Musik im Farbraum – über Vera Leutloff

Aktuelle Ausstellungen / Projekte von Vera Leutloff:

Ganz großes Kino.

Kreise: Verlauf: Bois | 2016
Öl auf Leinwand, 130 x 130 cm
© Vera Leutloff, VG Bildkunst Bonn 2020

Die Malerei von Vera Leutloff fasziniert auf den ersten Blick. Zweifellos spielen Farbintensität, Farbgewalt hier eine wichtige Rolle. Die Formen und die besonderen Farbverläufe, die auch schnell bewusst werden, transportieren gleichzeitig den Eindruck von Harmonie und Stimmigkeit – etwas Ganzes, etwas Neues entsteht. Die geraden oder runden Formen scheinen jeweils einem Strukturmuster zu entspringen, das wir nicht auf Anhieb verstehen können, nicht in einem herkömmlich analytischen Sinne jedenfalls, das wir aber als in sich stimmig – ich könnte sagen: als naturgegeben – empfinden.

Die Künstlerin Vera Leutloff lebt und arbeitet in Düsseldorf, ist aber auch immer mal wieder in Baden-Württemberg zu sehen.
Von Juli bis Mitte September 2018 war Vera Leutloffs Arbeit zu erleben in der Städtischen Galerie Ostfildern, wo sie eine grandiose Schau eingerichtet hatte.

Moment: Limonaia | 2016
Öl auf Leinwand, 70 x 90 cm | © Vera Leutloff, VG Bildkunst Bonn 2020

Deutlich stärker noch als die gedruckten Bilder oder am Bildschirm vermitteln die 26 Originale, die hier präsentiert wurden, den Eindruck von frappierender Lebendigkeit und gleichzeitig den einer – etwas geheimnisvoll anmutenden – Ordnung.
Wenn wir dieser vermeintlichen Widersprüchlichkeit auf die Schliche kommen, so glaube ich, dann sollten wir wieder etwas gelernt haben über die Malerei.

Denn pure Malerei ist das, was Vera Leutloff in Reinkultur zelebriert: Öl auf Leinwand, jedoch in einer ganz eigenständigen Form, die in keine der gängigen Schubladen passt. Dennoch: natürlich finden wir über die genannten Materialien hinaus weitere Aspekte, die wir verbinden können mit Qualitäten, mit Kriterien, die uns bekannt sind:

Ja/Nein: Verlauf: Ta | 2015
Öl auf Leinwand, 120 x 120; © Vera Leutloff, VG Bildkunst Bonn 2020

Oft ist die Malfläche aufgeteilt in strenge Formen, beispielsweise 4 mal 4 oder auch 3 mal 3 Quadrate – ein Ansatz, den wir aus der konkreten Kunst kennen.
Die in ihrer Form nahezu identischen Bildelemente sind dann jedoch in ihrer Verschiedenheit keineswegs beliebig oder willkürlich – sie scheinen eher selbst wiederum einer Gesetzmäßigkeit zu folgen – sie sind Variationen. Variationen vielleicht einer einzigen Bewegung.

Variationen, Bewegung: Musik ist die sich aufdrängende Assoziation – die Kunst der Fuge. Tatsächlich erinnern mich Vera Leutloffs Bilder an barocke Musik im Allgemeinen und an Johann Sebastian Bach im Besonderen. Etwa Bachs “wohltemperiertes Klavier“ besteht ja aus Stücken, die sich meist in Wiederholungen formulieren, die durch jeweils nur ganz leichte Variationen ihre verblüffende Lebendigkeit schöpfen.

Thicket: Dion, 2019 | © Vera Leutloff; VG Bildkunst Bonn 2020

Wenn sich Kunst mithilfe der Freiheit aus der Ordnung heraus entwickelt, dann kann diese Kunst, um – auch das noch – Goethe zu zitieren: “Wurzeln und Flügel“ entwickeln. So wie die Musik auf Gesetzmäßigkeiten basiert, so erlebe ich derartige Strukturen in Vera Leutloffs Malerei als etwas ganz Neues, dabei verbunden mit der Geschichte der Malerei.
Immer schon habe ich die Musik als grundlegende und universelle Kommunikationsweise empfunden – deshalb nenne ich diesen Textbeitrag
Musik im Farbraum.

Jürgen Linde im Oktober 2018

Wir danken Holle Nann, der Leiterin der städtischen Galerie Ostfildern und Kuratorin von Vera Leutloffs Ausstellung dort für ihren Gastbeitrag über Vera Leutloffs Arbeit:

Gastbeitrag von Holle Nann, Ostfildern
Flirrende Farbwelten

Bei den Werken von Vera Leutloff handelt es sich um klassische Ölmalerei, einer Technik die einerseits Vertiefung und Entschleunigung fordert, andererseits aber durch ihre beeindruckende Leuchtkraft, intensive Brillanz, Geschmeidigkeit und die Herausarbeitung von Effekten und Strukturen überzeugt.

Bei der Wahl eines Titels für ein abstraktes Bild zeigen sich viele Künstler eher zurückhaltend, entscheiden sich im Zweifel für die Bezeichnung o.T.

Vera Leutloff: Thicket Jagd
Öl auf Leinwand, 160 x 160 cm; © Vera Leutloff, VG Bildkunst Bonn 2020

,Es ist ihnen ein Anliegen, den Betrachter in seinen Assoziationen nicht einzuengen bzw. das Werk nicht auf eine Sichtweise festzulegen. Nicht so Vera Leutloff.
Abstrakte, sich überlagernde und überschneidende Ringformen, Raster oder Streifen sind mit “Jagd”, “Tau” oder “Juli” betitelt. Dennoch erzählen die Bilder keine Geschichten, sondern geben einen verdichteten Moment wider. Einerseits schaffen die präzisen Farbformen, die das Bild rhythmisch und gleichmäßig strukturieren, eine gewisse Distanz, lassen es in seiner Tektonik und Dichte artifiziell erscheinen, andererseits entfaltet es als gekonnte Inszenierung von Öl auf Leinwand mit erkennbarem Duktus und sichtbaren Farbverläufen eine beinahe irisierend-magische Wirkung. Die Bilder bringen den Raum zum Flirren, scheinen dem Betrachter in unterschiedlicher Intensität entgegen zu drängen oder ziehen sich bescheiden in die Tiefen der Leinwand zurück.

“Malerei als Kunst parallel zur Natur” – diese Forderung von Paul Cézanne scheint den Bildern von Vera Leutloff immanent, und so schränken die Titel das Seherlebnis keineswegs ein. Die Bilder werden zur Spielwiese, zur Projektionsfläche für eigene Gedankenbilder, Assoziationen und Emotionen. Sie erzeugen malerische Farbräume, die gerade deshalb so ausdrucksstark und zugleich poetisch erscheinen, da sie kein Abbild von Natur sind, sondern vielmehr der Inbegriff von Atmosphäre.

Holle Nann, 2018