Anwesenheit = Gestaltung – über Adrian Florea

5 Versuche über den Künstler Adrian Florea

1. Versuch: Adrian Florea ist Schauspieler “Kann ich bitte noch ein Glas Wein haben?” fragt der Besucher der Vernissage im Badischen Kunstverein Karlsruhe freundlich den jungen Mann an der Theke. Ohne besondere Unterwürfigkeit und frei von minderwertigkeitskomplexbelasteter Zurückhaltung kommt diese Frage ganz natürlich, freundlich, der Situation angemessen.

Adrian Florea - Künstlerporträt im Kunstportal Baden-Württemberg
Adrian Florea, Foto: privat

Der Mann an der Theke aber verharrt: höchst skeptisch sieht er den Fragenden an und stellt sich selbst dabei, so scheint mir, einen ganzen Stapel schwieriger Fragen, unter anderem etwa diese:
1. VERDIENT dieser Typ überhaupt noch ein Glas Wein? Was spricht dafür, was dagegen?
2. Ist es GESUND, wenn der noch ein Glas ein Wein trinkt? Kann ich das verantworten?
3. Soll ich – in Anbetracht meiner unbegrenzten Macht – diese demonstrieren, indem ich Nein sage und ihn hochkant hinauswerfe?
In jeder dieser Fragen, die Adrian Florea problemlos gleichzeitig verkörpert, spielt er eine Rolle. Das ganze dauert etwa drei Sekunden und dann sagt Adrian “Aber selbstverständlich, gerne” und schenkt ein. Dies wiederum geschieht in allergrößter Herzlichkeit, in der Mimik, Gestik und Betonung aus einem Guß sind. Wirklich klasse.
Ich selbst, der ich im Rahmen von Vernissagen meine Stimmbänder für den Smalltalk zu schonen bemüht bin, verzichte hier lieber auf weitere – überflüssige – rhetorische Fragen.
Statt zu artikulieren “Kann ich bitte noch ein Glas Wein haben?” habe ich mir zwischenzeitlich selbst nachgeschenkt (die an der Theke haben schon genug Arbeit) und genieße den Rotwein (der hier deutlich besser ist als bei manchem Galeristen – die sparen gern an der falschesten Stelle) in kräftigen Zügen und freue mich schon:
“endlich mal ein Schauspieler” für die kunstportal-bw-Künstlerporträts.

Schauspieler – dachte ich. Doch dann war alles viel schwieriger. Zwar erfahre ich später, daß er zwar eine Schauspielschule besucht hat, aber er ist nicht “einfach” Schauspieler; wir müssen weiter ausholen, um der künstlerischen Arbeit von Adrian Florea auf die Schliche zu kommen.
Gestern hat er mich besucht und Bilder seiner Arbeit (auf Papier und digital auf CD) mitgebracht, die eher nahelegen, ihn in die Schublade der dreidimensionalen Kunst zu packen; die Fotos seiner Arbeiten jedoch hat er mit den üblichen EDV-Tools bearbeitet; “verfremdet” hätte man früher gesagt – heute sind diese digitalen Bilder originäre Kunst.
Es geht also auch um Medien und damit geht es für mich implizit auch um unsere Mediengesellschaft, unabhängig davon, ob Adrian seine Arbeit auch politisch versteht.
Nach dem längerem Gespräch sind wir gemeinsam zur Eröffnung der Hochschule für Gestaltung gefahren, wobei wir über alles mögliche sprachen; unter anderem auch über Science Fiction und über konkrete Utopien.

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Adrian Florea: TOKH! | © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Fakt ist: Adrian erinnert mich mit seinen idealistisch anmutenden Ideen an die Vergangenheit und mit seiner Kunst an die Zukunft.
Später erfahre ich noch, daß Adrian offenbar Begriffe wie Politik, Leben , Gesellschaft in ihrer Trennung (“Begreifen” ist immer auch “Abgrenzen”) nicht akzeptiert.
Mit “Anwesenheit=Gestaltung” beschreibt er seine Sichtweise und gleichzeitig sein künstlerisches Konzept.
Vergangenheit, Zukunft – wie können wir das verbinden? Genau: dazwischen liegt die Gegenwart: Die Gegenwart ist heute auch nicht mehr das, was sie schon damals nicht wirklich war.
So meine verallgemeinerte und korrigierte Neuformulierung einer Variante der alten Volksmundweisheit: “Früher war alles besser”. Beenden wir hier besser die Nachdenkerei. Nur eines noch: früher war dreidimensionale Kunst “Bildhauerei”.

2. Versuch: Adrian Florea ist Bildhauer Er hat Fotos dabei von seiner eigentlichen, besser: hauptsächlichen künstlerischen Arbeit.

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Adrian Florea: XXleise
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Jetzt kommt alles raus: er studiert an der Karlsruher Akademie, derzeit übrigens als Meisterschüler bei Max Kaminski. Hier produziert er Skulpturen und Figuren aus verschiedensten Materialien, aus Teilen, die er sich sucht, um eine Idee zu realisieren und aus Teilen, die er findet, und aus denen eine Idee oder auch ein ganze Konzeption entstehen.
Tatsächlich bilden diese Skulpturen den Schwerpunkt seiner Arbeit; die Fotografien haben dann mehr dokumentarischen Charakter und schließlich:
durch die elektronische Nachbearbeitung dieser Fotos überwindet er die Beschränkungen der verfügbaren Materialien, wenn etwa die künstlerischen Idee für den gefundenen und verwendeten Schaumstoff einen anderen Farbton verlangt.
3. Versuch: Adrian Florea ist Medienkünstler: Dies erscheint naheliegend insofern, als er ja die Bilder seiner Skulpturen, die er auf CD mitbringt, elektronisch nachbearbeitet, verändert in Farben und Kontrast und so weiter.
Während wir die Bilder ansehen, sprechen wir über alles mögliche: unter anderem über Utopien zukünftiger Lebensweisen und die Organisation von Verkehrswesen und der kollektiven Nutzung von Wohnraum. Adrian träumt (als Künstler darf er das ja) scheinbar noch von der Vernunft, wenn nicht des Menschen, so doch einiger Menschen.

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Adrian Florea: Schteb
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Nach den Bildern auf der CD folgen die Papierbilder, die sich teilweise als die “Ausgangsprodukte” der Bilder auf der CD herausstellen.
Wenn wir nun zu fragen geneigt sind: “was ist das Original?”, so müssen wir auch die Folgefrage anschließen: “Welche Rolle spielt das? Ist das überhaupt relevant?”
Schließlich leben wir in einer Mediengesellschaft, in der wir nach und nach die Bilder als die Wirklichkeit zu akzeptieren bereit sind. Früher hätten wir geglaubt, daß dies alles Täuschung sei, daß man (wer?) uns eine Wirklichkeit vorgaukelt, die nicht da ist. Heute wissen wir aus Philosophie und Gehirnforschung, daß die Unterscheidung zwischen Fakten und Vorstellungen weitaus schwieriger ist. Wahrscheinlich war es George Orwell, der in seinem Roman 1984 als erster diesen Zusammenhang entwickelt hat, daß die (Kontrolle der) Sprache/der Vorstellungen auf die Wirklichkeit zurückwirkt.

Wir akzeptieren heute leicht die früher als “verfremdet” betrachteten Bilder auf Adrians CD als die originären Werke, die Papierbilder sind bloßes Ausgangsmaterial. Eine Unterscheidung etwa eines “Grades an Realität” ist völlig sinnlos. Auch gegenüber den Skulpturen als Gegenstand und Ausgangspunkt der Fotografien behalten die digitalen Bilder die Eigenständigkeit, welche den ohne künstlerischen Anspruch “bloß abfotografierten” Aufnahmen der Skulpturen nicht zugesprochen werden kann.

4. Versuch: Adrian Florea ist Tänzer Nicht nur erwähnt er irgendwann eine Tanzperformance, an der gerade arbeitet; nein, auch während seines Besuchs in meinem Büro beginnt er plötzlich in extrovertierter Bewegung zu tanzen und meint dazu lapidar: “die Bewegung, die ich eben mit der rechten Hand vollzogen habe, war eine Skulptur im Raum”. Mir ist unmittelbar klar, daß dies schlicht wahr ist, auch wenn es von unserer gewohnten Sichtweise und Begrifflichkeit eher abweicht.

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Adrian Florea bei Tanz-Performance
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Wahrscheinlich nicht zufällig formuliert auch die Schauspielerin Juliette Binoche in einem Interview (Spiegel 5/2001) denselben Zusammenhang: “Wenn ich gut bin, dann sind die Bewegungen auf der Bühne tatsächlich wie eine Zeichnung im Raum.” Und damit beginnen wir mit

5.: Versuch einer schubladenfreien Annäherung Mit den heutigen Mitteln der Medientechnologie sollte es durchaus machbar sein, eine tänzerische Bewegung digital zu filmen, um dann eine Figur der Bewegung zu konstruieren – virtuell am Bildschirm, aber auch physikalisch-real.

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Adrian Florea: Schuche | © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Sind wir also wieder bei der Technologie. Bislang waren viele der Ansicht, die unbegrenzte Reproduzierbarkeit gerade der auf digitaler Technik basierenden Kunst entwerte Original und Authentizität. Adrian jedoch befaßt sich erst gar nicht mit diesen Problemen, er überwindet sie gleich, indem er die Technik angemessen als Werkzeug benutzt – dabei entsteht neue Originalität. Vor diesem Grund verstehe ich den Kunsthistoriker Prof. Hans Belting, der in seiner Ansprache (Warum immer noch Kunst?) zum Jubiläum des Kunstvereinsgebäudes das Paradigma der Kunst dem Horizont des Menschen zuordnet und dies dem Unsterblichkeit suggerierenden Paradigma der Technologie gegenüberstellt:

“Das Ende der Kunst, wenn wir Kunst nur aus einem allzu engen Begriff erlösen, wäre das Ende das Menschen. Die Technologie empfängt ihren Sinn aus der Entgrenzung des Horizonts, der dem Menschen von Natur aus gesetzt ist. Die Kunst dagegen, als Deutung der conditio humana, lebt von dem Maß, das in diesem Horizont nicht zu überschreiten ist. Wird also heute die Rede vom Menschen ein leeres Wort, so ist es die Kunst erst recht. Der eine ist mit dem anderen Begriff in meiner Sicht unauflösbar verbunden.”(Hans Belting)

Adrian Floreas Kunst ist frei. Uneingeschränkt von herkömmlichen Klischees und Sichtweisen formuliert Adrian Florea seine Arbeiten; überkommene Formen sind Anhaltspunkte, die aus mehr pragmatischen Gründen auftauchen: natürlich ist er AUCH Bildhauer, Tänzer etc. Bei einem Atelierbesuch – die Meisterschüler genießen ein angenehmes, inspirierendes Umfeld; leider aber wird das Akademiegebäude um 17 Uhr geschlossen wird – kommen noch etliche weitere Aspekte ins Gespräch, die den integrativen Charakter von Adrians Arbeit verdeutlichen. Adrian ist unter anderen auch Musiker, Musikhörer und Klangkünstler. Gern würde er mitwirken in einem Arbeitskreis in Freiburg, einer Gruppe von Künstlern, die die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten der Stimme (man denkt an Bobby Mc Ferrin) erforscht. In einer kleinen improvisierten Gesangsprobe beweist Adrian spontan sein Talent.

Adrian Florea - Künstlerporträt im Kunstportal Baden-Württemberg

ALLE sinnlichen Wahrnehmungen fließen ein in Adrian Floreas Kunst. In der Freiheit von der Form im Gestalten und, dem logisch-zeitlich vorausgehend, auch im Sehen, Hören und in der Wahrnehmung insgesámt iegt das Potential zu ganz Neuem.
Trotdem hat Adrians Arbeit für mich einen konservativen (erhaltenden) Kern:
Ich meine dies in meinem sehr persönlichen Kunstverständnis. Ich denke, daß Kunst Werte, Bedeutungen und Sinnzusammenhänge aufbewahrt und transportiert über die Zeit, immer wieder neu artikuliert und neuformuliert. Dies gilt in Zeiten des Krieges und der Unterdrückung, in welchen Kunst ja gerne verboten wird; dies gilt auch in unseren Zeiten der Massengesellschaft und der Mediengesellschaft (der MassenMediengesellschaft?), in denen Verflachung und schlechte Nachahmung als Wahrheit erscheinen, Big Brother als das wirkliche Leben.

Während mir Adrians Arbeit unter künstlerischen Aspekten wirklich völlig neu erscheint, sind seine dreidimensionalen Werke unter einem äußerst wichtigen Aspekt nicht neu: die Materialien, die er verwendet, sind Fundstücke von überall, aus privaten Haushalten und Lebenswelten oder oft auch Abfälle und Reste von Produktionsbetrieben.

Adrians Werke schreiben in ihrem Material die Vergangenheit fort, sie behalten und beinhalten die ursprünglichen funktionalen Bedeutungen der Alltags- oder sonstigen Gegenstände, die er verarbeitet.
Adrians Arbeiten integrieren auf eine Weise, die wir als semantisch bezeichnen können, Bedeutungen und Zusammenhänge der heute lebenden Menschen und bewahren sie auf, nur scheinbar losgelöst von ihrem Ursprung.

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Adrian Florea: Laland | © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Frei in der Form, transportiert (und bewahrt) das Material den Inhalt. Mir erscheint Adrian Floreas Kunst als eine Möglichkeit, die Kunst über das Zeitalter der Massenmediengesellschaft hinweg zu retten. Auch Adrian Floreas mehrfach erwähntes Konzept. ALLE Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst zu begreifen, besser: zu erkennen, wirkt in diese Richtung.
Vielleicht formuliert Adrian mit seinem künstlerischen Konzept gleichzeitig eine Aufgabe an uns alle. Adrian Florea sagt wohl zu recht:

Anwesenheit = Gestaltung.

Gestaltung=Anwesenheit Jürgen Linde, 2002