Buchtipps von Uli Rothfuss. | „Die Riesinnen“, Roman von Hannah Häffner

Das Thema, die Hauptperson dieses Buches, ist der Wald. Der Schwarzwald. Der Wald als das Große. Der Wald als unser dauerndes Gegenüber. Der Wald als der Background, als das Grund Legende der Menschen, die hier leben, die hier geboren sind und aufwachsen, der Wald als der Klangraum derer, die sich auf ihn einlassen, die mit und in ihm leben. Alles andere im Buch ist eine Illustration dessen – des Lebens mit und durch den Wald. Des Ruhe Findens im, mit dem Wald. Des Sprechens mit dem Wald – der Wald als Gegenüber, als Resonanzraum des eigenen Selbst. Darum geht es. Landschaft ist mehr als ein mit Bäumen bewachsener Hügel, mehr als Berge, Täler, Flüsse. Landschaft ist die Entsprechung der Emotion, ist der Grund alles Denkens, ist immer auch Gegenüber, Antwortgeber für den, der sich auf sie einlässt.
Wir haben im Buch drei, am Schluss vier Generationen von Frauen, Schwarzwälder Frauen, die zwar z.T. Erfahrung „in der Welt“ – von Stuttgart bis Paris – sammeln, aber immer wieder zurückkehren, weil sie sich hier zuhause fühlen, hin- und zugehörig, so wie es vielen Schwarzwäldern geht – weil sie den Wald brauchen, um existieren zu können; mit allen Fährnissen, mit allen Zwangsjacken, die ihnen da umgelegt werden: allein dieses unsägliche Einpassen in die Konventionen, die über Generationen wirken, macht vor allem Frauen zu Leibeigenen dieser in sich rotierenden Gesellschaft im Dorf. Zerstört Hoffnungen, Pläne – bietet aber auch eine gewisse Sicherheit, eine Sicherheit in der Einschränkung; und für die Frauen erstmal Knebel, aber aus diesem heraus doch Möglichkeit, sich zu befreien und dann ganz selbst zu gestalten.
Die Autorin schafft Generationen von Frauen, die sich je in ihrer Zeit behaupten, aber wie! Die stark sind in ihrer Zeit, die Möglichkeiten nutzen, ohne vollständig auszubrechen, aber doch ständig an der Grenze lavieren. Die im Dorf, mitten im Wald, ihr Leben führen, zum Teil gegen die gesamte Dorfgemeinschaft, und mit diesem Leben zu Erfolg kommen, trotz Rückschlägen. Dass die Autorin da mitunter den Zufall etwas sehr bemüht, wie mit dem Unfalltod des autoritären Ehemannes der ältesten der Generationen, Liese, auch mit dessen Halbschwester, was erst spät im Buch rauskommt, sei der Geschichte willen hingenommen, – stört zumindest nicht. Alle sind sie starke Frauen, die sich durchsetzen. Die unbeirrt ihr Leben, auch gegen die trotzige Gemeinschaft, führen. Mich, selbst gebürtiger Schwarzwälder und in einem ähnlich in seinen Traditionen wie auch den Haltungen der Menschen festgefahrenen Dorf Aufgewachsenen, berühren die Geschichten, berührt es, wenn die Frauen immer wieder hinausflüchten in den Wald, weil sie sich dort aufgenommen, verstanden fühlen, weil sie da Zuflucht finden, und immer gestärkt zurückkommen.
Es ist erzähltes Leben über drei, vier Generationen, illustriert an den Zeiten ab den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis fast heute. Man mag sich wiederfinden in den Atmosphären des Romans, wie ich, oder dies von außen betrachten, die Autorin schafft es, Emotion zu wecken, die Zeiten mit all dem, was einhergeht, darzustellen, die äußeren und inneren Kämpfe ganz eindringlich zu gestalten. Wir, die Leser, können mitgehen, können nachempfinden, hören manches aus der Ferne herüberschallen, wie die Kämpfe gegen das Kernkraftwerk Wyhl in Südbaden, und wir reihen uns ein in die Sehnsucht, den Wald zu erleben, im Wald aufzugehen, solange es ihn noch gibt.
Die Autorin erzählt dabei spannend, illustrativ in vielen Bildern, die diesen Wald uns darstellen als Persönlichkeit, die uns all die Möglichkeiten unserer Selbstfindung bietet. Es ist ein Buch, das mich wirklich ergriffen hat. Sicher auch aufgrund der eigenen Biografie. Aber, mit etwas Abstand und abstrahiert, auch weil einfach eine schlüssige, gute, stringente Geschichte erzählt wird, weil einzigartige, kauzige Charaktere gestaltet werden. Weil eine Landschaft so grandios dargestellt wird. Unbedingte Leseempfehlung.
Hannah Häffner: Die Riesinnen. Roman. Geb., 416 S., Penguin Verlag, 2026, 24 €.