Hinkelstein 67 | 08.02.2026 | „Kein Endbahnhof in Sicht“

Hinkelstein 67 – Kein Endbahnhof in Sicht.

Liebe kunstportal-baden-wuerttemberg-Leserinnen und Leser,

in Kürze erreichen wir unseren Zielbahnhof, dieser Zug endet dort“

Dieser – morbid nur erscheinende – Text aus dem Bordlautsprecher ist allen Zugreisenden wohlbekannt.
Dazu kommen wir gleich.

In den beiden ersten Hinkelsteinen in 2026 haben wir uns wieder einmal – oder schon wieder– befasst mit dem Phänomen Donald Trump, seineszeichens US-Präsident und Pop-Star. Jetzt reicht es erst einmal.
Mit der bewährten Vermutung, oder aus meiner Sicht: der dialektischen Erkenntnis: „bleibt alles anders“ erwarte ich persönlich, dass Donald Trump einmal in die Geschichte eingehen wird, als ein Präsident, der die Welt weniger verändert haben wird, als er wollte und dachte, sie aber nachhaltig entzaubert haben wird – desillusioniert. Also eine Ent-Täuschung. Vielleicht vor allem für uns naive Europäer.

Dennoch ist es Zeit, einmal abzuschalten. Zwar tue ich dies jeden Abend, indem ich den PC abschalte, doch der Kopf rotiert ja gnadenlos weiter. Der Kopf rotiert? Ein interessantes Bild; doch zum Glück habe ich kein Gewinde im Hals, sonst hätte ich bestimmt schon oft den Kopf verloren …

Zu billige Scherze beiseite: treue Hinkelstein Leser wissen, dass ich mich nicht immer, aber immer öfter befasse mit Fragen der Transzendenz und der Religion; vielleicht nur eine Alterserscheinung? Logischerweise habe ich ja als Leiter des kunstportals baden-württemberg, dem inhaltlich besten und historisch ersten Internet-Kunstportal dieser Erde, das seine frappierende Lebendigkeit sehr stark auch den täglichen redaktionell erstellten neuen Informationen verdankt, keinen Urlaub, keine Zeit, um diese Themen in Ruhe zu vertiefen.

Immerhin aber gibt es ab und an mal eine Dienstreise (“das ist doch für Dich genug Urlaub, Du fauler Sack“ – kreischt der Chef laut aus seinem Büro, wie immer hysterisch, wenn es um das – nicht vorhandene – Geld geht …

Zugfahren =Zeit zum Lesen: vor wenigen Tagen habe ich zu einer Ausstellung von Günter Wagner, einem Bildhauer, der sich in seiner Kunst u.a. auch mit den Themen Religion und Transzendenz intensiv auseinandersetzt, einen neuen Textbeitrag erhalten: die Ausstellung selbst, die inzwischen auch schon läuft, beim GFjK Baden-Baden, wird schon lange im kunstportal-bw angekündigt:

GFjK Baden-Baden | 01.02. – 15.03.2026 | Günter Wagner – „Quiescens in motu“
[ Quiescens in motu: hier der vollständige Text von Liane Wilhelmus ]

Neu aber ist (für mich ) der Text dazu von Dr. Liane Wilhelmus, der Leiterin der Städtischen Galerie Neunkirchen.
Quiescens in motu – Ruhend in Bewegung. Ein schöner Titel, der die bildhauerische Kunst insgesamt charakterisiert:

Ich erlaube mir, hier den letzten Absatz des Textes vollständig zu zitieren:

Auch das Labile, das latent Gefährdete, das nur in exakt der gezeigten Position standhält und potentiell jeden Moment kippen kann, ist bei Günter Wagner sowohl formal ein wichtiges Motiv als auch inhaltlich eine Kernaussage zur Prozesshaftigkeit allen Seins, das in ständigem Fluss, in fortdauernder Bewegung ist und einen Zustand nur als Momentaufnahme gibt wie in „Versetzte Last“ oder „Wandlehnung“ –  quiescens in motu.

Ruhend in Bewegung: – da fällt einem doch gleich Arvo Pärt ein, dessen Musik ja Ruhe und Tiefe ausstrahlt wie kaum eine andere: Nicht in Ruhe, aber mit Erfolg habe ich deshalb ein werbefreies (!) Youtube-Video gefunden, das Sie also in Ruhe genießen können, gerne auch beim Weiterlesen – es erscheint auf Klick in einem neuen Window. Pärt – Magnificat | Krista Audere | SWR Vokalensemble ARD Klassik – 11.09.2025)

Ruhend in Bewegung? Nicht für mich: Statt des „gefühlt“ verdienten mehrtägigen Urlaubs, (den aber unser Klon Nr.2, Kevin, der CMO, der Chief of The Marketing-Organization (gleichzeitig der Vertriebs-Oberboss) des kunstportals mal wieder nicht erwirtschaftet hat, so dass gar keine Möglichkeit für Urlaub besteht.
Bei einem Internet Kunstportal im Freien Internet kann es keinen Urlaub geben, Du elender Traumtänzer!; proletet ergänzend der Chef-Klon dröhnend aus dem Hintergrund.
[ Hintergrundinformation: Auch der CMO (Klon Nr. 2) ist meist schlecht gelaunt: Er sitzt auf unserem Marketing-Budget, bestehend aus einem Teil der erzielten Gewinne. Da es diese aber nicht gibt, sitzt er also am Boden. Der trotzige Klon weigert sich strikt, sich selbst einen eigenen Bürostuhl zu beschaffen...]

So muss wieder einmal eine eintägige Dienstreise genügen: immerhin: als Medienvertreter darf ich schon einen Tag vor der Eröffnung und bei freiem Eintritt die Art Karlsruhe besuchen.

Aufgrund der kurzfristigen Reisegenehmigung (ain’t got no budget net; wieder mal der CFO Ernst; Klon 3) kann ich die gewünschten Termine auf der Messe (in Halle 3) nicht mehr vorab vereinbaren. Auch komme ich dort aufgrund vieler Begegnungen mit Menschen aus meiner grauen Vorzeit gar nicht so weit: das Deutschlandticket (auch bei den Dienstreisenkosten wird brutal gespart) ermöglicht, da ich am selben Tag auch wieder heimfahren muss, nur ein so kurzes (oder schmales?) Zeitfenster, dass ich über die Halle 2 gar nicht hinaus komme.
Übernachten? – Auf Spesen?? Das geht schon mal gleich gar nicht, außer Du hast Du geerbt und zahlst alles selbst – und die ausfallende Nachtschicht mußt Du Depp gefälligst vor- oder nacharbeiten! (Klon3, der Ernst)

Und dennoch: die auch an diesem Preview-Tag schon beachtliche Messehektik ermöglicht mir als routiniertem Zugreisenden und Messebesucher, ein wenig innere Ruhe zu finden. Die Hektik geht an mir vorbei – als das übliche Grundrauschen, dessen Wesen sie ja irgendwie bildet?

Nein! Weiterhin keine Politik; stattdessen Nachdenklichkeit – über das Leben, das Universum und den ganzen Rest – und auch, klar, wieder über das Altern: Seit meinem Porträt über Günter Wagner geraten mir immer öfter Gedanken über transzendentale und religiöse Verbindungen in meine Tetxte. Im Januar-Porträt über Rudolf Kurz habe ich (ihm und mir selbst ja sogar die Gretchenfrage gestellt!
Beim Messebesuch spüre ich, dass ich viel langsamer gehe als früher, während meine Alterung schneller voranschreitet.

Bild rechts: Rudolf Kurz:
Torso, 1996; Sandstein/Stahl

Auch hier also wieder die Dialektik aus Ruhe und Bewegung: die Bewegung hört nicht auf, kreist aber zunehmend um ein in all den Jahren entstandenes Zentrum; einen Ruhepol. Man könnte mutmaßen, dass sich dann die Bewegung in ihrer Synthese mit der Ruhe auf einer höheren Ebene fortsetzt. Die dialektische Dynamik aus Ruhe und Bewegung wird aufgehoben durch die Synthese auf einer hören Ebene; die mit Transzendenz ganz gut beschrieben ist.

Aber wäre das dann schon eine religiöse Vorstellung? Da bin ich mir gar nicht sicher. Doch helfen dialektische Betrachtungen uns, die wir über Kunst schreiben, oft weiter – gerade angesichts der manchmal hermetisch wirkenden abstrakten Kunst: so lese ich das weiße Quadrat als dialektische Aufhebung des gesamten Farbspektrums, bildet dessen Summe. Für Kunsttexter und Philosophen eine dialektische Aufhebung, eine Synthese, für Naturwissenschaftler ein wissenschaftliches Faktum.

In diesem Sinne ist auch die gelegentliche innere Ruhe gerade angesichts der äußeren Hektik (auf Bahnhöfen und Kunstmessen) lesbar als dialektische Gegenbewegung. Diese endet dann gerne nicht im – viel zu teuren – Messerestaurant, sondern am Messestand eines befreundeten Künstlers, der unter seinen Skulpturen auch eine Flasche guten Rotwein eingeschmuggelt hat.

Dann wieder zurück via Messe-Express (koschded nix, Chef!) zum HBF.

Doch auch die Rückfahrt und der Zug enden nicht wirklich am Zielbahnhof, denn die Fahrt und der Text gehen noch weiter:
derZug endet dort“. Wir bitte alle Fahrgäste auszusteigen. Bitte achten Sie darauf, keine persönlichen Gegenstände: Regenschirme, Einkaufsbeutel oder eingeschlafen Ehepartner etc. an Ihrem Platz zurückzulassen.

Auch wenn der Endbahnhof manchmal am Horizont aufzutauchen scheint, auch wenn wir selbst langsamer werden – die Langsamkeit entdecken brauchen wir nicht, sie ist uns Zugreisenden gut vertraut.
Nochmal zurück zu unserem heutigen Hauptthema:



Bild links: Anja Kniebühler:|Ohne Titel,, 2015; 32 cm x 24 cm, Öi auf Papier und mit Nadeln gestochen | © Künstlerin, VG Bildkunst Bonn 2026

Quiescens in motu – Ruhend in Bewegung: eine schöne Metapher für das Reisen, vielleicht für das Leben insgesamt. Beides betrachte ich immer mehr als dialektische Prozesse, in welchen sich Ruhe und Bewegung dynamisch aufeinander beziehen. Wir wollen –auch auf der Suche nach Ruhe – in Bewegung bleiben. Im Idealfall bleibt diese dann als eine mehr geistige Bewegung trotz der gewachsenen äußeren Ruhe erhalten, aufgehoben.

All dies erscheint mir als ermutigend, denn unabhängig von allem, was uns die Lautsprecher-Durchsagen am Bahnhof glauben machen wollen: Es ist
Kein Endbahnhof in Sicht.

Apropos zusammenhanglos: Ganz sicher aber ist auch Donald Trump religiös. Er hat ja sogar seine eigene Religion ; wie auch anders – als Kaiser und Gott?
Sein erstes Gebot: Mache Deals nur mit denen, die Du heute magst und die Dir angemessen (also spektakulär bis monströs, mindestens aber bombastisch) zu huldigen wissen.

Doch wieder Politik? Nein, Schluß für heute.

Und zum Hinkelstein-Schluß gibt es auch heute keine Wettervorhersage, sondern wie immer die guten Nachrichten aus der Kunst; heute am Sonntag, 08. Februar 2026:

Neu am 08. Februar 2026: | Künstler | Conny Luley  u.a. | Galerie Julia Philippi | verlängert bis 27.02,2026 | Conny Luley + Marcia Raquel Székely + Anne Marie Stöhr: „schwingen“
Neu am 08. Februar 2026: | Museum und Galerie Engen: | 09. 05. – 21.06.2026 | Monika Schmid: Leere ist Fülle
Neu am 08. Februar 2026: | Newsletter Hinkelstein: | Hinkelstein 67 | 08.02.2026 | „Kein Endbahnhof in Sicht“