gewonnene Zeit – über Achim Fischel

Aktuelle Ausstellungen und Projekte von Achim Fischel

gewonnene Zeit – über Achim Fischel

“Nur kein langes Gerede“ – so beantwortet der immer freundliche, gerne aber auch mal deutliche Künstler meine Frage danach, welche Aspekte seiner Arbeit wir in seinem Porträt in den Vordergrund stellen sollen.

Je mehr wir uns mit der Arbeit von Achim Fischel befassen, desto klarer sehen wir, dass er recht hat. Wir wollen uns diesmal also besonders kurz fassen. Hilfreich ist aber meist eine kleine textliche Einführung – oder, und damit beginnen wir, eine kurze Anekdote:

“Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Künstler sind oder Künstler werden wollen?“ so die erste Frage bei meinem Besuch in Fischels Atelier-Räumen.

“Immer schon“ erklärt mir Fischel: “schon mit sechs Jahren habe ich das Treppenhaus im Haus meiner Eltern bunt angemalt, da hatte ich eine Menge Ärger“…

Der Weg aber war damit offenbar klar: Achim Fischel hat immer Kunst gemacht. Geboren in Esslingen, hat er (von 1963 – 68) an der Kunst- und Werkschule Pforzheim studiert. Unvoreingenommen und immer auf der Suche hat er damals auch Schmuck hergestellt; die ersten modernen Schmuckarbeiten verdankt unsere Region niemand anderem als Achim Fischel.
Seitdem hat er alles ausprobiert, was ihm interessant erschien: er gestaltete Keramiken und Holzobjekte; er malt und zeichnet, er hat T-Shirts bedruckt und sogar auch einige Lampenschirme und vieles mehr. Andere Jobs neben der Kunst gab es für ihn auch, aber immer nur, um Geld zu verdienen für seine eigentliche Aufgabe Kunst.

Im Mittelpunkt seiner heutigen künstlerischen Arbeit stehen seine Bilder und seine (mit Photoshop entwickelten) Computerbilder – genau diese wollen wir hier zeigen. Was manchem auf den ersten Blick als “bunt und recht spielerisch“ erscheinen mag, erweist sich bei konzentrierter Betrachtung als klar und reduziert und tief-, ja, manchmal auch abgründig.

So wie ein ernsthafter Musiker ein sehr gutes Gehör braucht, so bedarf ein Bildender Künstler, ein viel zeichnender gar, eines sehr genauen Sehens. Dann ermöglicht die Kunst uns, auch gut zu sehen – und Neues zu entdecken. Bei Achim Fischel sehr reichhaltig, jedes Bild enthält verblüffend viele Details und immer wieder neue Aspekte.

Sehen Sie selbst und bitte, nehmen Sie sich etwas Zeit. Diese Zeit für die Kunst ist Ihre

gewonnene Zeit.

Jürgen Linde im Oktober 2012

Auf Wunsch und Anregung von Achim Fischel folgt auf den nächsten 3 Seiten neben den Bildern noch ein Text von Rainer Mürle (1930 – 2008) , ein Künstler und Kurator, dessen Laudatio auf die Arbeit von Achim Fischel sehr gut veranschaulicht, wie irritierend und belebend diese Arbeiten auf uns wirken.

Rainer Mürle über Achim Fischel

Auf den ersten Blick sind die Bilder von Achim Fischel heiter, farbig und bewegt. Aber gleich sehe ich, dass man sie nicht auf einmal (simultan) betrachten kann. Also suche ich mir einen Punkt für einen Einstieg. Meine Erkundung beginnt erst mal trepp auf (Leiter auf) 1. Linie links und gleich erschrecke ich: das schwarze Pferd hat vorhin so harmlos ausgesehen” jetzt bin ich nicht sicher, ob es nicht gefährlich ist.

Ich drehe mich um. Das weiße Pferd sieht freundlicher aus. Aber plötzlich bin ich umgeben von Frauen, rothaarig aus allen Richtungen – Jetzt sehe ich, dass das ganze Bild bevölkert ist von Frauen, blond, grau. Weiter oben sehe ich eine strahlend rote Dame. Aus ihrer Gehirnschublade blickt mich ein weiteres rot blickendes Gesicht an. Ich habe gleich vermutet, dass auf diesem Bild eine Geschichte dargestellt ist, aber ich bin verunsichert, weil A. F. keine Reihenfolge für die Auftritte der beteiligten Personen angegeben hat.

So bin ich beschäftigt damit, die Beziehungen der einzelnen Beteiligten untereinander zu erkunden. Aber wo immer ich hinsehe, ergeben sich andere Zusammenhänge. Hinten sehe ich eine Dame, die ich als Chefin der ganzen Gesellschaft vermute. Aber niemand hört auf ihr Kommando. Plötzlich bemerke ich” dass das blonde Gesicht an einer anderen Stelle ist als vorhin. Immer wenn ich nicht hinschaue, bewegen sie sich. Ich höre sie sogar tuscheln hinter meinem Rücken. Sie blickt mich auch etwas merkwürdig an, als ob ich sie gestört hätte bei ihrer Arbeit. Vielleicht müssen sie ihre Geschichte oder Geschichten erst erfinden.

Auf jeden Fall versuche ich, mich vorsichtig zu entschuldigen. Ich halte mich an der hinteren Pferdeleiter am weißen Leiterpferd, rutsche hinunter und draußen bin ich. Hinter mir höre ich ein schallendes Gelachter. Ich drehe mich um und sehe, alles ist wieder in Ordnung. Die Pferde formieren wieder ihr exaktes Dreieck; nur ein roter Wuschelkopf ist abgerutscht und sitzt jetzt auf der Leiter. In den anderen Gesichtern sehe ich ein unterdrücktes Grinsen. Oder täusche ich mich?