Art All Inclusive – über Danielle Zimmermann

Aktuell ist Danielle Zimmermanns Kunst zu erleben in der Städtischen Galerie Fähre in Bad Saulgau. Wir zitieren aus dem Ausstellungsprogramm die Kuratorin, Galerieleiterin Alexandra Karabelas:

Vom 21. Juni bis zum 13. September 2026 präsentiert die Städtische Galerie „Fähre“ in Bad Saulgau unter dem Titel „“Reuse Me“ eine umfassende Einzelausstellung der Stuttgarter Künstlerin und Performerin Danielle Zimmermann. Es handelt sich um die erste museale Präsentation einer der spannendsten und herausforderndsten künstlerischen Positionen Süddeutschlands, die Alltagsmaterialien in einen provokanten, feministischen Kontext stellt.
Städtische Galerie „Fähre“ Bad Saulgau | 21.06. – 13.09.2026 | Danielle Zimmermann: Reuse me

Politik, Gesellschaft, und Gesellschaftskritik sind permanent Themen der Künstlerin, die sich auch selbst sehr für die Kunstvermittlung engagiert. In der aktuellen Ausstellung finden wir zum Beispiel diese Nebenschau, die an die Verbrechen des Holocaust erinnert::
Der Radierzyklus »Sophie Scholl – 50 Flugblätter« von Danielle Zimmermann wird zum Ausgangspunkt des Gedenkens von Schülerinnen und Schülern der 11. Klasse des Kreisschulzentrums (ehemalige Helene Weber-Schule) und der Akademie für Kommunikation, Stuttgart.

Bevor ich unten ein paar Gedanken zum Thema Kunst und Gesellschaft versuche, beginnen wir aber bei der Kunst, bei den Arbeiten.
Auf den ersten Blick sind Danielle Zimmermanns Werke oft bunt, laut und aggressiv; sie befassen sich mit der Konsum- und Werbewelt, aus der die Künstlerin auch ihre Materialien bezieht: statt auf Papier oder Leinwand zu malen, verwendet sie Plastiktüten, Kartonagen und andere Verpackungen aller Art. Dabei bleiben dann Logos oder Schriftfragmente bewusst und gezielt erhalten und erscheinen dann in einem veränderten Kontext:
Besonders markant erscheinen zum Beispiel bemalte Klopapier-Verpackungen, auf denen wir die Schriftzüge wie “supersoft“ oder „Happy-End“ auch grafisch wieder erkennen. Maximale Wiedererkennbarkeit ist ja immer eine der Zielvorgaben der Marketingleute, die die Gestaltung der Verpackung beauftragen. Logos und andere Eye-Catcher aus unserer überkommerzialisierten Welt erscheinen ständig bei Danielle Zimmermann, die immer wieder mal auch ihr eigenes Logo (Danielle) einschmuggelt.

Klassische Konsum-/Kapitalismus-Kritik, wie wir sie seit den 70er Jahren kennen, ist jedoch nicht das Anliegen der Künstlerin. Stattdessen erleben wir Zimmermanns Arbeiten eher als Persiflagen auch auf die politisch flache Konsumkritik selbst, die sie insofern als als langweilig und ein wenig bieder entlarvt. Ähnlich verfährt die Feministin Danielle Zimmermann mit der Kritik am Sexismus unserer Konsum- und Mediengesellschaft, die sie auch nicht ernster nimmt als diese verdient. Mit immer wieder auch mal erotisch-fröhlichen Bildelementen setzt sie sich souverän darüber hinweg.

Immer wieder ist die Künstlerin in den USA, die sie dank ihres Graduiertenstipendiums des DAAD (in 2002) immer besser kennen gelernt hat. Auch die amerikanische Popkultur, die ja alles zu integrieren vermag, hat Danielle Zimmermanns ohnehin überreiche Bildsprache noch weiter beflügelt. Neben der für die eigenen Werke der Künstlerin sehr wichtigen Popart entdecken wir reihenweise auch Motive aus Film und Fernsehen und aus der Comicwelt, die in der amerikanischen Kultur einen viel höheren Status hat als hierzulande: dort weiß man, wer Clark Kent ist oder Peter Parker. Irgendwie erscheinen einem diese Figuren als ganz normaler Teil der amerikanischen Geschichte. Oder wenn die amerikanische (KI-)Rüstungsfirma Palantir (gegründet von dem deutsch-amerikanischen Peter Thiel) ihr bislang wichtigstes (Überwachungs-)Programm Gotham nennt, dann weiß der Amerikaner, dass dies eben Bat Mans Geburtsort ist.

Auch einen Studiengang zu „Computer- Graphic und Interaktive Medien“ hat Danielle Zimmermann in den USA besucht. Natürlich gehören auch die Social Media, die die Künstlerin routiniert nutzt – als Werkzeuge für ihre (Marketing-) Arbeit – sind natürlich Themen ihrer Kunst und natürlich das Kino von Kunst bis Hollywood. Viele Deutsche denken ja, dass Kunst und Hollywood zwei ganz und gar verschiedene Welten seien. Nicht nur Steven Spielberg hat immer wieder bewiesen, dass Kunst, Kommerz und Hollywood durchaus gut zueinander finden können.

AI – spätestens seit Steven Spielbergs gleichnamigen Film aus dem Jahr 2001(!) ist die künstliche Intelligenz als Thema bei uns gelandet, auch in unserer realen Welt wo sie heute die Schlagzeilen der Politik und der Börsennachrichten (?) bestimmt und wo ja aufgrund der schwindenden NI – der Natural Intelligence – vielleicht mehr als überreichlich Platz dafür war und ist.

Spielbergs Film schreibe ich ganz bewusst, obwohl ja, seit Steven Spielberg für „Schindlers Liste“ spät, aber höchst verdient, endlich einige Oscars einsammeln durfte (Bester Film, Beste Regie …). Seither ist es üblich, Filme dieses genialen Erzählers und Regie-Künstlers quasi automatisch als Meisterwerke zu titulieren. Aber sorry: AI ist keines seiner Meisterwerke. Routinemäßig genial aber insofern, als er wieder einmal ein Thema als erster für Hollywood adaptiert hat, auch wenn sein erster Film – “Das Duell“(1971) – filmisch schon um einige Klassen besser war.

Film, Filmkunst, Hollywood, Kommerz, Kapitalismus, Konsum, Konsumkritik – wo bitte ist hier der Zusammenhang?
Was hat all dies zu tun mit Danielle Zimmermann und ihrer Kunst?

Als kunstportal-bw, dem Kunstmagazin, dass die aktuell brisantesten und wichtigsten Fragen der Welt nicht nur klar und direkt stellt, sondern (O mein Gott!) auch gleich noch beantwortet, wollen wir versuchen, diesem Ruf gerecht werden:

Bleiben wir zunächst bei Spielberg / AI.
AI – im Deutschen schon sprachlich zusammengeschrumpft von der All American visionären Artificial Intelligence (die etwa einen typischen Billionär wie Elon Musk zum Mars bringt und bestimmt noch weit darüber hinaus?) – zur amtsstubengerechten künstlichen Intelligenz, was ja eher beruhigend klingt nach unseren schon wieder staubigen Gesetzesvorhaben und juristischen Prüfungen und Genehmigungs- und Widerspruchs-Verfahren und parlamentarischen Eil(!)-Anträgen und Expertenkomissionen, etc. – da bleibt dann kaum mehr als eine Aktennotiz.

Und dann: Künstliche Intelligenz ist für uns in der Kunst inzwischen ja so was von Out, dass längst schon kein Hahn mehr danach kräht.

Inzwischen begeistern wir uns in der Kunstszene – dank Danielle Zimmermann – stattdessen sehr intensiv mit der AAI – der Art All Inclusive. Und das ist keine AI 2.0, sondern ein anderes Thema und eine ganz neue Qualitätsstufe; eine ganz andere Liga.

Was das bedeutet ist, zugegeben, nicht ganz einfach zu erklären, aber – geistig wie sinnlich anregend, wunderbar zu erleben. 
Anhand zahlreicher Beispiele haben wir hier versucht, dies anschaulich zu machen – die Bilder dazu sprechen jeweils für sich selbst.

Und doch, wie eingangs angedroht, ein paar Gedanken über Kunst, Gesellschaft und Freiheit:

Art All Inclusive. Danielle Zimmermann arbeitet mit den Werkzeugen und Stilmitteln der Werbung, auch wenn sie sich, vor allem in ihren Performances, mit politischen Themen – etwa, wie in der laufenden Ausstellung in Bad Saulgau, mit der Nazi-Vergangenheit – auseinandersetzt.
In unserer Digital- und Mediengesellschaft werden alle Themen Kunst, Kultur, Politik von der übergreifenden Popkultur aufgesogen, so dass auch Politiker als Popstars auftreten, deren Wert sich anhand der Zahl ihrer Follower bemisst (in unserer Hinkelstein-Serie zeigen wir ja, wie die Popkultur und die Social Media zusammen eine neue, potentiell repressive Öffentlichkeit produzieren). Vor diesem Hintergrund ist nur logisch, dass es der Künstlerin Danielle Zimmermann möglich ist, eben mit den Stilmitteln der Pop-Art auch alles (bildlich wie inhaltlich) so integrieren, dass diese Zusammenhänge auf künstlerische Weise sichtbar gemacht werden.

All Inclusive bedeutet auch, dass die Künstlerin alles ins Bild rückt, alles integriert, was ihr einfallt, vor Augen fällt. Immer genau beobachtend, schafft sie assoziationsreiche Persiflagen. Kunst darf ja alles; auch Freude machen!
Dies treibt sie sehr weit: Erfrischend, wenn sie die moralingestärkte Konsumkritik wiederum selbst aufs Korn nimmt und so (gerade auch) die dahinter verborgene spießbürgerliche Kleinbürgermoral entlarvt.

Sie kennt keine Tabu-Themen: als ehrliche Feministin aber erhebt sie nicht den moralinsauren belehrenden, anklagenden Zeigefinger, wie es dies den zwar schon antiquierten, aber noch immer präsenten Zeitdiagnostikern meiner (Baby-Boomer-) Generation noch zu eigen war:
Stattdessen zeigt sie allen, die es verdienen, fröhlich, lebensbejahend, freundlich und beherzt den Stinkefinger. Nicht zufällig befindet sich selbiger auf einer Küchenschürze.

Die noch junge Künstlerin kennt durchaus noch die 50er Jahre-Klischees und Weltbilder, in denen die Frauen noch zuständig waren für KKK – Kinder, Küche, und Kirche.

Doch Danielle Zimmermann kennt diese Bilder aus dem Geschichtsbuch. Sie selbst und ihre Kunst leben in der heutigen Welt.
Mit der lustvollen Fröhlichkeit, mit der sie arbeitet, feiert und thematisiert sie die Freiheit, die wir noch immer haben und die wir leben sollten, um sie zu bewahren.

Auch wenn ich selbst ja hier im kunstportal-bw (kraft steigenden Alters) oft darauf hinweise, dass ja früher fast alles besser war: Danielle Zimmermann beweist mit ihrer Kunst:

Erst heute und endlich gibt es die AAI, die
Art All Inclusive

Jürgen Linde im Juli 2026