Künstlerporträt über Henning Eichinger in Form eines Doppelporträts über Henning Eichinger: Der Turmbau zu Babel:
Prof. Henning Eichinger: (zur eigenen Arbeit) | „Horror Vacui und Flammenmadonna – zwischen Überforderung und Transformation„
Jürgen Linde: „Die Geister, die ich rief …„
Henning Eichinger im Internet: | Home – Henning Eichinger – art and projects
Email: henning.eichinger@yahoo.de

In meinem Beitrag „die Geister, die ich rief … (der zweite Teil, in welchem wir uns schon befinden) entwickle ich dann meine Gedanken dazu; inspiriert von den so vielfältigen Arbeiten Henning Eichingers.
Wieder also erscheint ein Künstlerporträt in Form eines Doppelporträts:
Auch aus aktuellen Gründen berührt mich Eichingers künstlerische Arbeit persönlich und emotional, und so erlaube ich mir, dem Text des Künstlers (m)einen zweiten, ergänzenden Text an die Seite zu stellen. Keine Gegenposition, sondern meine sehr subjektive Annährung und Fortsetzung des Thema, das der Künstler gesetzt hat:
Die Überforderung von uns Menschen im Zeitalter der Digitalität; einer Entwicklung, der viele von uns nicht sich mehr gewachsen fühlen, deren Überkomplexität uns zu übermannen scheint.
Die Werkreihe Horror Vacui, die der Künstler vorstellt, besteht wesentlich aus Bildern, die auf interessante und unterhaltsame(?) Weise einfach komplett überfüllt wirken.

Auch auf der Website des Künstlers erscheint beim Menüpunkt “works“ die Serie Horror Vacui“ ganz oben in der Liste: | Bilder, randvoll gefüllt mit Objekten, Mustern, Ausschnitten (von was?), die ersten Arbeiten, die ich von Henning Eichinger sehe, sind genau in dieser Art gestaltet – überwältigend, anziehend, Neugierde weckend – sie werfen Fragen auf, die zu formulieren mir fast kein Raum mehr bleibt. Horror Vacui nennt der Künstler Henning Eichinger diese Serie.
Der Versuch, wieder an die Oberfläche zu gelangen, vielleicht einen Überblick zu erlangen, über das was geschieht, was eigentlich der Fall ist, führt mich: natürlich – zu Google, wo ich diesen Namen eingebe – mit Erfolg:
Horror vacui (lateinisch für „Scheu vor der Leere“) bezeichnet das Phänomen, jeden freien Zentimeter einer Fläche mit Mustern, Details oder Objekten zu füllen.
Spontan verbinde ich diese Arbeiten mit den Werken des 2025 gestorbenen Karlsruher Künstlers Rolf Schindler, dessen Werke ich gerade ständig vor Augen hatte, weil ich für seinen posthum erschienenen Katalog „Willkommen im Unerklärlichen“ (leider nicht im Handel verfügbar) eine Zusammenfassung meines 2011 erschienenen Künstlerporträts „Uns | verloren?“ schreiben sollte. Diese Zusammenfassung hatte ich dann im Hinkelstein 71 | 05.04.2026 | Ein Funken Hoffnung veröffentlicht.
Schindlers Arbeiten und die von Henning Eichinger empfinde ich auf ähnliche Weise – als zeitdiagnostisch – als Beschreibung der zunehmend bedrohlichen Überfülle unser (sinnlichen) Wahrnehmungswelt. Eine Verbindung, die der Künstler Henning Eichinger, als ich ihm davon berichte, distanziert als „interessant“ bezeichnet. Ja, sicherlich begebe ich mich hier auf wackeligen Boden, da sich Eichigers Arbeit auf ihrer ganz eigenen künstlerischen Strategie bewegt.
Dennoch erscheint es mir vertretbar und interessant, auf diesem streng intuitiv gewählten Pfad noch ein wenig weiter zu suchen, zu forschen.
Seit den 90er Jahren reflektiert der Künstler in seinen Bildern bewusst unser digitales Zeitalter, jedoch bis heute ohne sich auf eine computergenerierte Arbeitsweise zu verlagern. Nichts entsteht am Bildschirm. Er arbeitet in jeder Hinsicht analog. Das ist ein Statement. (Dr. Karin Rase im Katalogbuch: Henning Eichinger: Synchronizing Systems; Kerber Verlag 2025)
Ein Statement, das mir heute, da Themen wie computergenerierte Kunst heiss diskutiert werden – mal sehr sachlich, mal auch in Form richtiger Glaubenskriege; einer Zeit, da das ZKM die Crypto Art bereits zur eigenen Kunstform geadelt hat, während viele Menschen, auch viele Kunstfreunde, noch keine Vorstellung davon haben, was dies eigentlich ist. Auch Google (mit KI!) macht uns nicht wesentlich schlauer:
Crypto Art (oder Kryptokunst) bezeichnet digitale Kunstwerke, deren Echtheit und Besitzverhältnisse fälschungssicher auf einer Blockchain gespeichert sind.
Vielleicht nutzt das ZKM hier ja auch das eigene Gewicht, die Deutungshoheit in Sachen „verwirrende Zukunft“, um den Wert der (NFT-) Sammlung des ZKM zu sichern?
The Story That Has Just Begun. Die NFT-Sammlung des ZKM
Henning Eichinger arbeitet fast immer in Werkserien; Gruppen, die dann auch mal vorerst abgeschlossen sind, aber dies nicht zwingend, nicht endgültig. Warum auch sollte sich der Künstler sich hier selbst einschränken?
Ein verbindenes Element über Eichingers Schaffensphasen hinweg bildet die Technik der Collage: von „echten“, klassischen Collagen, bei denen mehrere Teile (bei Eichinger auch gerne Ausschnitte, Schnipsel aus früheren Arbeiten/Entwürfen bishin zu den neuesten malerischen Werken, die noch immer an Collagen erinnern, nutzt der Künstler dieses Ausdrucksmittel. Genau passend zu Karin Rases o.g. Hinweis auf Eichingers Statement zur analogen Arbeitsweise sehe.

Auch diesen Werke, ausgeführt in meisterhafter Malerei, bleibt dadurch ein archaisches, ein spielerisches Element erhalten. Im Kunstunterricht in der Schule war früher die Collage beliebt: sollte sie doch der kindlichen Phantasie Tür und Tor öffnen, am besten alles möglich machen.
Und auch Henning Eichinger, den ich immer als im besten Sinne ernsthaft und konzentriert erlebe, arbeitet ja sozusagen systematisch spielerisch: Bildelemente wie Tapetenmuster aus den 50er Jahren, Zeitungsnews von einer Mondlandung etc. – alles kann integriert werden in das jeweilige Gesamtbild, das im Kopf des Künstlers und real entsteht – und dann auf der Leinwand oder in anderer geeigneter Form real wird – aber immer analog.
Was Karin Rase (s.o.) als Statement bezeichnet möchte ich gerne gnadenlos überinterpretieren als Survival-Strategie:
Kunst, die dieserart analog produziert wird, wird (würde) auch nach einem KI-bedingten globalen Shutdown der digitalen Welt noch möglich sein, würde noch funktionieren. Der zweifellos visionäre Soziologe und Philosoph Ivan Illich hat 1973 ein zunehmend aktuelles Buch publiziert: Tools for Conviviality. Schlecht übersetzt dann als Selbstbegrenzung: tatsächlich war Illichs Vorschlag, Illichs Idee, angesichts der damals schon zunehmenden Überkomplexität der technisch verfügbaren Möglichkeiten, sich zu fokussieren auf Werkzeuge, die wir verstehen können, die wir handhaben können und die wir, wenns drauf ankommt, selbst nachbauen könn(t)en.
Gerade war zu lesen, dass die USA nun 4 Mrd. investieren werden in die Weiterentwicklung von Quantencomputern, die Mittelvergabe ist verbunden mit der staatlichen Übernahme von Firmenanteilen der 9 ausgewählten Unternehmen. …
Und Elon Musk bringt derzeit sein Space X an die Börse
„1,75 Billionen Dollar könnte das Unternehmen wert sein.
Das Unternehmen sieht es als seine Mission an, Technologien zu entwickeln, die das Leben multiplanetar machen und die helfen, das wahre Wesen des Universums zu verstehen“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung; 24.05.2026; S. 25.)
Nun habe ich ja überhaupt nichts gegen Quantencomputer. Und Elon Musk halte ich zwar für politisch ein wenig gefährlich, ansonsten aber für einen wahren Visionär – und einen Realisten: er sieht, was alles möglich ist und geht schlicht davon aus, dass wir Menschen das alles auch versuchen werden, weil das ja immer schon so war. Mein Tipp: Investieren Sie Ihre Ersparnisse in Space-X.
Aus eigener Erfahrung nun weiß ich sehr sehr gut, dass wir Menschen immer und immer wieder mal Fehler machen: So wurde in den 60er Jahren das Internet u.a. aus dem militärischen Ziel heraus erfunden, ein Kommunikationssystem zu haben, das völlig unabhängig funktioniert von (leicht angreif- und zerstörbaren) Kommunikationszentralen. Angesichts der damaligen Kriesgs-Szenarien eine bestimmt gute Idee.
Heute erklären uns die führenden Köpfe von Palantir, dass die alten Kriegsszenarien verstaubt und längst überholt sind: Krieg wird heute mit den Mitteln der KI geführt (siehe Hinkelstein 73 | 03.05.2026). [ OK, Investieren Sie die verbliebene Notreserve (ätsch: erwischt!) Ihrer Ersparnisse in Palantir! ]
Andererseits scheint gerade die (wahrscheinlich kaum kontrollierbare) KI nicht nur in der Lage zu sein, die gesamte (digitale) Kommunikation des Planeten lahmzulegen, sondern sich sogar gegen uns Menschen zu richten (siehe Hollywood, Terminator I und v.a. II – visionär: gut; actionmäßig: mega bis giga ).
Vor diesem Hintergrund erscheint mir Hennig Eichingers konsequent analoge Arbeitsweise als Überlebensstrategie im Sinne auch von Ivan Illichs Tools for Conviviality). Kunst geht weiter.
Der unreflektierte Glaube an die Glücksversprechen der KI (mehr Wohlstand für alle, den dann halt die Maschinen erarbeiten) eher als gefährliches Projekt, das wir den Turmbau zu Babel 2.0 nennen könnten.
Oder eine Nummer kleiner mit dem großen Johann Wolfgang von Goehte: “ die Geister, die ich rief …“
Jürgen Linde, im Juni 2026
„das Ganze umfangen“
Jürgen Linde im April 2026