Kunstausflüge mit Sigrid Balke | Ausstellung im Neuen Kunstmuseum Tübingen: 19.07. – 04.10.2026: | Steve McCurry – ICONS

Es gibt Bilder, die sich unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis einschreiben. Das Porträt des afghanischen Mädchens Sharbat Gula, das 1985 als Titelbild des Magazins National Geographic um die Welt ging, zählt zu den bekanntesten Fotografien des 20. Jahrhunderts und ist untrennbar mit dem Namen Steve McCurry verbunden. Doch wer die Ausstellung Steve McCurry – ICONS im Neuen Kunstmuseum Tübingen besucht, entdeckt weitere Werke, die auf eine leise Art begeistern und weit über diese ikonische Aufnahme hinausreichen.

Mit der ersten großen Retrospektive Steve McCurrys in Deutschland setzt das Neue Kunstmuseum Tübingen nach der erfolgreichen Anne-Geddes-Ausstellung erneut auf die Bedeutung der Fotografie in der Kunst. Zur Vernissage eröffnete Thomas Strobl, Präsident des Landtags Baden-Württemberg, die Ausstellung mit einem Gedanken, der den Kern der Ausstellung treffend beschreibt: „Der Titel Icons steht für Sinnbilder und in der Konsequenz für Bilder mit Sinn. Seine Fotografien“, so Strobl weiter, „eröffnen nicht nur Einblicke in andere Kulturen, sondern ermöglichten es auch, „für eine Weile die Welt zu vergessen,“ und sich zugleich intensiver mit ihr auseinanderzusetzen“.

Steve McCurry versteht sich heute weniger als Dokumentarfotograf denn als visueller Geschichtenerzähler. Nicht das spektakuläre Ereignis steht im Mittelpunkt seiner Bilder, sondern die betroffenen Menschen denen er in Krisen- und Konfliktgebieten und in unterschiedlichsten Kulturkreisen in den Jahrzehnten seiner Schaffenszeit begegnete. Seine Fotografien erzählen von universellen menschlichen Erfahrungen, von Freude und Verlust, von Hoffnung und Unsicherheit, von Stärke und Verletzlichkeit. Immer respektvoll gegenüber den Menschen die er fotografiert, beherrscht Steve McCurry eine universelle Bildsprache, die letztendlich zeigt We are all similar. Mit diesen Worten fasste Biba Giacchetti, Kuratorin der Ausstellung und enge Mitarbeiterin McCurrys, sein Verständnis von gemeinsamer Menschlichkeit zusammen.

Tatsächlich zieht sich diese Haltung wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung. Trotz unterschiedlicher Kulturen, Religionen und politischer Konflikte richtet McCurry den Blick auf das Verbindende, setzt einen Ausschnitt der Welt ins Bild und weitet den Blick weit darüber hinaus. Der Blick durch den Sucher der Kamera fokussiert auf das Wesentliche und eröffnet Räume der Begegnung. Beim Gang durch die Ausstellung ist es oft der direkte Blickkontakt zu den porträtierten Personen, der den Fotografien ihre intensive Nähe verleiht und eine bemerkenswerte Nähe schafft. Man fühlt sich nicht wie ein distanzierter Beobachter, sondern wird Teil der Begegnung. Genau diese Menschlichkeit in den Fotografien macht den politischen Kontext auf einer anderen Ebene erfahrbar.

Seine dokumentarische Genauigkeit verbindet Steve McCurry mit außergewöhnlicher Farbigkeit, präziser Bildkomposition und beinahe malerischer Ästhetik. Seine Arbeiten entstanden unter anderem während seiner Auftragsreisen in Indien, Pakistan, Afghanistan, Tibet, Myanmar, Kambodscha und Afrika. Mehr dazu erfahren die Ausstellungsbesucher in Videos in denen Steve McCurry selbst über seine Reisen, Begegnungen und seine fotografische Arbeitsweise spricht.

Steve McCurry – ICONS ist deshalb weit mehr als eine Ausstellung berühmter Fotografien. Sie ist eine Einladung, innezuhalten, genau hinzusehen und die Welt aus der Perspektive der Menschen zu betrachten, deren Geschichten oft im Hintergrund großer Ereignisse stehen. Die Tübinger Präsentation zeigt eindrucksvoll, warum Steve McCurry zu den bedeutendsten Fotografen unserer Zeit zählt und warum seine Bilder auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung nichts von ihrer emotionalen Wirkung verloren haben.
McCurry studierte Film und Theaterwissenschaft an der Pennsylvania State University. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst für eine Lokalzeitung, bevor er sich als freier Fotograf selbstständig machte. Seinen internationalen Durchbruch erzielte er 1979/80, als er kurz vor der sowjetischen Invasion nach Afghanistan gelangte. Aufnahmen aus dem Kriegsgebiet machten ihn international bekannt und brachten ihm die renommierte Robert Capa Gold Medal ein.

© Text: Sigrid Balke; © Fotos: Harald Lambacher