Plastische Verständigung – über HWP Diedenhofen

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Sinnlich, farbgewaltig und allemal interessant sind die Skulpturen, die ich auf der Website von HWP-Diedenhofen entdecke.

Dann aber dieser Text auf der Startseite:
DENKEN IST WORT – WORT IST FORM – FORM IST IST DENKEN.

HWP Diedenhofen im Künstlerporträt im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg
HWP Diedenhofen at work on Bigheart

Das klingt dann eher kopfgesteuert – aber auch wieder interessant. Dennoch kriege ich das nicht zusammen. Kurzum telefoniere ich mit HWP Diedenhofen und eine Woche später kommt er mit seinem bildhauertypisch-riesengrossen Bus zu Besuch.

Mit seinen fast auf Glatzenlänge reduzierten Haaren und schwarzer Brille ein markanter Typ, der auf Anhieb Freundlichkeit und Herzlichkeit ausstrahlt.
Dies ist sicherlich Teil seines Erfolgsrezepts bei den Kunstkursen , die er gibt: derzeit sind es noch 8 Kurse, die er jede Woche macht; seine Kurse im E- und Benzin-Kettensägen sind zumindest im Süden Deutschlands einzigartig und die Teilnehmer nehmen weite Anfahrten gerne in Kauf.

HWP Diedenhofen im Künstlerporträt im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg
braininstallation, E-Werk, Freiburg 2006 | © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Sowohl bei den Skulpturen als auch bei den Reliefs, die er hauptsächlich mit Kettensäge ausführt, legt Diedenhofen höchsten Wert auf professionelle handwerkliche Exaktheit, die komplexe Methode, mit der er seine unglaublich feinen Oberflächen erzeugt, sind teilweise Betriebsgeheimnis.

Dieser hohe Anspruch auf eine ganz exakte Artikulation korrespondiert, so glaube ich, mit der sinnlich intensiven Anmutung von Diedenhofens Arbeiten: Form ist Denken, schreibt er, und bestimmt sollte Denken sowohl logisch als auch genau sein, wenn es uns irgendeine Klärung oder Erkenntnis bringen soll.

Ohne jemals pedantisch zu sein, legt HWP Diedenhofen auch in der verbalen Sprache Wert auf Genauigkeit: ein Künstler, der einen Raum mit Blechdosen gestaltet, wird darauf hingewiesen, dass dies eben eine Installation sei. Keine Skulptur – der vermeintliche Bildhauer ist hier dann eben “Installateur”.

HWP Diedenhofen im Künstlerporträt im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg
HWP Diedenhofen: Atelieransicht
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Denken wir nach über den Zusammenhang zwischen Sprache, Denken und Skulptur, so fällt uns natürlich Beuys ein, der seine Zeichnungen auch als “Denkformen” bezeichnet hat.

Weniger bekannt als diverse berühmte (und aus dem Zusammenhang gerissen immer falsche) Zitate von Beuys ist, daß der große Künstler ein radikaler Denker und, ja, Philosoph war:
Auf der Suche nach Beuys’ Aussagen zum Themenkomplex Sprache/ Skulptur/ Plastik finde ich folgendes sehr erhellende Zitat über die Materialität der Sprache:

“Ja, ich meine, es gibt ja für den Menschen überhaupt gar keine Möglichkeit, sich einem anderen gegenüber auszudrücken, als durch einen Stoffprozeß. Auch wenn ich spreche, brauche ich ja meinen Kehlkopf, Knochen, Schallwellen, ich brauche zum Beispiel die Substanz Luft; Sie brauchen unbedingt so eine Membrane im Ohr, sonst würden Sie meine Sprache gar nicht hören.

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HWP Diedenhofen: Insectoid Protector of the woods (Detail)
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Es gibt keine Möglichkeit, sich zu vermitteln, als durch einen Abdruckcharakter in einem bestimmten Material.”
Joseph Beuys
(Aus: Theodora Vischer, Joseph Beuys, Die Einheit des Werkes, Köln 1991)

Vor diesem Hintergrund wird HWP Diedenhofen nichts dagegen haben, wenn wir dessen Qualitätsanforderungen denen eines Philosophen an seine Texte gleichsetzen.

HWP Diedenhofen: “Seit 1997 beschäftigt sich meine künstlerische Arbeit mit Denkstrukturen und Wahrnehmungsprozessen. Diese werden in Wand-, Boden-, Luft- und Raum-Installationen umgesetzt. Sie gestalten sich durch die Entwicklung von konzeptionellen Raumanordnungen, Skulpturen und Reliefen, deren gemeinsame Formsprache die der “Brainfruits“ ist.

Brainfruits stehen als Raumbilder von Gedanken, Denkmöglichkeiten, die ein freies Assoziieren besonders anschaulich machen. Brainfruits sind durch die freie Anwendung des Formprinzips der Hirnoberflächenstruktur entstanden.”
HWP Diedenhofen

Wieder sind wir also auf der Suche nach Verbindungen/Grenzen zwischen Bildender Kunst und verbaler Sprache; diesmal haben wir die Analogie recht weit getrieben.
Dennoch: wenn es so ist, dass wir ähnliche formale Anforderungen wie Genauigkeit und insofern Qualität an beide Ausdrucksweisen richten können, so folgt daraus ja keinerlei Rückschluss auf inhaltliche Identität, die sich etwa in einer gegenseitigen Übersetzbarkeit ausdrücken würde.

HWP Diedenhofen im Künstlerporträt im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg
HWP Diedenhofen: Red Female Brain 07; Eiche 100 x 50 x 35cm
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Mir scheint die Kunst der verbalen Sprache weit überlegen und nun habe ich eine Idee, woran das liegen könnte:
In seiner “Theorie des kommunikativen Handelns“ schrieb Jürgen Habermas seinerzeit, daß der Sprache immer schon das Motiv der Verständigung innewohne.
Die Sprache dient der Komunikation zwischen vielen Menschen und muß somit Allgemeingültigkeit beanspruchen und anstreben.

Die Kunst tritt demgegenüber in einen jeweils ganz individuellen Kommunikationsprozess zwischen Kunstwerk und Betrachter.
Es ist nicht zu erwarten und auch nicht nötig, vielleicht nicht einmal wünschenswert, daß zwei verschiedene BetrachterInnen ein Kunstwerk auf dieselbe Weise wahrnehmen.

Vielleicht können wir, angelehnt an Beuys’ Erläuterung, die dreidimensionale Kunst begreifen als

“Plastische Verständigung“.
Jürgen Linde, im August 2007