Kunst aus Neu-Wredanien – die Bildhauerin Angelika Summa

Aktuelle Ausstellungen und Projekte von Angelika Summa

Angelika Summa: Egoist II, 2020 | (Schrauben geschweißt)
Plakat zur Ausstellung “Wandarbeit” im Kunsthaus Michel 2021 | (Angelika Summa mit “Trabant” (Computerschrott)

Kunst aus Neu-Wredanien:
Die in Würzburg lebende Bildhauerin Angelika Summa ist, vor allem durch ihre Draht- und Stahlskulpturen, längst weit über die Region und das Land hinaus bekannt. Und immer wieder natürlich präsentiert sie ihre Arbeiten in Baden-Württemberg. Zuletzt livehaftig konnte ich ihre großen Skulpturen im letzten Jahr in Weikersheim erleben, wo die Künstlerin über Monate (17.05. – 31.10.2020) hinweg das Stadtbild nachhaltig verändert hatte.

Terminlich mehrfach verschoben durch diverse Lockdowns, fanden wir Anfang Mai 2021 endlich Gelegenheit zu einem Besuch in den Atelier-Räumen der Künstlerin in Würzburg; genauer: im Malerfürstentum Neu-Wredanien.

KörperSkulptur (verzinktes Drahtgewebe, Draht)

Angelika Summa ist Teil einer Gruppe von 4 Künstlern, die zuerst gemeinsame Arbeitsräume in der Wredestraße hatten.  Nachdem diese Räume irgendwann gekündigt wurden, fanden sich – in einem Industrieviertel Würzburgs – neue, große Werkräume. Der dann naheliegend erscheinende Name „Malerfürstentum Neu-Wredanien“ darf durchaus als neue Version der Künstlerkolonien betrachtet werden. In großen, schön hohen Werkshallen, teilweise mit motorgetriebenen Rolltoren, entsteht jetzt Kunst.

Blüte (Blei)

“Malerfürstentum” – geheimisvoll. Märchenhaft wirken insbesondere auch Angelika Summas ganz leicht wirkende Arbeiten aus Kupferdraht, die  einen eher an (durchaus wie ein Kleid oder ein Mantel) anziehbare Textilien erinnern als an Metall. Diese und viele weitere Skulpturen präsentiert die Künstlerin in einem eigenen Showroom, den sie im Nebenhaus noch zusätzlich angemietet hat, und wo auch kleinere Arbeiten zu sehen sind.

Als Hauptwerkstatt aber hat sie eine große Halle. Bei meinem Besuch war diese Halle ausnahmsweise relativ leer: die Skulpturen waren unterwegs – verteilt auf derzeit gleich zwei Ausstellungen – in diesen Zeiten der Pandemie eine ungewöhnliche Leistung.

Während wir im Vorgespräch noch erwogen hatten, unsere Begegnung erneut zu verschieben, bis ein Teil der Kunst “wieder zurück“ sei, war ich dann aber froh, dass wir nicht noch einen weiteren Lockdown abgewartet hatten: Angelika Summa erzählt mir, dass sie viel lieber in einer ziemlich leeren Halle neue Arbeiten anfängt – nicht “bedrängt“ von so viel schon geschaffenen, fertigen Werken.

Da die Bildhauerin neben Kunstgeschichte und Archäologie auch Germanistik studiert hat, vermute ich, in ihren Werken auch literarische Bezüge zu finden – einige fast martialisch anmutende Objekte könnten etwa einem Bühnenbild zu Kafkas „Strafkolonie“ zur Ehre gereichen. Doch abgesehen von einer käferähnlichen Skulptur, die sie selbst mit Gregor Samsa assoziativ verbindet, erklärt mir Angelika Summa ihre Kunst auf ganz andere Weise – sie verweist auf ein Zitat von John Cage:

Annäherung (Draht)

When you start working, everybody is in your studio –

the past, your friends, enemies, the art world and above all your own ideas – all are there.
But as you continue painting, they start leaving, one by one,
and you are left completely alone.
Then, if you‘re lucky, even you leave.“
John Cage

Dies erklärt dann sicherlich auch, warum die Künstlerin leeren Raum zum Arbeiten bevorzugt: Freunde, Feinde, Ideen sind sowieso schon da und suchen nach einem Weg nach draußen. Ja, es ist unvermeidlich, hier Hegels Begriff der Entäußerung ins Spiel zu bringen: in der Tätigkeit des Menschen entäußert sich der Weltgeist in Form von Vergegenständlichungen, die dann eine eigene Existenz annehmen. Was Karl Marx dann später vor allem auf die menschliche (und industrielle) Arbeit bezieht, gilt sicherlich bei Hegel auch und zuerst für die kreative, für die künstlerische Arbeit.

Nun ist die Sprache der Philosophen leider eine sehr schwierige, wobei eine Übersetzung in moderne Sprache auch nicht einfach – ja, vielleicht gar nicht möglich ist: bei Hegel ist ja jeder seiner zentralen Begriffe Gegenstand ganzer Bücher und endloser Diskussionen.
Überhaupt erscheint uns modernen, sprich: auf die Medien- und Konsumgesellschaft reduzierten Menschen, diese Philosophie, in der Kunst und Religion eine Art Kommunikationsverbindung bilden zwischen der Schöpfung und der alltäglichen Welt, vielleicht ja eher als märchenhaft.

Und es könnte sein, dass tatsächlich Märchen und die kindliche Phantasie hier noch einen Zugang finden. Etwa in Michael Endes „Die unendliche Geschichte“, die hier und in Phantasien spielt – einem Ort in uns, der bedroht ist und den nur wir selbst lebendig halten können: Für uns Erwachsene sind Religion und Kunst die (in Hegels Denken miteinander verbundenen) Wege hierzu.

Die Performance “Die Kugel rollt” im November 2020 forderte mehr Skulpturen im öffentlichen Raum; hier im Rathaus-Innenhof von Würzburg.

Einen solchen Zugang schafft nun die Bildhauerin Angelika Summa durch ihre ganz eigene Bildwelt.  Nicht zufällig arbeitet sie mit “Halbzeug“ – also mit von Menschen vorgefertigten Produkten: verschiedensten Drähten, Rohren, Schläuchen aus Metall oder Kunststoff. Die Umformung dieser Materialien zu Kunstobjekten ist keine Verfremdung, sondern im Gegenteil zeigt sie uns einen Zugang zu einer Welt, die wir fast schon vergessen haben: Phantasien.

In Angelikas Summas Werkstatt wie auch in ihrem Showroom bleibt alles zauberhaft. Und wir wissen ja, dass Phantasien eigentlich grenzenlos ist. Eine große, leere Halle ist da sicher nicht übertrieben – denn es braucht viel Raum für Angelika Summas  
Kunst aus Neu-Wredanien.

Jürgen Linde im Juni 2021
Alle Fotos: © Wolf-Dietrich Weissbach