Hinkelstein: | Nr. 79 am 26.07.2026 | Und Königin Nike wird Vizepräsidentin
Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,
kunstportal-bw ist ja bekanntlich das Kunstmagazin, das alle bedeutenden Fragen unserer Existenz, unserer Zivilisation nicht nur gnadenlos knallhart stellt, sondern (OmG!) auch meist gleich noch beantwortet. Wenn dies manchmal zu Irritationen führt, so nehmen wir das billigend in Kauf; es ist unvermeidlich.
Immer wieder fragen wir deshalb mit Douglas Adams („Per Anhalter durch die Galaxis„) nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Doch anders als herkömmliche Kunst-und Philosophieportale begnügen wir uns nicht mit der inzwischen schon historischen und weiterhin doch noch immer so ziemlich exakten und korrekten Antwort: 42.
Nein, das internationale Science-Expertenteam des kunstportals-bw hat festgestellt, dass es notwendig ist, diese Frage in unseren Zeiten des Wandels immer wieder,vielleicht quartalsweise ?, neu zu kontextualisieren und und auch mal neu zu formulieren: Aangesichts des zur nicht nur neuen, sondern auch absoluten Unübersichtlichkeit tendierenden medialen Angebots an Themen, Bildern, Lügen, Fakten und anderen Geschichten fragen wir heute:
Was ist wirklich wichtig ?
Jetzt sind Sie womöglich erschrocken, weil Sie (verständlicherweise, da auf dem bisherigen Hinkelstein-Lese-Erlebnis basierend: einen exzessiv ausufernden und anstrengenden pseudo-philosophischen Exkurs befürchteten, der das Thema hin- und her wälzt und dann nochmal und somit auf der Stelle tritt und irgendwann dann vielleicht zu einem Ergebnis kommt wie etwa diesem: naja, ungefähr vielleicht irgendwo zwischen 41 und 43?
Nein. Selbstverständlich arbeiten wir im kunstportal-bw-Wissenschaftsteam weiterhin streng intuitiv, doch haben wir unseren methodischen Werkzeugkasten gründlich ausgemistet und radikal modernisiert. Die intuitive Methodik haben wir unter umfangreichen Einsatz altbewährter, hochmoderner NI (Natural Intelligenance) fast neu erfunden und sogar entstaubt (hüstel hüstel).
Statt immer wieder mit Grundlagenforschung zu beginnen und unsere Methoden und Werkzeuge immer wieder neu „herzuleiten“ (was uns irgendwann zu blöd und zu anstrengend wurde) beginnen wir einfach pragmatisch auf der Basis des eh‘ gesicherten Wissens:
Wir wissen ja a priori (vor aller Erfahrung): es geht um Öffentlichkeit und Präsenz, um Relevanz und Reichweite, um Follower und um Beliebtheit.
Also OK, na gut: wir haben einfach Google nach der Toplist von Instagram gefragt und beantworten die obige fette große Frage zeitgemäß mit einer Momentaufnahme. Das bedeutet natürlich auch, dass jetzt, da Sie diesen Text lesen, sich die folgenden Zahlen punktuell geändert haben könnten, was aber an der grundsätzlichen Wahrheit und Wahrhaftigkeit nichts ändert:
Also jetzt: Die aktuelle (So, 20.07.2026; 14:52 Uhr) Wahrheit: was ist wirklich wichtig?
Die beliebtesten Instagram Accounts weltweit/ Follower:
Christiano Ronaldo / 698 Mio.
Leo Messi / 669 Mio
Selena Gomez / 510 Mio
Kylie Jenner / 392 Mio
Dwayne Johnson / 391 Mio
….
Nike 298 Mio
Taylor Swift / 282 Mio
…
Bestimmt liegt es an meinem eher schon biblischen Alter, dass ich die Namen teilweise erst noch googlen musste, weil ich sie nicht kannte, doch erklärt auch dies zunächst nicht, warum Taylor Swift (OmG!) derart abgerutscht ist – oder vielleicht gerade doch: sie heiratet ja gerade oder hat schon vor kurzem und alte/nicht reiche Leute wie ich haben da – für die nächsten paar Wochen jedenfalls – keine Chance mehr. Was tun? Erst mal unsubscriben: sorry, Taylor, selber schuld.
Aber ach ja, schluchz, naja: egal!
Was ich mit all dem sagen will: wir sind gerade Zeugen eines historischen und globalen Kulturwandels, was insofern etwas Besonderes ist, als kultureller Wandel seinerzeit ja eher regionale (bestenfalls kontinentale) Geschichten waren. Auch die industrielle Revolution als der (vor KI-Zeiten) größte Kulturwandel war zwar global, verlief aber sehr stark „ungleichzeitig„.
Erst Digitalisierung, Internet und Social Media haben es ermöglicht, dass wir heute
– den Wert prominenter Menschen – in „Echtzeit“ – global messen und vergleichen (können)
– und diese Menschen dann sogar direkt vergleichen mit Marken. Siehe oben: wenn Dwayne Johnson beliebter ist als Nike, frage ich mich natürlich, ob nicht Adidas (war auch und ist noch immer eine Sport-Marke) fast alles daran setzten sollte, Dwayne unter Vertrag zu nehmen. Seine fortan dann ausschließlich dreistreifigen 11- oder 12-XL-Trikos kann man ja ausnahmsweise maßschneidern?
Wir müssen nun mit diesem Kulturwandel umgehen, auch, wenn wir ihn noch nicht ganz (wenn überhaupt) begreifen.
Als Ursprung sehe ich die amerikanische Popkultur, die immer schon die Fähigkeit hatte, nahezu alles zu integrieren: Musik, Film, Sport, zunehmend auch Politik. Das hatte schon im analogen Zeitalter guten Unterhaltungswert:
Ich erinnere eine Szene aus „The Simpsons“, in der Homer Simpson darüber nachdenkt, ob Apollo Creed der größte Boxer der amerikanischen Sportgeschichte ist. (wir erinnern uns: Apollo Creed war der fiktive Box-Weltmeister im Schwergewicht, den der – von Sylvester Stallone brillant inszenierte Underdog und spätere Superstar – Rocky Balboa besiegte, um selbst Weltmeister zu werden. Eine wunderbar(e) typisch amerikanische Geschichte. Für uns Europäer noch immer irritierend zwar, sind Apollo Creed und Rocky ja längst halboffizielle amerikanische Geschichte.
Was wir in analogen Zeiten als Integrationsfähigkeit positiv erlebten – die amerikanische Filmindustrie kann (jv.a. dank Hollywood) reale und fiktive Geschichten so kreativ miteinander verbinden, dass Neues entsteht, Neues, das uns Freude macht. Auch wenn dies mal politisch grenzwertig wurde (nehmen wir etwa Apocalypse Now von Francis Ford Coppula, das manche als kriegsverherrlichend oder mindestens -verharmlosend empfanden), entstand dabei manchmal sogar Kunst.
Was ich solcherart als gute und ironische Unterhaltung (Entertainment) wahrnehme, gewinnt jedoch vor dem Hintergrund der inzwischen fortgeschrittenen Digitalisierung und dann insbesondere durch die darauf basierenden Social-Media eine ganz neue Qualität und Dynamik:
Durch den gerade in den USA ungebrochen starken Kapitalismus erleben wir, wie sich die digitale Intergrationsfähigkeit dialektisch umkehrt in einen Prozeß der Vereinnahmung. Via Social Media werden nach und nach alle Bereiche unserer Lebenswelt Teil einer digitalen Öffentlichkeit, in der die Interessen weniger Oligarchen die Öffentlichkeit und die öffentliche Wahrnehmung kontrollieren. In einem Prozess des amöbenhaften Aufsaugens werden alle Sphären unserer Wirklichkeit in eine digitale Welt integriert, in der dann Algorithmen die Strukturen schaffen. Wohl nicht zufällig sind auf digitaler Basis entstehende Strukturen dann Macht-Strukturen, Hierarchien, dee ganz realen Ausdruck finden. Null und Eins – Loser und Winner. Ganz oben kann nur einer Einer stehen, darunter aber ziemlich viele.
Über diese schwierigen Themen handelt auch die „Enzyklika zur Künstlichen Intelligenz“ von Papst Leo XIV, in der es eben nicht um Technik geht, sondern um unsere Kultur, wie Nils Goldschmidt in seinem FAS-Artikel „Unser neuer Turmbau zu Babel“ (FAS 31.05.2026; S. 9) sehr schön veranschaulicht: „Der eigentliche Schauplatz der digitalen Moderne sind deshalb nicht technische Innovationen, sondern ihre neuen Machtzentren. Öffentlichkeit, Kommunikation und Aufmerksamkeit werden zunehmend von privaten Plattformen organisiert. Für einen amerikanischen Papst ist dies ein deutlicher Befund„.
Über den hohen sozialen Druck, den Social Media erzeugen, haben wir schon oft genug an dieser Stelle geschrieben. Vom ganz normalen Cyber-Mobbing bishin zum Looksmaxxing (siehe Hinkelstein 74 | 17.05.2026 | „…Dein Midface ist etwas klein …“. Man (frau auch) orientiert sich an Identifikationsfiguren und mißt sich selbst an aktuellen Rankings.
Der globale Kulturwandel ist, so erscheint es mir derzeit, wahrscheinlich eine neue Form des ungehemmten Kapitalismus. Nicht das positive, liberale Denken lenkt das Geschehen, sondern das darwinistisch basierte, libertäre Paradigma, das Recht des Stärkeren ist zurück.
Ganz zu Anfang war heute die Rede von den existenziellen Fragen unserer Zeit, für die das kunstportal-bw ja fast exklusiv zuständig ist.
Also etwa auch die Frage, was hat das alles mit Kunst zu tun oder wie verhält sich die Kunst gegenüber all dem?
Die Antwort geben wir Anfang August in unserem neuen Künstlerinnen-Porträt.
Ich darf schon jetzt verraten: auch in der Popkultur bleibt die Kunst ein unneinnehmbares Dorf.
Aktuell aber (s.o.) ist erstmal klar: Taylor Swift wird vorerst noch nicht Päsidentin; alles spricht für Christiano Ronaldo …vielleicht ernennt er dann ja Nike (immerhin: die Siegesgöttin) zur Vize-Präsidentin.
Oder Ronaldo tritt in Trumps Fusstapfen und wird gleich Kaiser?