Hinkelstein 81 – Postdigitale Utopien

Hinkelstein: | Nr. 81 am 09.08.2026 | Gedanken zur Digitalisierung

Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,

Im letzten Hinkelstein hatten wir berichtet von der grundlegenden Überarbeitung des methodischen Werkzeugkastens unseres Hinkelstein Forschungsteams.

Dabei ist uns auch aufgefallen, dass die – an sich hoffentlich nicht falsche – Vielfalt unserer Themen immer wieder den Blick auf das berühmte “Große Ganze“ zu verstellen droht – deshalb war dann ja unsere Unter-Überschrift: “Was ist wirklich wichtig“?

Mit dieser Frage im Hinterkopf arbeiten wir streng intuitiv weiter – die Frage ist noch nicht ganz ausgereizt: Viele fragen uns: Wie hängt das eigentlich alles zusammen: die Kunst, die gesellschaftliche Entwicklung (in Richtung autoritärer Systeme etc.); Digitalisierung und Wahrnehmungswirklichkeit?

Bild oben: Daniel Heiss, Marc Schütze, Agent Provokateur, 2026
© ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Felix Grünschloß
ZKM – Zentrum für Kunst und Medien | Mi, 09.09.2026; 11 – 13 Uhr | Ort: Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund, Berlin: | KI-basierte Kunst in Europa – steuern, fördern, freispielen?

Ganz wichtig erscheint uns, dass wir die Wirklichkeit heutzutage in hohem Maße mittelbar erleben; technisch vermittelt via Smartphone, PC, Internet – mittelbar und entsprechend weniger direkt über unsere unmittelbare sinnliche Wahrnehmung.

Nun könnten wir sagen: na gut, das ist eben so – die Welt verändert sich. Und dass Bildschirme unsere Aufmerksamkeit fesseln, dass wir Nachrichten und Informationen vorwiegend über Bildschirme erfahren, ist eine Entwicklung, die schon mit Radio und TV begonnen hat. Auch in meiner Jugend, bevor es Internet gab, haben sehr viele Menschen (me too) viel Zeit vor dem Fernseher (damals ausschließlich lineares TV) verbracht und mit Radio: jeden Abend 19 Uhr Pop-Shop auf SWF 3; das war gut und es war uns wichtig; schon damals war die aktuelle Top-Ten des.Pop-Shops am Folgetag Gesprächsthema in der Schule – Rankings gab es schon in analogen Zeiten.

Doch hat sich mit dem Internet und speziell mit den Social Media unsere Mediennutzung nicht nur (im zeitlichen Anteil pro Tag) vergrößert(*), sondern auch die Struktur der genutzten Medien ist sehr verändert.
(*) Beides belegen zahlreiche Studien, aus denen wir hier hier nicht immer wieder das Gleiche zitieren wollen.
Stattdessen aber hier der Link zu der für Deutschland wohl wichtigsten repräsentativen ARD-ZDF-Medien-Studie, die Jahr für Jahr erhoben wird und umfassende, hochdifferenzierte und seriöse Informationen bietet.

Die gewachsene Bedeutung gerade von Smartphones in unserm privaten wie auch beruflichen Alltag ist unbestritten; längst befasst sich auch die medizinische Forschung mit den Implikationen, mit den Folgen und Gefahren dieser Entwicklung.

Auch, wenn wir diese Entwicklung sicherlich nicht stoppen oder gar zurückführen können, denke ich doch, dass es wichtig ist, darüber nachzudenken, was sie bedeutet für unser Leben und für die hier ja immer wieder ins Spiel gebrachte Wahrnehmungswirklichkeit: Ich behaupte, dass die heute so dominierende Fokussierung auf digitale, über technische Medien kommunizierte Informationen und Inhalte einen wahrscheinlich bedeutsamen Verlust mit sich bringt. Ich möchte von einer Verkleinerung der Wirklichkeit sprechen.

Beispiele gibt es viele: In der digitalen Welt ersetzen digitale Tools oft sinnliche Wahrnehmungen:
Aufgewachsen bin ich selbst mit Büchern und Schallplatten.
Im Digitalzeitalter ersetzen E-Books (deren praktische und ökologische Vorteile ich nicht abstreite) reale Bücher mit ihren sinnlichen Aspekten, das Gewicht, die Haptik und der Geruch des Papiers sind verschwunden.
Musik: Schallplatten aus Vinyl (ich hatte damals einige Hundert gesammelt) waren ein emotionales Gesamterlebnis: vom Auspacken aus dem Cover bis zum Aufsetzten des Tonabnehmers auf der Platte – bishin, natürlich, zur Musik selbst.
„Nur auf die Musik aber kommt es doch an“ könnte man dem entgegen und weiterhin nur noch Streaming-Dienste nutzen, was tatsächlich praktischer/effizienter und vielleicht auch billiger sein mag. Wenn aber in den letzten paar Jahren in den Großstädten überall Vinyl-Platten-Retro-Läden entstehen, so läßt dies vermuten, dass es so einfach doch nicht ist.
Ganz abgesehen (und vor allem) von em Klang-Genuss, den eine gute Hifi-Stereo-Anlage bietet gegenüber dem Geräusch aus den kleinen Ear-Pods, deren Qualität manchmal verblüfft und doch im Vergleich traurig ist.

Beim Einkauf von Kleidung entschieden früher, neben dem Preis, auch viele haptische Elemente – wie fühlt sich der Stoff an; ist die Jacke wirklich warm, ist sie angenehm oder schweißtreibend warm? Beim Online-Einkauf verläßt man sich auf die Beschreibungen der Anbieter oder die Kritiken anderer Käufer. Die Branche der Lieferdienste lebt verstärkt von Retouren.

Last, but not least: die Partnersuche, auch in sehr frühen ganz analogen Zeiten schon nicht ganz so einfach, ist mit den modernen Dating-Apps zum echten sinnlichen Trauerspiel geworden: Angebote, die nicht gefallen, werden weggewischt, andere angeklickt; mal sehen ob/was zurückkommt. Kommt es dann zu einem Treffen, zeigen schon die ersten Sekunden: der Blick in die Augen, der Körpergeruch, die Bewegungen etc. entscheiden. Digital ist all dies nicht abbildbar.

Zur ganzen Bandbreite unserer sinnlichen Wahrnehmung zählen ja eben auch Haptik und der Geruchssinn: Oft sind (eher unbewußt als bewußt) unsere Erinnerungen assoziativ verbunden mit spezifischen Geruchseindrücken. Bei einem ganz bestimmten Vanilleduft erinnere ich mich jedesmal an Omas “Einmachküche“ in ihrem Haus in Hess. Lichtenau. Auch die Gehirnforschung kennt diese assoziativen Verknüpfungen über den Geruchssinn.

Auch für die Haptik, den Tastsinn, gibt es digital gar keine „Abbildungsmöglichkeit“, keine Repräsentation.

All dies spricht nicht gegen die Digitalisierung, der wir ja einen gesellschaftlich und wirtschaftlich kaum zu überschätzenden (Im Sinne Max Webers:) Rationalisierungsfortschritt verdanken. Wir sollten uns jedoch auch klar darüber sein, dass durch Digitalisierung und durch künstliche Intelligenz eben keine Ersatzwelten oder Paralleluniversen entstehen. Wir brauchen, um Menschen zu sein, die vollständige Bandbreite unserer sinnlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten.

Ich denke, wir sollten den unmittelbar sinnlichen Teilen unserer Wahrnehmung wieder mehr Raum geben – am besten, natürlich, indem wir uns mit Kunst befassen:

Bild oben: Skulptur von Dieter Kränzlein (Ohne Titel); Muschelkalk
(ein Sitzkissen?)

Denn die Kunst insgesamt und besonders die Bildhauerei liefert uns die Garantie dafür, dass die – in der digitalen Welt auf die beschriebene Weise eingeschränkte Sinneswelt nicht durch Digitalisierung ersetzt werden kann:
Nehmen wir als Beispiel die Stein-Skulpturen von Dieter Kränzlein: wie viele große bildhauerische Arbeiten faszinieren und verblüffen sie uns zunächst durch den manchmal extremen Gegensatz zwischen leichter Anmutung einerseits und enormer realer Schwere andererseits. Hinzu kommt gerade bei Kränzlein ein zweiter Aspekt; mit der so filigranen und virtuos eingearbeiten Oberflächenstruktur affiziert der Künstler unmittelbar unseren Tastsinn:

Denn wer fühlte sich nicht angezogen von diesen Kunstwerkenwerke von Dieter Kränzlein. Unweigerlich möchte man herantreten an die Kunstwerke und die Oberflächen berühren, erspüren.

Wir hatten oben noch einen zweiten Aspekt des – neuen – Strukturwandels der Öffentlichkeit erwähnt:

Wenn die Digitalisierung unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit zunehmend dominiert, so bedeutet dies nicht nur einen Verlust an Sinnlichkeit, an sinnlicher Wahrnehmung, zu der ja auch Haptik und Geruchssinn ganz elementar gehören, sondern dies hat auch eine politische Dimension: wer kontrolliert, wer wählt die Bilder, die uns als Wirklichkeit gezeigt werden? Wer schreibt die Algorithmen, die uns unsere Wirklichkeit (in Rankings etc.) klassifizieren?

Nun ja, es gibt, das haben wir mehrfach festgestellt, noch viel mehr gute und wichtige Fragen, als wir in einem einzigen Hinkelstein beantworten können ….Sicher aber ist immerhin: die Auswahl der guten Nachrichten aus der Kunst, die es auch heute wieder gibt, hat allein die Redaktionskonferenz des kunstportals-bw getroffen:

Neu am 09. August 2026: GFjK Baden-Baden | 29.11.2026 – 24.01.2027: | Künstler in Baden-Baden 2026: Mario Marino
Neu am 09. August 2026: | Newsletter Hinkelstein: | Hinkelstein 80 – Die Verkleinerung der Welt