wir eine große Bandbreite der Wasser-Spiegel-Arbeiten: Von Werken, in denen der gespiegelte Gegenstand noch klar erkennbar ist bishin zu Bildern, die wir eher wahrnehmen als Farbspielereien, bei denen wir den Gegenstand bestenfalls erahnen können.

Auf gewisse Weise bezieht die Künstlerin uns als Betrachter damit ein in den -sagen wir: dialogischen Prozess: der Versuch, aus der (tatsächlichen oder vermeintlichen) Spiegelung den ursprünglich gespiegelten Gegenstand zu erkennen, erweist sich selbst als kreative Aufgabe.

Wir alle haben gelernt, die Zeit linear (als in einer Richtung voranschreitend) zu denken: erst ist da ein Gegenstand, dann das Licht, das diesen im Wasser spiegelt und somit ein – sich ständig veränderndes Spiegelbild.

Was aber, wenn wir hier nur einem kollektiven Vorurteil unterlägen? Nicht nur Science-Fiction-Autoren und das Hollywood-Kino (Zurück in die Zukunft etc.) stellen die Linearität der Zeit in Frage, auch Wissenschaftler der theoretischen Physik äußern hier immer wieder ihre Zweifel.

Mit dem Risiko, die eigenen Zurechnungsfähigkeit abgrundtief in Frage zu stellen: ist es nicht auch umgekehrt denkbar, dass der Gegenstand erst aus der Rekonstruktion von Lichtspiegelung und Farbe entsteht?
Nun ja, Nebenfach-Philosophen kommen manchmal auf verrückte Ideen.

Womöglich aber begeistert uns diese Malerei vor allem deshalb, weil sie für uns etwas sichtbar macht, das wir einerseits kennen, das wir jedoch noch lernen müssen zu sehen:
Stillstand und Bewegung sind gleichzeitig.

Ein zugegeben mehr als unerschöpfliches Thema, das mehr Raum verlangt, als wir hier in einem Künstlerinnenporträts haben (und mehr, als wir Ihnen hier zumuten wollen). Doch wieder einmal finde ich das passende Zitat eines großen Denkers:
Wir können nur versuchen, aus der Zeitlichkeit, in der wir gefangen sind, herauszudenken und zu ahnen, dass Ewigkeit nicht eine immer weitergehende Abfolge von Kalendertagen ist, sondern etwas wie der erfüllte Augenblick, in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen…
(zitiert nach FAZ vom 01.12.2007, Seite 8; aus: Papst Benedikt XVI: Enzyklika über die (christliche) Hoffnung)

Wer sich, was sehr zu empfehlen ist, Zeit nimmt, sich mit Texten dieses Papstes genauer zu beschäftigen, weiß, dass es eben gerade nicht Eitelkeit ist, die diese wohl der Kunst immanente Absicht beflügelt; ganz im Gegenteil: es ist Demut.

Susanne Scholz, Künstlerin und gläubige Christin, will in ihrer künstlerischen Arbeit nichts weniger als das, was Papst Benedikt XIV es so wunderschön formuliert hatte: Sie will – für sich und für uns:

„das Ganze umfangen“

Jürgen Linde im April 2026