Hinkelstein 81 – Die Verkleinerung der Welt (?)II

Hinkelstein: | Nr. 81 am 23.08.2026 | Gedanken zur Digitalisierung

Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,

Im letzten Hinkelstein hatten wir die die Verkleinerung der Welt beklagt; eine kulturelle Entwicklung, die wir aus Sicht der Kunst naturgemäß negativ sehen, als einen Angriff auf unsere Welt, die wir doch eher als unbegrenzt sehen und sehen wollen, als unendlich großen Raum, in welchem es immer wieder Neues zu entdecken gilt; insbesondere auch neue Perspektiven auf das, was uns schon bekannt ist.

Schon Michael Ende, der Märchenerzähler, für mich ein wichtiger, ein großer Künstler, hat uns ja in seiner Unendlichen Geschichte gezeigt, dass die Rettung / die Verteidigung Phantasiens eine bedeutende künstlerische Aufgabe ist. Die Zerstörung Phantasiens wäre in unserem Kontext gelesen, eine massive Verkleinerung der Welt:
Unvorstellbar eigentlich: eine Welt ohne Phantasie, ohne Träume, ja ohne Transzendenz.

Wie Sie bestimmt bemerkt haben, habe ich den Titel unserer kleinen Hinkelstein-Unterserie Die Verkleinerung der Welt (?) heute mit einem selbstkritischen Fragezeichen versehen. Je tiefer ich in diese Materie einsteige, desto stärker zweifle ich an meiner eigenen Urteilkskraft, auch, weil der Arbeitsalltag es nicht erlaubt, die vielen Nebenaspekte unseres überkomplexen Themas hinreichend zu vertiefen.

Um dennoch voranzukommen, möchte ich die These der Verkleinerung der Welt (noch nicht aufgeben, aber) zunächst relativieren. Und ein wenig aufräumen in meinen Gedanken: über 80 Hinkelsteine hinweg haben wir immer wieder Bezug genommen insbesondere auf zwei Dystopien, die gewissermaßen die Verkleinerung der Welt kritisch darstellen:
– In George Orwells 1984 gelingt es der totalitären Macht (mit Big Brother als Symbolfigur), alles aus der Welt der Menschen auszublenden, was sich der totalen (stark digitalbasierten) Kontrolle entzieht: Begriffe wie etwa Liebe sind streng verboten; die Gedankenkontrolle bewirkt, dass auch die Bedeutung der verbotenen Begriffe letztendlich verschwindet. Ein sehr radikaler und brillanter poitischer Ansatz. Hier werden seelenlose Menschen „politisch erzwungen“.
– In der Filmreihe Die Matrix (Wachowski-Brothers, 1999) leben die Menschen bereits als Avatare, deren Leben vollständig digital kontrolliert ist. Sinndimensionen irgendeiner Art sind somit ganz ausgeschlossen. Die Handelnden im Film sind die noch verbliebenen Rebellen, die das „vollständige Leben“ verkörpern und die Matrix bekämpfen. Rein digital erzeugt, sind die Menschen in der Matrix (?) definitiv seelenlos.

Unweigerlich erinnert uns dieses Paradigma mal wieder an die Musik von Kraftwerk: Wir sind die Roboter (1978 aus „Die Mensch-Maschine“)

Ich selbst befürchte, dass wir heute auf dem Weg sind in eine Welt, die ich seit mehr als 20 Jahren als technologischen Totalitarismus bezeichne, eine Wirklichkeit, die ich dann eben als eine verkleinerte Welt beschreiben möchte – verkleinert durch den Wegfall eines bedeutenden Teils unserer (eigentlichen) Wahrnehmungswelt. Seele, Empathie, Transzendenz sind nicht digital repräsentierbar; sie verschwinden daher auch daher in beiden Szenarien auch aus der Wirklichkeit.

Auf dem Weg dorthin spielen viele, einander ergänzende/verstärkende Faktoren wichtige Rollen; die drei wohl wichtigsten davon haben wir in der Hinkelstein-Reihe herausgearbeitet:

Die Verkleinerung der Welt; eine These, die ich aufrecht erhalte, ergibt sich erst aus dem dynamischen Zusammenwirken von Digitalisierung, Social-Media und “Handy-Kultur“.
Sicher gibt es auch dialektische Gegenbewegungen, die wir nicht ignorieren wollen.

Da wir ja nicht immer all diese Bewegungen auf einmal bearbeiten können, beginnen wir heute mit der Digitalisierung:
Eine Entwicklung, die wir – alleine genommen – als Fortschritt im besten Sinne betrachten: Auch die KI, das heute offenbar alles dominierende Oberthema, sollten wir zuerst außen vor lassen, denn die Digitalisierung hat schon vor über 60 Jahren begonnen.

Digitalisierung und KI zu trennen ist heute gar nicht einfach: Gerade kommen ja (fast täglich in den TV-News) wieder die „humanoiden Roboter“ ins Spiel, Roboter also, die menschenähnlich (mit Kopf und Armen und Beinen) aussehen und sich auch so bewegen, was die Akzeptanz etwa in Fabriken, wo reale Menschen und Roboter gleichzeitig arbeiten w(u)erden, erhöhen könnte. Insbesondere China präsentiert auf Computermessen bereits Beispiele solcher humanoider Roboter, die beeindruckende (teilweise artistisch anmutende, auch tänzerische und sportliche Höchst-) Leistungen zeigen.

Wir alle kennen solche “humanoiden“ Roboter längst aus dem Kino, etwa R2-D2 oder C3-PO aus dem Krieg der Sterne; beide durften ja auch schon in Hollywood ihren Fußabdruck im Zement des Hollywood Boulevard hinterlassen. Man mag einwenden, dass der so knuddelige R2-D2 nicht wirklich menschlich aussieht, doch macht ihn seine gut programmierte menschlich anmutende Gefühlswelt umso sympathischer.

Perfekt menschlich aussehende Roboter kennen wir auch etwa aus Ridley Scotts Alien 1, wo der Android (Ash) in der Crew an Bord dafür sorgen soll, dass die Reise-Mission – der Transport von ein paar Millionen Tonnen wertvoller Energierohstoffe zur Erde – erfolgreich durchgeführt wird, gegebenenfalls eben auch auf Kosten der menschlichen Besatzung.

Was vielen gar nicht klar ist: in heutigen ganz normalen Fabriken sind Roboter lange schon Teil des Alltags – nur dass sie ungefähr so menschlich aussehen wie der berühmte “Google-Bot“; ein kleines, aber wichtiges (Crawler-) Programm, das wie ein fleissiger Roboter, das Internet durchkämmt auf der Suche nach Links, nach neuem Content, um diesen zu klassifizieren (zu indexieren) und somit für Google-User auffindbar zu machen.

In der Fabrik gibt es Roboter schon seit den 60er Jahren. Gemeint sind damit CNC-Maschinen; CNC für Computerized Numerical Control. Bei der Einführung dieser neuen Werkzeuge hatte man (= der ausbeuterische Kapitalist) durchaus Bedenken, dass man auf Widerstand (die “Maschinenstürmerfraktion“ der Arbeiterbewegung) stoßen könnte, weil mit CNC-Maschinen die Produktivität recht drastisch verbessert wurde.

Bild oben: Deutschland steht bei der Automatisierung mit Robotern in Europa an der Spitze
(Bild: Foto: stock.adobe.com/IM Imagery)


Doch der Aufstand blieb aus; ganz im Gegenteil: wer einmal erleben durfte (ich durfte dies als Werkstudent in einer Motorenfabrik in Mannheim-Schwetzingen), wie ein solcher Roboter (hier eine computergesteuerte Drehmaschine) innerhalb einer Minute einfach per Eingabe eines 3-stelligen Zahlencodes von einem Bauteil (zum Beispiel von einer Welle, 900 mm lang; Durchmesser 12 mm) umgestellt werden konnte auf die Herstellung eines halb so großen und/oder ganz anderen Werkstücks, war schlicht begeistert: die Umstellung war zuvor, mit der mechanisch einzustellenden Drehmaschine, eine sehr zeitraubende (gefühlt unproduktive) und schwierige Arbeit. Die Facharbeiter waren meist von den CNC-Maschinen begeistert, sahen dadurch ihre eigene Produktivität wachsen.

Aus der Autoproduktion kennen wir Schweißroboter, die beim Zusammensetzen der Karosserien mit ihren exakt digital gesteuerten “Armen“ schneller und präziser Schweißnähte setzen, als ein Mensch dies jemals könnte. Insofern sind Roboter längst akzeptiert und integriert in unseren Alltag, den sie wesentlich erleichtern – als unsere menschengerechte Werkzeuge.

In diesem Sinne können wir die Digitalisierung durchaus als Vergrößerung der Welt begreifen – Produktivitätsfortschritt schafft Freiraum; schafft Freizeit – die „35 Stunden-Woche“ wurde damals möglich durch Produktivitätssteigerung.

Bleiben wir heute zunächst bei der Digitalisierung: diese betrachte ich im oben beschriebenen Sinne als klassische (hier: wirtschaftliche) Rationalisierung im Sinne Max Webers. Eine Steigerung der Produktivität, die zunächst einmal mehr Wohlstand für alle (mehr Gewinn der Unternehmen, mehr Lohn, mehr Freizeit für die Arbeitenden) schafft. Jedenfalls in unserem deutschen, sozialstaatlich abgefederten und korporativen Kapitalismus und in Zeiten des Wachstums.
Ja, früher, zu Zeiten des Wachstums und des wachsenden Wohlstandes für alle, war alles einfacher und es gab auch die passende Musik dazu: Geier Sturzflug – Wir steigern das BSP

Doch heute kommen angesichts der fortschreitenden Globalisierung weitere Aspekte ins Spiel.

– In einer globalisierten Wirtschaft, in der der chinesische autokratisch gesteuerte Kapitalismus offenbar deutlich stärkere Produktivitätsfortschritte erreicht, erzeugt der Produktivitätsfortschritt hierzulande keineswegs automatisch mehr Wohlstand für alle.

Zwar hat die viel kritisierte Globalisierung hat nach Ansicht der meisten Ökonomen und auch vieler sehr kritischer Köpfe aus Kultur und Journalismus, den Wohlstand auf Erde vergrößert und Hunger und Armut insgesamt gesehen deutlich verringert. Die Stiftung von Bill Gates, der selbst ja schon viele Milliarden seines Vermögens gespendet hat für Großprojekte zur Bekämpfung von Armut und v.a. von Seuchen/Krankheiten, liefert dazu immer wieder überzeugende Zahlen.

mit der KI ist ein neuer Player auf dem Feld, dessen Einfluß und Dynamik noch nicht überschaubar ist. Doch immer öfter lese ich derzeit Beiträge darüber, dass KI gerade in unserer deutschen mittelständisch geprägten Wirtschaft besonders schnell wirklich produktiv werden kann und auch schon vielfach erfolgreich eingesetzt wird !
(Deutschland, die deutsche Wirtschaft, hat das Internet verschlafen, das muss ja bei der KI nicht nochmal passieren …)

Bei den großen KI-Textmodellen, mit denen Open AI oder Anthropic für – teilweise witzige bis beängstigende – Schlagzeilen sorgen, müssen wir womöglich gar nicht dabei sein?


Bild oben: Tanja Pohl: Opus I, 2011; © Tanja Pohl

Wir behalten die Thematik fest im Blick, kritisch und selbstkritisch: wäre doch schön, wenn ich meine These einer Verkleinerung der Welt am Ende ganz zurücknehmen könnte?

In jedem Fall bleibt uns die Kunst, um jederzeit Neues zu entdecken und die Perspektiven zu wechseln: