Dieses Essay von Prof. Hennig Eichinger zu seiner künstlerischen Arbeit erscheint hier im kunstportal-bw im Rahmen des Künstler-Doppel-Porträts über Prof. Henning Eichinger „Die Geister, die ich rief …„
Prof. Henning Eichinger: (zur eigenen Arbeit)
„Horror Vacui und Flammenmadonna – zwischen Überforderung und Transformation„
Jürgen Linde: „Die Geister, die ich rief …„

Bild links: Henning Eichinger: Come as you are, 2025
Ölfarbe und Lack auf Leinwand, 170 x 110cm
Im Zentrum des hochformatigen Schwarz-Weiß-Bildes steht eine Mariendarstellung, inspiriert von mittelalterlichen Sonnen- oder Flammenmadonnen. Maria breitet ihre Hände aus – von
ihnen gehen Strahlen nach unten, Sinnbild göttlicher Gnade und zugleich menschlicher Sehnsucht nach Orientierung.
Die Figur ist von einem mandelförmigen, oben und unten spitz zulaufenden Rahmen umgeben, der an das traditionelle Mandorla-Motiv erinnert – Zeichen des Übergangs zwischen Irdischem und Himmlischem.
Unter ihren Füßen türmt sich ein „Berg der Dinge“: technische, organische und florale Formen, ineinander verschränkt, fast verkeilt. Aus diesem Gewirr ragt im Vordergrund ein Schwanenkopf hervor – ein Symbol für Reinheit, Wandlung und Transzendenz.
Außerhalb des Rahmens entfaltet sich ein geordnetes Durcheinander: Fragmente aus Geschichte und Gegenwart, aus Alltagswelt, Medienbildern und Symbolen, umrahmt von ornamentalen, floralen Mustern. Diese Überfülle thematisiert den inneren und äußeren Druck unserer Zeit – die allgegenwärtige Informationsflut, ständige Erreichbarkeit und den globalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit. In einer Gesellschaft, die Stille als Mangel empfindet und Leere kaum noch erträgt, wird die Oberfläche selbst zum Schlachtfeld der Bedeutungen.
Doch mitten in diesem visuellen und inhaltlichen Überdruck steht Maria: ruhig, ordnend, als Ruhepol. Sie verkörpert das Moment der Sammlung, der Verwandlung – ein Gegenbild zur Auflösung.
Das Werk reflektiert zugleich die Spannungen, in denen sich der katholische Glaube heute
bewegt: zwischen Spiritualität und Vertrauenskrise, zwischen kontemplativer Tiefe und
digitaler Beschleunigung. Die Malerei entsteht aus dieser Spannung heraus – nicht als Flucht,
sondern als bewusster Eintritt in den Druckraum unserer Zeit. Medienbilder, Zeichen, Codes
werden aufgenommen, überlagert und verdichtet, bis sich die Last in Form verwandelt, der
Druck in Poesie.

Bild rechts: Henning Eichinger:
Horror Vacui V, 2018
Ölfarbe und Lack auf Leinwand, 130 x 200 cm
Horror Vacui ist eine Serie von Gemälden, die sich mit der permanenten Überforderung durch Medialisierung, Digitalisierung, Globalisierung und dem Bedürfnis nach ständiger Erreichbarkeit beschäftigt. Mit der Überfülle oder auch Überforderung in unserem Leben.
Dabei visualisiere ich durch meine Malerei nicht die negativen Seiten dieser Überfülle und Überflutung durch unsere globalisierte Mediengesteuerte Welt, sondern transformiere diese in meine persönliche Ästhe k und Bildsprache. Mit diesem Akt kann ich kleine Portionen
Poesie aus der Überfrachtung extrahieren, sie an die Oberfläche ziehen und neue und
geheimnisvolle Ansichten zwischen Cartoon, Fantasy, Ta oo und Graphic Novel schaffen – aber
es sind immer noch traditionelle Gemälde: Ölfarbe, Lack auf Leinwand.

Bild oben:
Henning Eichinger: Horror Vacui II, 2018
Ölfarbe und Lack auf Leinwand, 150 x 150cm
Die Arbeiten entstehen nicht nach einem vorgefertigten Entwurf, sondern wachsen langsam
direkt auf der Leinwand in einem kontinuierlichen malerischen Prozess, ähnlich einer Collage.
Dabei werden auch Stellen mehrmals übermalt und malerisch korrigiert. Es entsteht also ein
vielschichtiges Über- Unter- und Nebeneinander, durch welches Motive und Hintergründe
miteinander verbunden sind, vergleichbar einem Gewebe.