Wie Heimat wird – über Herbert Schmidt

Website: www.herbertschmidt.eu
E-Mail: herbertschmidt3112@googlemail.com

Wann ich zum ersten Mal Arbeiten von Herbert Schmidt gesehen habe, weiß ich nicht mehr genau; kennen lernen konnte ich ihn im April 2013 bei der Künstlermesse Baden-Württemberg in Stuttgart.

Herbert Schmidt: O.T., 2013; 120 x 100cm
© Herbert Schmidt,; VG Bildkunst Bonn 2020

Nachdem ja derzeit der Landtag (wegen Umbau der eigenen Gemäuer) das Kunstgebäude Stuttgarts besetzt hat, fand diese Messe erstmals im Haus der Wirtschaft statt – und Herbert Schmidt hatte den besten Ausstellungsplatz: Kunstfreunde, die die Treppe zum ersten OG erklommen hatten, trafen gleich am Eingang zum Ausstellungsraum Herbert Schmidts Präsentation – ein hervorragender Einstieg mit spannenden Arbeiten, die einerseits modern-reduziert waren, anderseits in ihren Strukturen und Farbräumen schnell das Klischee der archaischen Kunst assoziieren ließen.

Vorweg: solcherlei eindimensionale Schubladen passen überhaupt nicht zu Herbert Schmidts Arbeit, der gleichwohl mit seiner Präsentation einen tollen Blickfang geschaffen hatte, der auf alle Besucher/Innen motivierend, inspirierend wirken konnte. In den letzten Jahren arbeitet Herbert Schmidt an seiner aktuellen Werkgruppe, die er “Materialbilder“ nennt. Hier wird ganz deutlich, wie eigenständig Schmidt seinen Weg geht.
Aus der Fläche des Bildes heraustretend entwickelt er das Bild weiter mit dreidimensionalen Elementen, die er aus einer Mischung aus verschiedenen Füllstoffen auf den Bildträger (Leinwand oder auch Holzplatten) aufträgt.

Herbert Schmidt: gelöst,2012; 48x60cm, (Ausschnitt)
© Herbert Schmidt,; VG Bildkunst Bonn 2020

Haptische Bilder, mit denen Schmidt ganz eigene Farbräume erzeugt. Begeistert erklärt der Künstler, welch ungeheure Möglichkeiten hier noch liegen.
Das Bild entwickelt Schmidt vom Material her kommend – so entstehen ganz neue Farbräume und eine erfrischend-spannende eigene Welt der künstlerischen Darstellung – und der Reflektion

Denn bei einigen dieser Materialbilder integriert Schmidt Fundstücke; zum Beispiel Holzteile aus dem Neckar. Manchmal sieht man diesen Teilen an, dass sie eine lange Vergangenheit haben und wahrscheinlich als Werkzeug genutzt wurden. Diese Geschichte wird Bestandteil des neuen Kunstwerks von Herbert Schmidt, wird somit Teil einer Aura, die man nur angesichts des Originals erleben kann.

Herbert Schmidt, seit 2002 freischaffender Künstler, war zunächst Statiker, ist also Diplom-Ingenieur und kommt aus einer Welt der Zahlen, der Naturgesetze, der Physik und der Mathematik. All dies ist nicht das Gegenteil von Kunst, aber eben doch eine so ziemlich andere Welt.
Während seines Studiums in Berlin befreundet mit einer Kunststudentin, fand er Zugang in die Berliner Kunstszene und hat sich zunehmend begeistert für die Bildende Kunst.

Schließlich hat sich Herbert Schmidt dann entschieden, selbst künstlerisch tätig zu werden. Um seine Arbeit auf eine professionelle Grundlage zu stellen, hat an der Kunstschule Nürtingen Bildhauerei studiert. Weitere Studienaufenthalte an verschiedenen Akademien folgten.

Herbert Schmidt: BjørkII,2012; 60x80cm
© Herbert Schmidt,; VG Bildkunst Bonn 2020

Seit 2006 leitet Herbert Schmidt den von ihm selbst initiierten Rottenburger Künstlerhof.
In einem ehemals landwirtschaftlichen Anwesen haben heute 12 Künstler großzügige Atelier-Arbeitsräume; das Gelände bietet Platz für viele Besucher und raumgreifende Projekte.

Das letzte gemeinsame Projekt sind die “Heimattage Baden-Württemberg“. In diesem Jahr sind 5 Gemeinden – von Sulz bis Rottenburg – beteiligt und die KünstlerInnen des Rottenburger Künstlerhofes haben sich auseinandergesetzt mit dem Thema Heimat, das ja immer schon Thema sowohl der Kunst als auch der Philosophie war.

Herbert Schmidt hat sich radikal mit dem Thema Heimat befasst und er definiert Heimat unabhängig vom Ort, unabhängig von Längen- und Breitengraden sehr philosophisch:

“Wenn das In-der-Welt-sein zur Heimat wird
Mit dem “In-der-Welt-sein“ ist nach Heidegger eine Grundverfassung des Daseins gemeint. Deren Bedeutung möchte ich betonen und daraus folgern, dass die äußere, geographische Heimat für uns Menschen nicht so wichtig ist, wenn diese Grundverfassung ausgereift, sicher und stabil ist. Meine künstlerischen Arbeiten entstehen aus dieser Grundverfassung heraus; sie bilden nichts ab und beinhalten auch keine Symbolik, sie sind Zeugnis meines „In-der-Welt-seins.“

Herbert Schmidt

Herbert Schmidt vor dem Tor zum Künstlerhof
© Herbert Schmidt

Als ehemaliger Nebenfach-Philosoph sehe ich die Welt immer in Bewegung und beim Begriff Heimat denke ich an Ernst Bloch und an dessen Hauptwerk, das “Prinzip Hoffnung“.

“Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.” (Prinzip Hoffnung; 1938 bis 1947; Seite 1628)

Herbert Schmidt: “Wenn das in-der-Welt-sein zur Heimat wird”
© Herbert Schmidt,; VG Bildkunst Bonn 2020

Mit diesem radikal-optimistischen Ausblick erlaube ich mir die Formulierung von Herbert Schmidt zu verändern. Zweifellos sind Schmidts Arbeiten Zeugnis seines In-der-Welt-seins.
Wer aber Herbert Schmidts Elan erlebt, seine Energie, mit der er auf alles schaut, was noch zu tun vor ihm liegt, ist gespannt und neugierig darauf, was er noch alles für uns entwickeln wird. Schauen wir zu,

wie Heimat wird.
Jürgen Linde im September 2013