„die Geister, die ich rief … – über die künstlerische Arbeit von Henning Eichinger

Künstlerporträt über Henning Eichinger in Form eines Doppelporträts:
Prof. Henning Eichinger: (zur eigenen Arbeit):
Horror Vacui und Flammenmadonna – zwischen Überforderung und Transformation

Bild rechts: Henning Eichinger:
Accumulation of Little Overloads, 2014; Öl und Emaille auf Leinwand, 150 x 170 cm

In meinem Beitrag „die Geister, die ich rief … (der zweite Teil, in welchem wir uns schon befinden) entwickle ich dann meine Gedanken dazu; inspiriert von den so vielfältigen Arbeiten Henning Eichingers.

Auch aus aktuellen Gründen berührt mich Eichingers künstlerische Arbeit persönlich und emotional, und so erlaube ich mir, dem Text des Künstlers (m)einen zweiten, ergänzenden Text an die Seite zu stellen. Keine Gegenposition, sondern meine sehr subjektive Annährung und Fortsetzung des Thema, das der Künstler gesetzt hat:
Die Überforderung von uns Menschen im Zeitalter der Digitalität; einer Entwicklung, der viele sich nicht sich mehr gewachsen fühlen, deren Überkomplexität uns zu übermannen scheint.

Die Werkreihe Horror Vacui, die der Künstler vorstellt, besteht wesentlich aus Bildern, die auf interessante und sehr lebendige Weise einfach komplett überfüllt wirken.

Bild links: Henning Eichinger:
Horror Vacui VIII, 2018,
Öl und Lack auf LW; 130 x 200cm

Auch auf der Website des Künstlers erscheint beim Menüpunkt “works“ die Serie Horror Vacui“ ganz oben in der Liste: | Bilder, randvoll gefüllt mit Objekten, Mustern, Ausschnitten, die ersten Arbeiten, die ich von Henning Eichinger sehe, sind genau in dieser Art gestaltet – überwältigend, anziehend, Neugierde weckend – sie werfen Fragen auf, die zu formulieren mir fast kein Raum mehr bleibt. Horror Vacui nennt der Künstler Henning Eichinger diese Serie.
Der Versuch, wieder an die Oberfläche zu gelangen, vielleicht einen Überblick zu erlangen, über das was geschieht, was eigentlich der Fall ist, führt mich: natürlich – zu Google, wo ich diesen Namen eingebe – mit Erfolg:
Horror vacui (lateinisch für „Scheu vor der Leere“) bezeichnet das Phänomen, jeden freien Zentimeter einer Fläche mit Mustern, Details oder Objekten zu füllen.

Spontan verbinde ich diese Arbeiten mit den Werken des 2025 gestorbenen Karlsruher Künstlers Rolf Schindler, dessen Werke ich gerade ständig vor Augen hatte, weil ich für seinen posthum erschienenen Katalog „Willkommen im Unerklärlichen“ (leider nicht im Handel verfügbar) eine Zusammenfassung meines 2011 erschienenen Künstlerporträts „Uns | verloren?“ schreiben sollte. Diese Zusammenfassung hatte ich dann im Hinkelstein 71 | 05.04.2026 | Ein Funken Hoffnung veröffentlicht.

Bild rechts: Henning Eichinger: Synchronizing V, 2014; Öl, Lack, Collage auf LW, 140 x 110 cm

Schindlers Arbeiten und die von Henning Eichinger empfinde ich auf ähnliche Weise – als zeitdiagnostisch – als Beschreibung der zunehmend bedrohlichen Überfülle unser (sinnlichen) Wahrnehmungswelt. Eine Verbindung, die der Künstler Henning Eichinger, als ich ihm davon berichte, als „interessant“ bezeichnet. Ja, sicherlich begebe ich mich hier auf wackeligen Boden, da sich Eichigers Arbeit auf ihrer ganz eigenen künstlerischen Strategie basiert.

Dennoch erscheint es mir vertretbar und interessant, auf diesem streng intuitiv gewählten Pfad noch ein wenig weiter zu suchen, zu forschen.

Seit den 90er Jahren reflektiert der Künstler in seinen Bildern bewusst unser digitales Zeitalter, jedoch bis heute ohne sich auf eine computergenerierte Arbeitsweise zu verlagern. Nichts entsteht am Bildschirm. Er arbeitet in jeder Hinsicht analog. Das ist ein Statement. (Dr. Karin Rase im Katalogbuch: Henning Eichinger: Synchronizing Systems; Kerber Verlag 2025)

Ein Statement, das mir heute, da Themen wie computergenerierte Kunst heiss diskutiert werden – mal sehr sachlich, mal auch in Form richtiger Glaubenskriege; einer Zeit, da das ZKM die Crypto Art bereits zur eigenen Kunstform geadelt hat, während viele Menschen, auch viele Kunstfreunde, noch keine Vorstellung davon haben, was dies eigentlich ist. Auch Google (mit KI!) macht uns nicht wesentlich schlauer:
Crypto Art (oder Kryptokunst) bezeichnet digitale Kunstwerke, deren Echtheit und Besitzverhältnisse fälschungssicher auf einer Blockchain gespeichert sind.

Henning Eichinger arbeitet fast immer in Werkserien; Gruppen, die dann auch mal vorerst abgeschlossen sind, aber dies nicht zwingend, nicht endgültig. Warum auch sollte sich der Künstler hier selbst einschränken?


Ein verbindendes Element über Eichingers Schaffensphasen hinweg bildet die Technik der Collage: von „echten“, klassischen Collagen, bei denen mehrere Teile, bei Eichinger auch gerne Ausschnitte, Schnipsel aus früheren Arbeiten/Entwürfen bishin zu den neuesten malerischen Werken, die noch immer an Collagen erinnern, nutzt der Künstler dieses Ausdrucksmittel. Genau passend zu Karin Rases o.g. Hinweis auf Eichingers Statement zur analogen Arbeitsweise.

Auch diesen Werken, ausgeführt in meisterhafter Malerei, bleibt dadurch ein archaisches, ein spielerisches Element erhalten. Im Kunstunterricht in der Schule war früher die Collage beliebt: sollte sie doch der kindlichen Phantasie Tür und Tor öffnen, am besten alles möglich machen.

Und auch Henning Eichinger, den ich immer als im besten Sinne ernsthaft und konzentriert erlebe, arbeitet ja sozusagen systematisch spielerisch: Bildelemente wie Tapetenmuster aus den 50er Jahren, Zeitungsnews von einer Mondlandung etc. – alles kann integriert werden in das jeweilige Gesamtbild, das im Kopf des Künstlers und real entsteht – und dann auf der Leinwand oder in anderer geeigneter Form real wird – aber immer analog.

Was Karin Rase (s.o.) als Statement bezeichnet, möchte ich gerne genauer unter die Lupe nehmen: vielleicht, so mein Verdacht, verbirgt sich dahinter ja eine Art Survival Strategie?

Denn was bedeutet es, wenn ein Künstler, der mit den heutigen digitalen Möglichkeiten und Werkzeugen – mit PC, Smartphone, Navigationssystemen auf Handy und im Auto – souverän und völlig routiniert umgeht und dann doch in seiner künstlerischen Arbeit ganz auf digitale Werkzeuge verzichtet? Ängstlichkeit oder irgendein allgemeines, intuitives sich befremdet Fühlen gegenüber der digitalen Welt kommen nach meinem Eindruck auch nicht als Erklärung in Frage. Nicht bei einem Künstler, der derart rational und planvoll arbeitet.

Stattdessen aber hat sich Eichinger schon intensiv mit Vernetzungen befasst. Zum Beispiel hat er in einem internationalen „Skype-Kommunikations-Projekt mit Studenten aus Melbourne, Australien, wo er einige Zeit als Dozent gearbeitet hat und gleichzeitig mit Studenten an der Hochschule Reutlingen, wo er seit vielen Jahren Professor für Kunst ist, untersucht, wie die Kommunikation via Skype die Wahrnehmung und das Selbstverständnis der Teilnehmenden verändern. Auch die sogenannten Social Media waren wiederholt Gegenstand seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Hatte damals schon die Kommunikation über Skype deutlich sichtbare Auswirkung auf die Selbstwahrnehmung der “User“, so ist ja inzwischen, nach vielen Jahren Erfahrung mit facebook, Instagram, TikTok etc. allgemein bekannt, welch enormen, nicht selten sogar gefährlichen (Sucht nach ständiger Smartphone-Verfügbarkeit; angst, die neuesten Posts zu verpassen etc.) Einfluss die digitalen Medien auf unsere Wirklichkeitswahrnehmung, ja sogar auf unsere Identität haben. Vielleicht schaffen wir uns Avatare, die uns, so wie wir sind, repräsentieren, vielleicht aber auch als Wunschvorstellungen, wie wir sein wollen und der wir uns dann eventuell annähern – im Guten oder im Schlechten?

Bild rechts: Henning Eichinger: Selbst als Schatten, Lack auf LW,120 x 100 cm, 2026

Aufmerksame kunstportal-Leser wissen, dass wir uns mit dieser Thematik bewegen in Richtung unserer Hinkelstein-Newsletter-Serie, in der ja die Veränderungen unsrer Wahrnehmungswelt in der digitalen Wirklichkeit ein Hauptthema bilden. Hier im Rahmen unseres Künstlerporträts wollen wir die Hinkelstein-Thematik jedoch nicht weiter vertiefen.

Wichtig aber erscheint mir in diesem Kontext, dass die durch die Digitalisierung entstanden neuen Möglichkeiten und Kommunikationsformen und deren Nutzung uns selbst verändern. Ich möchte aber nicht etwa sprechen von neuen “digitalen“ Freiheiten“ (?), eher im Gegenteil: die Persönlichkeitsveränderungen durch digitale Medien, wie sie sowohl durch zahlreiche Studien der aktuellen Sozial- und Medienwissenschaften belegt sind als auch durch die künstlerisch-mediale Projektforschung von Henning Eichinger, verlaufen in hochkomplexen Prozessen, die sich unserer Kontrolle weitgehend entziehen.

Ich denke, dass ein Künstler, der sich dieser Entwicklung kritisch bewusst ist, wird auch die eigene künstlerische Freiheit gefährdet sehen, wenn er in seiner eigenen Arbeit nicht die Distanz zu seinem Gegenstand wahrt, Distanz, wie sie die Kunst letztendlich genauso braucht wie die Wissenschaft. Und wie wir im Hinkelstein immer wieder zeigen konnten: auch unsere persönliche Freiheit, unsere politische Autonomie wird potentiell durch Social Media gefährdet. Wahrscheinlich gilt all dies noch verstärkt beim Thema KI, in der ja eigendynamische, sich selbst verbessernde , letztlich unkontrollierbare Weiterentwicklungen systemisch angelegt sind.

Der Künstler Henning Eichinger jedenfalls, das ist meine These, bewahrt sich die künstlerische und persönlich Freiheit, indem er die digitalen Tools und Prozesse kritisch erforscht und damit für seine eigene künstlerische Arbeit die notwendige Freiheit und Unabhängigkeit sicher stellt.

In der Hochschule Reutlingen findet Eichinger für ein wohl ideales Arbeitsumfeld: Neben der Kunst haben hier auch etwa Design, Marketing, Information und Virtual Reality, ihren Raum.
In interdisziplinären Projekten gelingt es Henning Eichinger, seine manchmal eher sozialwissenschaftlich konnotierten Projekte so mit den anderen genannten Bereichen künstlerisch so zu integrieren, zu verbinden, dass ganz eigene Kunstwerke dabei entstehen, eigene, individuelle als auch aus der Teamarbeit heraus. Mit Joseph Beuys können wir Eichingers Kunstprojekte durchaus als soziale Kunstwerke bezeichnen.

Apropos „sozial“: oben hatte ich Henning Eichingers Verzicht auf digitale Produktionsmethoden als mögliche Survial-Stratgegie bezeichnet:

Kunst, die dieserart analog produziert wird, wird (würde) auch nach einem KI-bedingten globalen Shutdown der digitalen Welt noch möglich sein, würde noch funktionieren. Der zweifellos visionäre Soziologe und Philosoph Ivan Illich hat 1973 ein zunehmend aktuelles Buch publiziert: Tools for Conviviality. Schlecht übersetzt dann als Selbstbegrenzung: tatsächlich war Illichs Vorschlag, Illichs Idee: angesichts der damals schon zunehmenden Überkomplexität der technisch verfügbaren Möglichkeiten sollten wir uns fokussieren auf Werkzeuge, die wir verstehen und auch handhaben können und die wir, wenn’s drauf ankommt, notfalls selbst nachbauen.

Vor diesem Hintergrund erscheint mir Henning Eichingers konsequent analoge Arbeitsweise als Überlebensstrategie im Sinne auch von Ivan Illichs Tools for Conviviality). Kunst geht weiter.

Der unreflektierte Glaube an die Glücksversprechen der KI (mehr Wohlstand für alle, den dann halt die Maschinen erarbeiten) eher als gefährliches Projekt, das wir den Turmbau zu Babel V. 2.0 nennen könnten. 
Oder eine Nummer kleiner mit dem großen Johann Wolfgang von Goethe und dessen Zauberlehrling, der dann klagt über

“ die Geister, die ich rief …“

Jürgen Linde, im Juni 2026