Hinkelstein: | Nr. 80 am 09.08.2026 | Gedanken zur Kulturrevolution

Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,

Im letzten Hinkelstein hatten wir berichtet von der grundlegenden Überarbeitung des methodischen Werkzeugkastens unseres Hinkelstein Forschungsteams.

Dabei ist uns auch aufgefallen, dass die – an sich hoffentlich nicht falsche – Vielfalt unserer Themen immer wieder den Blick auf das berühmte “Große Ganze“ zu verstellen droht – deshalb war dann ja unsere Unter-Überschrift: “Was ist wirklich wichtig“?
Mit dieser Frage im Hinterkopf arbeiten wir streng intuitiv weiter – die Frage ist noch nicht ganz ausgereizt: Viele fragen uns: Wie hängt das eigentlich alles zusammen: die Kunst, die gesellschaftliche Entwicklung (in Richtung autoritärer Systeme etc.); Digitalisierung und Wahrnehmungswirklichkeit?

Nach dem bewährten Kreuz- und Querkonzept wollen wir heute auch diese Frage beantworten: wir erleben gerade eine (epochale) Entwicklung, die Kunst und Gesellschaft gleichermaßen verändert: Digitalisierung und KI als globale Kulturrevolution.

Bild oben: Daniel Heiss, Marc Schütze, Agent Provokateur, 2026
© ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Felix Grünschloß
ZKM – Zentrum für Kunst und Medien | Mi, 09.09.2026; 11 – 13 Uhr | Ort: Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund, Berlin: | KI-basierte Kunst in Europa – steuern, fördern, freispielen?

Ganz wichtig erscheint uns, dass wir die Wirklichkeit heutzutage in hohem Maße mittelbar erleben; technisch vermittelt via Smartphone, PC, Internet – mittelbar und entsprechend weniger direkt über unsere unmittelbare sinnliche Wahrnehmung.

Schon seit Walter Benjamin in seinem berühmten Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936) den Verlust der Aura eines (Original-)Kunstwerks durch dessen Reproduzierbarkeit beklagte, haben sich auch andere Philosophen und v.a. Kunst- und Kulturwissenschaftler immer wieder damit auseinandergesetzt, dass in unserer modernen Gesellschaft die unmittelbar sinnliche Anschauung, das direkte Erleben verloren gehen oder schon verloren sind. Lange Menschenschlangen vor dem Louvre: Alle wollen die Mona Lisa sehen – widerlegen diese These nicht: im Gegenteil: sie sind Ausdruck einer anderen kulturellen Fehlentwicklung – der Überkommerzialisierung auch der Kunst.

Klar ist das alles streitbar: alle halbwegs wichtigen Bilder, die die Kunstgeschichte kennt, mit minimalem Aufwand auf den Schirm holen zu können; oder (über 100 Mio. Musiktitel; wohl so ziemlich) alle jemals technisch aufgenommenen Musiktitel via Spotify auf die Ear Pods zu kriegen – das kann man als Errungenschaft, als Fortschritt, als schönen Luxus, insgesamt also positiv sehen.

Doch wäre Mona Lisa nicht zu recht leicht indigniert, wüßte sie, dass man ihr berühmtes Porträt auf einem 6-Zoll-kleinen Smartphone Display einfach so weiterwischt – ein Bild im Haufen von Millionen anderer Bilder?
Die Geringschätzung des einzelnen Werks ist kein technisch bedingtes Phänomen, sondern sicher auch Ausdruck und Nebenprodukt unserer Massengesellschaft und deren Überkommerzialisierung.

Nun könnten wir sagen: na gut, das ist eben so – die Welt verändert sich.
Und da fällt mir auch endlich die passende Musik ein für den heutigen HInkelstein; Denn auch dies wird morgen noch so sein, weil es immer schon so war: Tracy Chapman – The Times They Are A Changin Lyrics (Bob Dylan)
Und dass Bildschirme unsere Aufmerksamkeit fesseln, dass wir Nachrichten und Informationen vorwiegend über Bildschirme erfahren, ist eine Entwicklung, die schon mit Radio und TV begonnen hat. Auch in meiner Jugend, bevor es Internet gab, haben sehr viele Menschen viel Zeit vor dem Fernseher (damals ausschließlich lineares TV) verbracht und mit Radio: jeden Abend 19 Uhr Pop-Shop auf SWF 3; das war gut und es war uns wichtig; schon damals war die aktuelle Top-Ten des Pop-Shops am Folgetag dann Gesprächsthema in der Schule – Rankings gab es schon in analogen Zeiten.

Doch hat sich mit dem Internet und speziell mit den Social Media unsere Mediennutzung nicht nur (im zeitlichen Anteil pro Tag) vergrößert, sondern auch die Struktur der genutzten Medien ändert sich weiterhin. Beides belegen zahlreiche Studien, aus denen wir hier hier nicht immer wieder das Gleiche zitieren wollen.
Stattdessen hier aber der Link zu der für Deutschland wohl wichtigsten repräsentativen ARD-ZDF-Medien-Studie, die Jahr für Jahr erhoben wird und umfassende, hochdifferenzierte und seriöse Informationen bietet.

Nun wird seit Jahren (wie ja auch hier im Hinkelstein viel darüber nachgedacht und geschrieben, dass und wie die Digitalisierung unseren Alltag, unser Leben, ja sogar vielleicht unser Menschsein als solches verändert.

Über dieses kulturphilosophischeThema wollen wir ab heute, dem Hinkelstein Nr. 80, erneut grundsätzlich nachdenken.
Doch bei meiner Recherche zu diesem Thema sehe ich, dass es schon noch viel mehr Bücher, Aufsätze und sonstige Beiträge dazu gibt als ich sowieso schon befürchtet hatte – teils hochwissenschaftlich und auf bestimmte Fachgebiete bezogen, wie etwa die Psychoanalyse oder auf sehr umfassende empirische Studien, teils aber auch durchaus für uns Laien verständlich. 8 Bildschirmseiten ist die Liste der „Google-Treffer“ zu unserem Thema („Verlust der sinnlichen Wahrnehmung im Digitalzeitalter“.

Nun will ich mich nicht vor der Arbeit drücken: ich habe aus der durch ihre Länge irritierende und wohl eher abschreckende Liste zwei Links für Sie ausgewählt, die Ihnen einen sehr guten Einblick geben, wenn Sie diesen Themenaspekt vertiefen möchten. Auf diese Weise erhalten Sie, die Leser, die an diesem Thema besonders interessiert sind, einen weitaus besseren Einblick zum Stand der Dinge, als ich dies in meinem Text leisten könnte.

Beginnen wir mit einem Überblick, den uns die D21-Initiative schon im Juli 2025 geliefert hat:

So schrieb damals Dr. Nikolai Horn, Co-Leiter der AG „Geist, Körper, Psyche“:

Unsere Kulturtechniken, unsere geistige, psychische und körperliche Verfassung aber auch unser Menschenbild verändern sich. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie wir diesen Wandel gestalten wollen.
Geist, Körper, Psyche – wie der digitale Wandel uns (unbemerkt?) verändert – Initiative D21

Einen ebenfalls hervorragend strukturierten Überblick bietet uns das Zukunftsinsitut:

Das postdigitale Zeitalter

Hier dann doch ein längeres Zitat, das Vorwort zum Beitrag, der dann in 9 kurzen Kapiteln unser Thema beleuchtet:
Digitalisierung“ ist der revolutionäre, quasi-religiöse Mythos unserer Tage. Im Namen des Digitalismus, der Ideologie gewordenen Computerisierung, wird uns die ständige Umwälzung aller Verhältnisse versprochen – und angedroht. Kein Stein bleibt auf dem anderen! Das menschliche Bewusstsein wird radikal verändert! Am Ende übernimmt die Künstliche Intelligenz (KI)! Das ist das dominante Narrativ aller Zukunftskonferenzen, das Super-Meme unserer heutigen Zukunftsbilder. 

Aber könnte es nicht auch ganz anders werden? Könnte es sein, dass wir uns bereits hinter dem Peak Digital befinden, dem Höhepunkt der digitalen Dynamik? Mitten in einer digitalen Revision, in der der Tanz zwischen Mensch und Maschine eine neue Drehung nimmt? In den USA spricht man bereits vom “Techlash“.

Um die neue Richtung zu bestimmen, brauchen wir einen neuen Kompass, eine nicht technikfeindliche digitale Aufklärung. Und den Abschied von der fixen Idee, dass sich die ganze Welt in Nullen und Einsen auflösen lässt. 

Lassen Sie uns auf den Anfang zurückkommen: die ganze Entwicklung, über die wir nachdenken – Digitalisierung, Social Media, exzessive Handynutzung – wird begleitet von dem Gefühl, das wir uns als Menschen verändern, dass wir womöglich das Spektrum unserer Wahrnehmung verkleinern, wenn wir fast nur noch über digitale Medien kommunizieren.

Und es bleibt dabei: A Smartphone ain’t no ARTphone: für die Betrachtung von Kunst ist ein so kleines Display noch weniger geeignet als zum Anschauen guter Filme.

Vor diesem Hintergrund betrachte ich persönlich die bisherige Entwicklung der Digitalisierung als eine
Verkleinerung der Welt.

Wenn die Digitalisierung unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit zunehmend dominiert, so bedeutet dies nicht nur einen Verlust an Sinnlichkeit, an sinnlicher Wahrnehmung, sondern dies hat auch eine politische Dimension: wer kontrolliert, wer wählt die Bilder, die uns als Wirklichkeit gezeigt werden? Wer schreibt die Algorithmen, die uns unsere Wirklichkeit (in Rankings etc.) klassifizieren?

Nun ja, es gibt, das haben wir mehrfach festgestellt, noch viel mehr gute und wichtige Fragen, als wir in einem einzigen Hinkelstein beantworten können ….Sicher aber ist immerhin: die Auswahl der guten Nachrichten aus der Kunst, die es auch heute wieder gibt, hat allein die Redaktionskonferenz des kunstportals-bw getroffen:

Neu am 09. August 2026: Künstler | 15.10. – 28.11.2026 | Anna Bludau-Hary, Jürgen Heinz,  Andrea Tewes, Rainer Zerback | Villa Streccius Landau | Gruppenausstellung der Künstlergruppe „„sei doch mal leise“
Neu am 09. August 2026: GFjK Baden-Baden | 29.11.2026 – 24.01.2027: | Künstler in Baden-Baden 2026: Mario Marino
Neu am 09. August 2026: | Newsletter: Hinkelstein: | Hinkelstein 80 | am 09.08.2026: | Die Verkleinerung der Welt
Neu am 09. August 2026: Marc Peschke – Out of the Länd: | 04. – 19.09.2026 | Tenri Japanisch-Deutsche Kulturwerkstatt Köln | Vernissage: Fr, 04.09.2026; 19 Uhr | „KAIROS – SETSUNA. Edith Hultzsch (1908-2006) & René Böll“