Hinkelstein: | Nr. 85 am 18.10.2026 | Kunst geht weiter.
Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,
“Möbius, was tun?“ war der Titel und war die abschließende Frage des letzten Hinkelsteins 84 am 04. Oktober.
Was mir nun, angesichts der allgemeinen Medien-Berichterstattung zum Thema “Social-Media“ fast zu alarmistisch klingt: Inzwischen ist man eher dazu übergegangen, die durchaus sehr dynamische Entwicklung der letzten 15 Jahre als gegeben hinzunehmen, als Fakt: die Mediengesellschaft hat sich verändert und inzwischen haben wir uns an den neuen Status weitgehend gewöhnt:
Heute informieren sich viele Menschen v.a. über Social-Media-Kanäle; Instagram und YouTube sind wichtiger geworden, traditionelles Fernsehen oder gar Zeitungen haben an Relevanz verloren. Ganz normale Verschiebungen, wie es sie immer schon gab?
Vielleicht sind es wirklich nur wir alten Menschen, die solche Veränderungen „immer gleich als Verluste“ beklagen, womöglich vor allem aus Angst, selbst nicht mehr mithalten zu können?
Diese für mich selbstkritische Sichtweise ist ein Schuh, den ich mir leider anziehen muss, um dann doch darauf zu beharren, dass die Veränderungen der Mediengesellschaft, von denen wir hier im Hinkelstein handeln, auch eine qualitative Dimension mit sich bringt, die wir eben nicht als statistische Schwankungen abtun sollten.

Bild oben: GYJHO
Unabhängig von allen empirischen Daten zur Mediennutzung spüren wir alle, dass die Digitalisierung, das Internet und die Algorithmen v.a. der Social Media unsere Kultur, unsere private und auch gesellschaftliche Kommunikation insgesamt stark verändert haben.
Passende Musik haben wir auch wieder entdeckt: Synthony: Darude „Sandstorm“
Doch mit der Veränderung der Kommunikation im Digitalzeitalter hat sich auch die gesamte gesellschaftliche Kommunikation gewandelt: das politisch-gesellschaftliche Kommunikationsklima ist insgesamt ein anderes geworden: kontroverser, aggressiver und insbesondere polarisierender ist heute auch die politische Diskussion, in der etwa ideologische (starke Metapher:) Brandmauern jeden demokratischen Diskurs verhindern.
Die Entwicklung hat sich konsolidiert: Heute (und vielleicht für die restliche Zukunft) wird weniger gelesen als früher, die sprachliche Kommunikation tritt weiter zurück hinter Bild und Bewegtbild – immer und überall verfügbar, leichter zu konsumieren.
Wozu überhaupt noch Lesen lernen? Wenn lauft PISA-Studie sowohl unsere Lesefähigkeit als auch die Fähigkeit, etwas komplexere Texte zu begreifen, zurückgehen, so vielleicht einfach deshalb, weil diese durch moderne und komfortablere Bild-Medien ersetzt werden.
So mutet es schon fast antiquiert an, wenn die FAS am 11.10. auf er Titelseite einen Beitrag brachte mit dem Titel: “Soziale Medien rauben uns den Verstand“.
Was – für diese ja sonst sehr zurückhaltende und konservative Zeitung – fast schon bildzeitungsmäßig reißerisch beginnt, liest sich dann doch eher als Beschreibung eben der Konsolidierung unser Mediengesellschaft im zuvor beschriebenen Sinne.
Und doch ist der Artikel sehr lesenswert: Rhetorisch und dialektisch geschickt versteckt die Autorin Mina Marschall einigen Sprengstoff eben hinter dieser lakonischen Beschreibung.
“Nicht ohne Grund hat sich in den sozialen Medien mittlerweile eine Kommunikation etabliert, in der Menschen vornehmlich aufeinander reagieren. In den seltensten Fällen kommt es hier zu einem konstruktiven Gedankenaustausch …“
(…)
“Um am politischen Diskurs teilzunehmen, ist es nicht mehr notwendig, selbst nachzudenken. Es reicht, zu folgen“ …
Spätestens hier macht die junge FAZ-Autorin deutlich, dass die Veränderung unserer Medienwirklichkeit eben auch die Politik tangiert, bzw. diese einschließt.
Ebendiese Verbindung zieht auch „Fernsehphilosoph“ Richard David Precht hin: In einem Gespräch mit/bei Maybrit Illner berichtet er, dass die vielen jungen Leute, die er kenne, sehr kritisch mit dem Internet und den Social-Media umgehen würden: wissend, dass diese voller Fakes und Manipulationsversuche sind, „glauben die jungen Leute eigentlich gar nichts mehr – und das sei ihre Stärke“. Im Gespräch relativiert er dann diese Aussage dialektisch und gibt zu, dass dies natürlich gleichzeitig eine Schwäche sei.
“An gar nichts mehr zu glauben“ bedeutet ja auch Orientierungslosigkeit.
Und wer sich dann, auf der Suche nach Orientierung in den Social Media umtut, wird wahrscheinlich schnell einen passenden Führer finden.
Nicht umsonst funktionieren ja die die Social Media nach dem Führer/Follower-Prinzip.
Sozialwissenschaftler und kritische Informationswissenschaftler sind sich darin einig, dass die Algorithmen selbst immer auf eine Polarisierung hinwirken.
So ist es sicher kein Zufall, dass wir auch in der Politik, die ja, wie wir in unserer Hinkelstein-Serie ausführlich beschrieben haben, längst auch Teil der digital dominierten Pop-Kultur geworden ist, eine ganz ähnliche Entwicklung der Kommunikation finden: Polarisierung statt Diskurs.
Kommen wir nochmal zu Richard David Precht: dieser beklagt, dass in unserer digital-reduzierten Kommunikation das Verstehen verloren geht: natürlich denken wir hier an Max Webers Konzept des erklärenden Verstehens: in einer Demokratie kann man die politische Position des Gegners, auch wenn man sie entschieden ablehnt, dennoch an sich nachvollziehen – begreifen. Algorithmisch reduziert ist dies offenbar nicht mehr möglich.
Kunst und Kultur und Politik verlieren gleichermaßen an Substanz, weil das Verstehen verloren geht, die Narrative, das identitätsstiftende Verbindende.

Bild links: Wolfgang Gießler. | Kunstwissenschaft: Kunstführer & Flugschwein | Stilrichtungen der Kunst im 3. Jahrtausend:
Studie zum Linearen Rationalismus
Die Gegner gehören zu verschiedenen Lagern. Wir und Die.
Precht erklärt den kulturellen Verlust: statt ein Buch zu lesen, holen wir uns mit Google (+KI) die Zusammenfassung, die wir lesen – und gleich wieder vergessen.
Was fehlt, ist das sinnliche Lese-Erlebnis. Mit einer wirklich sehr schönen Metapher beschreibt Richard David Precht das Lesen eines Buches als “Denken in fremden Köpfen“.
Bezogen auf die politische Welt benennt diese Metapher gleichzeitig eine zentrale Voraussetzung der Kommunikation: Respekt.
Auf andere Weise beschrieb dies der Philosoph Jürgen Habermas mit seinem vielzitierten – und als Idealtypus gedachten – „herrschaftsfreien Diskurs“. Wer in einen Diskurs eintritt, muss implizit die Möglichkeit anerkennen, dass auch der andere recht haben könnte. Anders ist friedliche Politik nicht möglich.
Beziehen wir das “Denken in fremden Köpfen“ dann sogar auf die Kunst, so adressieren wir hier ganz direkt eine sehr wichtige, wesentliche Bedingung der Möglichkeit von Kunst:
die Imagination.
Wieder einmal erinnert uns dies an Michael Endes Unendliche Geschichte, wo der Autor diese Metapher kunstvoll verdoppelt: wir denken hier im Kopf des Protagonisten des Buches, der selbst gerade ebendiesem Zauber erliegt.
Mit diesem Bild erahnen wir das Ausmaß des Verlusts durch die Digitalisierung; des Verlusts für unsere Kultur und für die Kunst: Droht uns das
Ende der Imagination?
Was für die Politik hierzulande und international gelten könnte – für die Kunst besteht diese Gefahr nicht. Unser kleines gallisches Dorf bleibt unbesiegbar – Kunst geht weiter:
Und dementsprechend gibt es wie immer bei und zeitlose und gute Kunst in den guten Nachrichten zur Kunst am Sonntag, dem 18.10.2026:
Neu am 18. Oktober 2026: | Künstler | Fritzi Haußmann | Fritzi Haußmann Fellowship – MMCA Residency Goyang Südkorea
Neu am 18. Oktober 2026: | Forum Kunst Rottweil | 29.11.2026 – 17.01.2027 | Eröffnung: 28.11.2026 | Thomas Kitzinger – Anatomie der Leere
Neu am 18. Oktober 2026: | Newsletter: Hinkelstein: | Hinkelstein 85 – Ende der Imagination?
Neu am 18. Oktober 2026: | Kunsthalle Baden-Baden | Do, 22.10.2026; 18 Uhr: | Gespräch und Vortrag: | Blaue Stunde – Luxus in Seide