Abgründig rot – über Anja Luithle

Anja Luithle im Internet:
www.anjaluithle.de


Anja Luithle: Tief unten am Meeresgrund habe ich sie kennen gelernt. Atlantis, die Jahrtausende v. Chr. untergegangene Stadt, längst wieder gehoben – in Stuttgart – als Hochburg der guten Kunst: in Form der Galerie ARtlantis.

Broadway, 2008. Seide, Kinetik u.a) Die Röcke reagieren auf Klatschen mit zwei bis drei Hüftschwüngen.
Hinten: Moving pictures, 2014, vorne: komme gleich wieder, 2008| © VG Bildkunst Bonn 2016, Anja Luithle

Bei der Vernissage des in Berlin lebenden Künstlers Gerhard Mantz im Mai 2016 nämlich habe ich ebendort endlich die auch geheimnisvolle Künstlerin Anja Luithle kennen gelernt, deren Namen ich längst kannte und von der ich auch schon einige Arbeiten gesehen hatte. Hochinteressant, irgendwie schräg und erfrischend irritierend waren Attribute, die ich hierzu im Hinterkopf hatte.

Schauen wir nun genauer, so kann ich aktuell meinen Eindruck noch mal verstärken: Ganz großes Kino ist diese Kunst, die uns Anja Luithle präsentiert und mal wieder haben wir die Aufgabe, eine Linie zu finden, die uns zumindest glauben lässt, in diesem vielfältigen und höchst lebendigen Werk einen Kern zu finden – oder einen (buchstäblich?) roten Faden.

Springerin, Stadt Fellbach,2013
Corten Stahl Konstruktion, Kinetik, Glasfaserfigur.
Die Figur bewegt sich ca. 3 m hin und her. Programmierung mit Pausen bis zu 9 Minuten; Höhe gesamt 7 m
© VG Bildkunst Bonn 2016, Anja Luithle

Bekannt ist Anja Luithle zweifellos vor allem durch ihre spektakulären “kinetischen Skulpturen” – Frauen etwa, die über einen kleinen See schweben oder auf einem Sprungbrett (Ohne Wasserbecken darunter) zum Selbstmord entschlossen scheinen.

Auch wenn wir bei näherer Betrachtung entdecken, dass es sich nicht um lebende Frauen handelt, sondern um Frauenkleider – im Sinne leerer Hüllen – bleibt das Ganze doch faszinierend und geheimnisvoll.

Absicht und Ziel der Künstlerin sind es ganz sicher nicht, “spektakulär” zu wirken, Sensation ist hier schlicht Mittel zum Zweck: Nachdenken über das eigene Sehen, die Wahrnehmung der Welt.

o.T. (rot gestreift)
Buntstift auf Papier; 70 x 100 cm
© VG Bildkunst Bonn 2016, Anja Luithle

Kunst ist ja immer politisch, aber diese hier besonders, denn es geht nicht nur um das Sehen an sich, sondern auch und vor allem um gesellschaftliche Rollen und Selbstzuschreibungen; es geht um Wahrnehmung und Wirklichkeit insgesamt.

Wertpapier (ab 2011 fortlaufend); Linoldruck auf Toilettenpapier; Im Rahmen mit Passepartout 35 x 50 cm | © VG Bildkunst Bonn 2016, Anja Luithle


Kunst und Politik sind ein heikles Thema oder genau genommen zwei Themen, die dann so eigentlich gar nicht zueinander passen. Wenn Kunst explizit politisch wird, so meine persönliche Überzeugung, ist es keine Kunst mehr. Wenn Kunst aber politisch ist, indem sie “einfach“ nur aufzeigt, was der Fall ist und damit “nebenher” sichtbar macht, was/wie wir sehen und dann aber das Denken dem Betrachter anheimstellt, dann kann es, wie hier im Falle Anja Luithles, eben große Kunst sein.

Nun können wir in diesem Rahmen hier nicht alle Werkgruppen Luithles angemessen unter die Lupe nehmen, doch die anfangs genannte Assoziation Kino/Film stellt sich verblüffend schnell und deutlich auch bei den nichtkinetischen Arbeiten ein: die Trophäen etwa erlebe ich als filmstills, insofern sie offenbar eine Geschichte erzählen können. Der Filmemacher und ja auch bildende Künstler David Lynch erzählt genauso.

Einzelne Bilder, einzelne Kameraeinstellungen symbolisieren die ganze Geschichte, um die dann der Film kreist, während der Zuschauer eigene Bilder erlebt. Und das ist die Kunst: in unserer so bildüberfluteten Welt besondere Bilder zu schaffen, Bilder, die kommunizieren – vielleicht mit unserem Unterbewussten? Während Lynch als Filmer hier noch genial ausgewählte Musik zur Hilfe nehmen kann, kommt Anja Luithle ohne dieses Medium aus: konzentriert und punktgenau.

Trophäen: Messer, 2011
30 x 19 x 24 cm; Gießharz, Holz, Ölfarbe, Blattsilber
Privatbesitz; © VG Bildkunst Bonn 2016, Anja Luithle

Letztlich sogar reduziert im besten Sinne. Denn am Ende sind es gerade die weniger spektakulären Arbeiten von Anja Luithle, die es schaffen, den einen oder die andere herüberzuholen: von der Welt der Bilderflut, des (nur) konsumierenden Sehens in die Welt der Reflektion, des Denkens: in die Welt des Geistes.
Und die Welt des Geistes bei Anja Luithle erscheint mir

abgründig ROT.

Jürgen Linde im Juli 2016