Infinity – über Min Bark

Min Bark im Internet:
E-Mail: | mail@min-bark.com
Website: www.min-bark.com

Min Bark & her Boss ist ein schöner Kunstkatalog – und war mein erster Kontakt zur Kunst von Min Bark.

Min Bark and her Boss
© Foto: Min Bark

Min Bark ist künstlerisch sehr vielfältig: Ihr Arbeitsspektrum umfasst Malerei, Bildhauerei, Performance und Konzeptkunst. In allen Bereichen arbeitet sie mit konzeptuellen Ansätzen, weshalb mir persönlich hier eine gewisse Priorität zu liegen scheint. Immer wieder thematisiert die Künstlerin in ihrer Arbeit die Rolle der Frau. Die Frau in der Kunst wird – vor allem von außerhalb der Kunstbranche gesehen – noch immer anders, weniger geschätzt als der Mann.

Durch diesen inhaltlichen Ansatz und durch daraus entwickelte Konzepte schließt Min Bark sicher aus, dass die Vielfalt der Medien, die sie verwendet, als Beliebigkeit falsch interpretiert werden könnte . Das Konzept wird hier Fundament, wird Integrationsfaktor.

Wie wir schon mehrfach erleben konnten: Konzept impliziert nicht Verkopfung. Min Bark entwickelt aus ihrem Thema sinnlich sehr stark wirkende und ansprechende Werke, die teilweise spontan Freude machen.

Nach ihrem Studium an der Kunstakademie Stuttgart ist sie jetzt Stipendiatin im Weißenhof-Programm der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Im Rahmen dieses Programms erwirbt sie einen Meistertitel. Auf die Pläne für ihre Meisterarbeit kommen wir noch.
Neben ihren Einzelausstellungen (u.a. 2014: „Der Pudel meiner Mutter“ und 2015 „Heimat ist die Fremde“) waren Arbeiten von Min Bark schon in vielen Ausstellungsbeteiligungen zu erleben, zuletzt auch in der erfolgreichen Ausstellung „Netzwerkerinnen der Moderne“ in Böblingen.

Wie das Thema “Frau in der Kunst” und die konzeptuelle Vorgehensweise der Künstlerin starke Werke in all den oben genannten Arbeitsbereichen Min Barks ermöglichen, zeigt vielleicht am besten das Projekt “Min Bark and her Boss”. Wir assoziieren hier Aspekte wie Macht, Hierarchie, Organisation – mit ihrer forschenden Herangehensweise bringt die Künstlerin tatsächliche auch soziologische Perspektiven ein.
Dabei entstehen zuerst die mit 180 cm lebensgroße Skulptur des Bosses, vorwiegend aus Leinen so gebaut, dass er sitzend oder stehend präsentiert werden kann – integriert in die verschiedenen Performances, mit denen Min Bark aus immer wieder neuen Blickwinkeln ihr Thema beleuchtet. Nicht zuletzt gibt sie dem Boss mit gemalten Bildern einen persönlichen Ausdruck.

Bei unserer ersten Begegnung hat mir die Künstlerin den kleinen Katalog dazu mitgegeben und mir damit große Freude gemacht: Im Jahr 2013 begann sie das Projekt Min Bark and her Boss, das sie schon mehrfach präsentiert und – in der Villa Merkel geradezu spektakulär inszeniert hat.
In der Villa Merkel etwa saß der Boss am Kopfende eines gedeckten Tisches für 10 Gäste, die er offenbar zum Dinner eigeladen hatte.

Min Bark and her Boss
© Foto: Min Bark

Hier erleben wir, wie ernsthafte Konzeptkunst  funktioniert und dass diese mit einem ironisch-lakonischen Unterton realisiert werden kann. Die Künstlerin präsentiert ihren Boss nicht ohne satirische Aspekte.

Der konzeptuelle Hintergrund aber ist Min Barks Reflektion über die besondere Arbeit der Künstler und insbesondere die der Künstlerinnen.

Während die meisten von uns in „normalen Berufen“ als Arbeiter oder Angestellte ja fast immer einen Boss haben, der sagt, was gemacht soll oder muss, ist der Künstler, der ja genauso arbeiten und Geld verdienen muss, dabei auf sich alleine gestellt.
Wie wäre es, so scheint Min Bark zu fragen, selbst als Künstlerin einen Boss zu haben:
Wäre eine Künstlerin in einer (wahrscheinlich ja männerdominierten) hierarchischen Struktur besser gestellt als alleine? Und könnte überhaupt Kunst entstehen in einer solchen Struktur? Oder ist dies ausgeschlossen, weil Freiheit als Voraussetzung und Wesenselement der künstlerischen Arbeit dies ausschließen?

Künstler sind ja nicht nur aus staatlicher/steuerrechtlicher Sicht, sondern auch de facto Selbständige, Einzelunternehmer, die sehen müssen, dass und wie sie wirtschaftlich zurecht kommen.

Min Bark and her Boss
© Foto: Min Bark

Insofern könnte man den Markt als Boss betrachten – der Markt sagt dem Künstler nicht, was er wie tun soll, aber er entscheidet darüber, wer mit seiner Kunst Erfolg hat, vielleicht gar reich wird und wer eben nicht.

An die Künstler, die Kunst auch als Lehramt studiert haben und dann als Lehrer ein festes Einkommen haben, denken wir hier nicht. Auch nicht an die kleine Minderheit der Künstler, die als Kunstprofessoren an einer der Kunstakademien eine gesicherte Existenz haben.

Die große Mehrheit der Künstler ist freischaffend tätig – die Künstler müssen sich dem Markt nicht anbiedern und ihm sicher nicht hinterher laufen, aber sie müssen sich dem Markt gegenüber ja verhalten. Viele Künstler, die nicht das Glück – oder die Geschicklichkeit – haben, einen guten und aktiven Galeristen zu finden, leben am Existenzminimum.

Min Bark stellt all diese Fragen in den Raum. Hinter der – nur auf den ersten Blick satirisch anmutenden – Figur des Bosses stehen ganz existenzielle Fragen über das Leben und die Arbeit als Künstler.

Das Projekt Min Bark and her Boss hat Min Bark 2013 begonnen, wann es fortgesetzt wird, hält die Künstlerin bewusst offen. Im Gespräch erklärt sie, dass die zeitliche Perspektive bei vielen ihrer Projekte nicht bestimmt ist.

Mit diesem Ansatz erinnert mich Min Bark an den 2019 gestorbenen Konzeptkünstler Hetum Gruber. Karlsruher Kunstfreunde erinnern sich womöglich an dessen Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe in 2004 – „Etwas machen, dessen Fertigstellung unabsehbar ist“ war der Titel. 1973 schon hatte Gruber begonnen, eine Papierrolle unbekannter Länge quasi zeilenweise zu bemalen – mit sehr kleinen Graphitschraffuren. Eine sehr langsam zu verrichtende Arbeit, die er, das war absehbar, in diesem Leben nicht mehr würde beenden können.

Der Kurator der Ausstellung, Dr. Siegmar Holsten, schrieb dazu in seinem erhellenden und konzentrierten Katalogbeitrag:
Es ging um die Paradoxie von Freiheit und Regel, um Hetum Grubers besonderen Weg, das Auf-sich-gestellt-Sein des modernen Künstlers für sich selbst als Freiheit zu begreifen und zu praktizieren, die der Gefahr des Beliebigen durch selbstgesetzte Verfahrensregeln entkommt; anders gesagt: inneren Widersprüchen nicht auszuweichen, sie nicht zu versöhnen, sondern  durch jeweilige Handlungsstrategien zum Kern gültiger Werke zu verwandeln.“

Siegmar Holsten: Intuition und Plan – Paradoxien einer künstlerischen Haltung.
Katalog der Kunsthalle Karlsruhe: Hetum Gruber: “Etwas machen, dessen Fertigstellung unabsehbar ist“, Kehrer Verlag, 2004, Seite 65.
Siegmar Holstens Analyse und/oder Interpretation erklärt sicherlich auch ein wenig den Arbeitsansatz von Min Bark.

Auch hier ist das reflektierende Denken, das Nachdenken über die Kunst und über das Phänomen der Zeit Gegenstand der Kunst, die, als Konzeptkunst einmal mehr der Wissenschaft sehr nahe ist. Hier weniger der Naturwissenschaft als der Philosophie.

Damit sind wir beim Thema der Meisterarbeit von Min Bark. Derzeit beschäftigt sie sich mit philosophischen Texten – unter anderem von Hannah Arendt und sogar Ernst Bloch: das Thema ihrer Meisterarbeit ist eines der ganz großen philosophischen Themen: Heimat.
Wir sind gespannt und freuen uns darauf.
Und erwarten wieder ein Projekt, dessen zeitliches Ende unabsehbar sein wird:
Sowohl die beschriebene Arbeitsweise der Künstlerin Min Bark als auch das Riesenthema Heimat lassen uns dies erwarten.

Ernst Bloch, in dessen Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ der Begriff Heimat wohl der wichtigste ist, beschreibt Heimat alszugleich eine Erinnerung und eine große Hoffnung“ – ein Ort, wo noch nie ein Mensch gewesen ist.
Doch wir suchen danach: als einzelne Menschen und vielleicht auch als Menschheit insgesamt. Keineswegs sicher ist, ob wir sie finden können.


In diesem Sinne nenne ich meinen Text über Min Bark:
Infinity.
Jürgen Linde im November 2020