Lebendigkeit – über Stephanie Abben 2020

Aktuelle Projekte von Stephanie Abben

Lebendigkeit – über Stephanie Abben 2020

“Von der Suche nach dem, was kommt” war der Titel unseres ersten Porträts über die in Karlsruhe und Ettlingen lebende und arbeitende Malerin Stephanie Abben; das war im Jahr 2007.

away 2018 | Öl und Acryl auf Leinwand | 130x150cm | © Stephanie Abben, VG Bildkunst Bonn 2020

Wie wir gleich sehen, hat sich die Arbeit der Künstlerin seither stark verändert und doch habe ich, nach einem intensiven Gespräch bei einem erneuten Atelierbesuch den für mich durchaus überraschenden Eindruck, dass dieser Titel noch immer nicht falsch ist.

“Malerei ist langsam und kontemplativ, sie kann aber auch aggressiv und gestisch sein” sagte Stephanie Abben vor ein paar Jahren in einem Interview.

Tatsächlich erleben wir viele Arbeiten der Künstlerin aus den letzten Jahren ganz anders als die früheren Arbeiten, die ich mehr als zeichnerisch, leise und vielleicht als forschend beschreiben würde. Farbgewaltig und deutlich, eher laut als leise muten die neuen Werke an. Und, dies überrascht mich besonders: gegenständliche Elemente prägen viele der neueren Arbeiten und ganz offenbar geht es der Künstlerin jetzt auch um politisch-gesellschaftliche Themen. “Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur” können wir ganz allgemein als Thema der weiterhin sehr malerischen Arbeit der Künstlerin ausmachen.

getting water 2018 | Öl und Acryl auf Leinwand | 160x180cm
© Stephanie Abben, VG Bildkunst Bonn 2020

Was derart allgemein formuliert nichtssagend bleibt, konkretisiert sich in den einzelnen Bildern: “Einstürzende Neubauten” sind es nicht, die Stephanie Abben in den Fokus rückt, nicht die moderne kapitalistische Industriegesellschaft ist ihr Thema.

Überhaupt liegt, wer beim genannten Thema “Mensch und Natur” an naive und letztlich unpolitische Zivilisationskritik denkt, hier völlig falsch: Natur erscheint in Abbens Arbeiten mehr als Natur-Gewalt: farbintensive, also sehr lebendige, lebensstarke Vegetation und Wasser sind Elemente der Natur. Kraftvolle Elemente, die ihr Recht einfordern, die sich von uns Menschen zurückholen, was wir ihr durch gängige Bibelsprüche legitimiert: “Macht Euch die Erde untertan“ weggenommen haben.

Als ich die Künstlerin 2007 kennen lernte, studierte sie noch an der Kunstakademie Karlsruhe bei den Professoren Helmut Dorner und Meuser. 2010 war sie dort Meisterschülerin. Derzeit hat die gebürtige Düsseldorferin einen Lehrauftrag an der dortigen Kunstakademie und hat eine umfangreiche und beeindruckende Liste von Ausstellungen und Auszeichnungen vorzuweisen.

Zu ihrer Ausstellung bei der Herbert-Weisenburger-Stiftung in Rastatt (2018) ist ein schöner Katalog entstanden. In seinem sehr erhellenden Textbeitrag schreibt Thomas Hirsch, der Kunst-Kurator der Stiftung:

jin mao 2017 | Öl und Acryl auf Leinwand | 160x115cm
© Stephanie Abben, VG Bildkunst Bonn 2020

“Und gerade indem die Bilder den Pfad der gegenständlichen Darstellung verlassen und selbst im Malerischen mit Konfrontationen und Störungen handeln, veranschaulichen sie Erinnerung, Verletzlichkeit und Widerstand als weitere Dimensionen. Das alles aber lässt sich auf einer tieferen Ebene als ein respektvolles Ausloten dessen verstehen, wie wir uns in der Welt einrichten.”

Auf die Frage, inwiefern sich ihre Malerei mit sozialen und Klima-Themen beschäftigt, sagt die Künstlerin:

“Es löst Entsetzen aus wenn man manche Themen auf dem Foto oder in einem Video sieht. Es ist ein direktes schnelles Sehen. Diese gehen jedoch oft schnell über die Massenmedien und auch soziale Netzwerke wie Facebook Twitter etc.

watt 2018 | Öl und Acryl auf Leinwand | 80x120cm | © Stephanie Abben, VG Bildkunst Bonn 2020

Meine Malerei greift diese Themen wieder auf und verändert den Umgang damit. Malerische Prozesse werden im Bild ebenso kommuniziert wie die Wahl eines Motivs, das zunächst nicht erkannt wird oder das man nicht sehen will. Beim Sehen des Bildes begegnet man einer Ästhetik, die malerisch ist. Dieser andere Wahrnehmungsprozess verschiebt die Erwartung vom Abbild hin zu einem neuen Verstehen. Die Bereitschaft, genauer hinzusehen, länger zu beobachten, wird von der Malerei erhöht. Ebenso die Bereitschaft, sich mit dem Thema näher zu beschäftigen, transportiert das Medium neu. Die Illusion von Gegenstand und Schönheit wird doppelt aufgehoben; man sieht, was man zu sehen erwartet. Obwohl es sich nur um Farb-Materie handelt, bleibt das Thema jedoch im Bewusstsein. Es darf auch gesehen werden, denn ich möchte, dass diese Themen sichtbar und im Diskurs bleiben.”

Doch wollen wir es uns nicht zu einfach machen: Gerade die Lautstärke, mit der diese Bilder uns begeistern, macht deutlich: weiterhin geht es Stephanie Abben um Farbe, Struktur, Duktus – also um Malerei und weniger – nicht zuerst jedenfalls – um Politik. Stephanie Abbens Bilder jedenfalls erzählen nach meinem Empfinden von einer starken und höchstlebendigen Natur. Ihre Mittel sind Farbe und Kunst.

“Auf der Suche, nach dem, was kommt“ war Stephanie Abben vor 13 Jahren. “Was kommt“ liegt heute wie damals, liegt immer in der Zukunft. Einstweilen geht das Leben weiter und Stephanie Abben ist mittendrin. Längst erwachsen geworden hat sie ihre Perspektive erweitert: Ihre Suche geht weit über die Grenzen der künstlerischen Techniken und Möglichkeiten hinaus. Radikal fragt Stephanie Abben nach dem Leben als Ganzem, nach den Grenzen und Möglichkeiten des Lebens als Mensch, als sozialem Wesen.

Politik und Philosophie gehören notwendigerweise zu diesem Spektrum. Doch das eigentliche Werkzeug, ich möchte sagen: Stephanie Abbens Methode, ihre Vorgehensweise auf diesem Weg ist bisher eben die Malerei.

schrott 2012 | Öl auf Leinwand | 180x140cm | © Stephanie Abben, VG Bildkunst Bonn 2020

Stephanie Abbens bildnerische Arbeit, ist gegenständlicher – insofern scheinbar einfacher –geworden; jedoch ist ihre künstlerische Arbeit komplexer, malerisch intensiver und anspruchsvoller.

Und hier ist die Kunst der Philosophie und der Politik überlegen: Nur die Kunst kann Außenwelt und Innenwelt gleichzeitig bearbeiten. Auf der Suche nach dem, was kommt, gelangt Stephanie Abben zu einer Kritik der Wirklichkeit. “Kritik” hier radikal gedacht – im kant’schen Sinne: Kritik fragt nach den Bedingungen der Möglichkeit.

Das Thema dieser Kunst, die Außenwelt und Innenwelt gleichzeitig reflektiert und bearbeitet, ist

Lebendigkeit.

Jürgen Linde im Mai 2020