Design for Conviviality – über Frank-J. Grossmann

Website: www.fjgrossmann.de
E-Mail: info@fjgrossmann.de
Prof. Frank-J. Grossmann
67354 Römerberg, Von-Bolanden-Str. 7A

Die ersten Arbeiten, die ich von Frank-J.Grossmann sah, waren “Stein-Zeichnungen”, ausgeführt meist in Aquarell und Bleistift. Diese Zeichnungen waren Teil des Gedichtbandes “Vom Atmen der Steine” von Uli Rothfuss, den ja kunstportal-bw LeserInnen gut kennen aus der kunstportal-Kulturredaktion – insbesondere als Autor des Buchtipps der Woche und des Gedichts des Monats.

F.-J. Grossmann: Zeichnung aus “Vom Atmen der Steine”

Grossmanns Zeichnungen sind jedoch keine “Illustrationen”, sondern ganz eigenständige Kunstwerke, entstanden unabhängig vom erwähnten Gedichtband. Nur die zufällige thematische Verbindung (Steine) brachte die beiden Freunde auf die Idee, dieses Buch gemeinsam zu gestalten.

Wieder einmal sind wir also auf der Suche nach den richtigen Worten, den genauen Begriffen zum Thema Kunst, weil diese Suche ja immer wieder neue Einsichten und Erkenntnisse bringt.

Jetzt hatte ich Gelegenheit zu einem Atelierbesuchebei Frank-J.Grossmann in Römerberg (nahe Speyer am Rhein) und alles wird noch viel schwieriger. Denn Frank Grossmann ist gelernter Diplom-Designer und arbeitet seit 2000 als Professor an verschiedenen Fachhochschulen. Design also ist sein Thema, die Typografie ist seine ganz besondere Spezialität.

F.-J. Grossmann; © Foto: privat

Frank Grossmann; © Foto: privat

Zu den Zeichnungen, deren künstlerische Qualität niemand in Frage stellen würde kommen dann auch noch hochinteressante fotografische Arbeiten, die eine ganz eigene Linie verfolgen, die durchaus den Grafiker erkennen lässt. Als Grafik-Designer entwickelt Grossmann gerne Logos und macht Flyer und Plakate zu Veranstaltungen vor allem zu Kulturthemen und vor allem in der Region um Speyer, in der er lebt und arbeitet. Hinzu kommen dann noch Bücher, Buchcover und Buchprojekte, (eigene und im Auftrag von Verlagen oder Autoren) was schon in Frank-J.Grossmanns Studienzeit ein Schwerpunkt war.
Eine Vielfalt an gestalterischen Tätigkeiten, die wir nicht so einfach unter einen Hut bringen können.

Nach einem langen Nachmittag im Atelier des Künstlers, an dem ch diese Vielfalt erleben konnte und einem nicht weniger langen und intensiven Gesprächsabend mit mediterraner Brotzeit leckerster Art glaube ich, meinen roten Faden gefunden zu haben.

Frank Grossmann: Piano

F.-J. Grossmann: Piano; © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Schon vor seinem Designstudium hat Frank Grossmann gezeichnet und gemalt und direkt nach dem Studium folgten mehrere Jahre, in denen die Malerei im Mittelpunkt seiner Arbeit stand. Auftragsarbeiten im Grafik-Design-Bereich liefen eher nebenher, als Brot-Beruf.
Für mich sind Grossmanns filigrane Zeichnungen der Schlüssel zu seinem Gesamtwerk. Leise, hochdifferenziert, fesselnd.

Wie viele Künstler begann auch Grossmann mit gegenständlichen/ naturalistischen Arbeiten. Einige “frühe“ Zeichnungen, die mir der Künstler beim Atelierbesuch aus seinem längst unüberschaubaren Fundus heraussucht, zeigen ein (natur-)wissenschaftliches Interesse an der Welt, an den Pflanzen und auch an Steinen und Landschaften.

Tatsächlich spricht Grossmann auch von einem “zeichnerischen Verstehen“, also von einer Art Erkenntnismethode, die Natur und deren “Funktionieren“ zu begreifen. Dies erinnert mich an den großen Soziologen Max Weber, der mit seiner Begriffsschöpfung des “erklärenden Verstehens“aus seiner geisteswissenschaftlichen Perspektive eine ganz ähnliche, ähnlich bescheidene und ähnlich zielführende – Haltung gegenüber der Welt eingenommen hatte.
Gleichzeitig haben jedoch Grossmanns Zeichnungen noch eine weitere Dimension: Fast immer befasst sich eine Seite des Bildes mit einer nahezu fotorealistischen Exaktheit mit den Details des Gegenstandes, während auf der anderen Seite bereits das Verschwinden des Gegenstandes, somit Auflösung und Vergänglichkeit, sichtbar werden.

F.-J. Grossmann: aufstehen; © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Frank-J.Grossmann: aufstehen

Frank Grossmann verbindet hier also Funktionalität und Transzendentales, oder einfacher und klarer formuliert, Wissenschaft und Kunst. Und damit zwei Welten, die wir heute als ganz verschieden und getrennt voneinander erleben und die dennoch bei den alten Griechen noch zusammen gehörten.

Und wohl bald wieder zusammen finden: so schreibt ZKM-Direktor Peter Weibel, der Erfinder und Kurator der (von Juni 2015 bis April 2016 stattfindenden) Globale:

Die GLOBALE, ein multipolares Ereignis von 300 Tagen, zeigt einen um die Naturwissenschaften erweiterten Kunstbegriff. Er knüpft an die Renaissance an, an die Verwissenschaftlichung der Kunst in der Neuzeit, und eröffnet gleichzeitig eine Dimension der Zukunft – eine Renaissance 2.0, die sich in der globalen Infosphäre entwickeln wird.
© Pressemitteilung ZKM Karlsruhe

F.-J. Grossmann: holzschnitt 2
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Frank-J. Grossmann: holzschnitt 2

Vor dem Hintergrund dieser umfassenden Agenda nun ergibt sich ein klarerer Blick auch auf die anderen Werkgruppen von Frank-J. Grossmann, die ich nachfolgend in ihrer bildnerischen Stärke für sich selbst sprechen lasse, ergänzt lediglich durch jeweils einen Text aus meinem Archiv:

Typografie von Frank Joachim Grossmann

über Sprache
“Language is a virus from Outer Space”.
William S. Burroughs hat zweifellos recht, denn er beschreibt extrem reduziert das ganze Desaster, das Gott am sechsten Tag angerichtet hat.
Dennoch:
Wir brauchen die Sprache.
Sie rekonstruiert Nicht-Dagewesenes.

© Jürgen Linde, 2014

Fotografie von Frank Joachim Grossmann

Frank Grossmann: faehre 3

F.-J. Grossmann: faehre 3; © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Abschied
Ein Bündel Zweige auf der alten Mauer
die Abendsonne dahinter
strahlt

ich knie nieder und schaue durch das Holz
Jetzt bin ich Teil des Bildes.

© Jürgen Linde, 2014

Frank Joachim Grossmann ist Designer.

Er zitiert gerne Helmut Schmid (Typograf Basel/Tokio):
“gestaltung ist haltung / design is an attitude”
Und entwickelt aus diese Perspektive eine ganzheitliche Sicht auf die Welt: Mit dem hilfreichen Begriff des “sozialen Designs“ formuliert er ein fast schon politisches Programm:

Frank-Joachim Grossmann: tabakschuppen
analoge Schwarzweiss-Fotografie, 24 x 36cmHeute, so Grossmann, geht es oft zuerst um “soziales Design“: wo die Not groß ist (Kriege, Hunger, Vertreibung) geht es darum, die Prozesse (die Abläufe, die Organisation) so zu gestalten, dass denen, die Hilfe brauchen, so effizient wie möglich geholfen wird.

Frank-Joachim Grossmann: tabakschuppen; analoge
Schwarzweiss-Fotografie, 24 x 36cm
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

In diesem Geiste spricht Grossmann auch von “lokalem Design“, das gefördert werden sollte wie auch die Kunst. Dieser überzeugende und ganzheitliche Ansatz erinnert nun mich wieder an den Soziologen und Philosophen Ivan Illich, der (vor allem mit seinem Buch “Tools for Conviviality“) dafür eintrat, dass wir Menschen mit menschengerechten Werkzeugen arbeiten sollten.

(In diesen globaen Zeiten zwangsläufig in Englisch) nenne ich deshalb meinen Text über Frank-J.Grossmann: Design for Conviviality
Jürgen Linde im Februar 2015