Raum Zeichen – über Katharina Hinsberg

Aktuelle Projekte von Katharina Hinsberg

Katharina Hinsberg im Internet:
Website: www.katharina-hinsberg.de
E-Mail: hinsberg@hbksaar.de

Mit glücklich strahlenden Gesichtern kamen die Menschen aus der Orangerie der Karlsruher Kunsthalle, als dort Katharina Hinsbergs “binnen” präsentiert wurde, ein sinnlich intensives Kunsterlebnis, das uns, ja, verzauberte.

Katharina Hinsberg: “binnen”
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 25.04. -02.08.2008
© VG Bildkunst Bonn 2016, Katharina Hinsberg
Katharina Hinsberg: Feldern (Farben), 2014
Installationsansicht Kunstsammlung NRW; Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf | © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Katharina Hinsberg

Streng und sehr systematisch ist die Vorgehensweise der Künstlerin, was wir erwartet haben, da wir wissen, dass es um konzeptuelle Kunst geht. Seit 2011 ist Katharina Hinsberg Professorin für konzeptuelle Malerei an der Kunsthochschule in Saarbrücken.

Wie ist es möglich, dass eine konzeptuell-strenge – und von Katharina Hinsberg auch in jedem Projekt sehr konsequent durchgehaltene – Vorgehensweise am Ende zu solcherart sinnesgewaltigen, fast möchte man altmodisch sagen “betörenden“ Erlebnissen führen kann?

Ein möglicher erster Hinweis, den wir im Lebenslauf der Künstlerin finden, zerschlägt sich schnell: Vor ihrem Kunststudium hat Hinsberg am Theaterhaus Stuttgart gearbeitet. Doch auch wenn wir in den aktuellen Präsentationen dieser Kunst Aspekte von Theater und Inszenierung ausmachen können, so wird doch schnell klar: Es geht hier nicht um Sensation im Sinne von Schau und Spektakel, eher im Gegenteil:

Katharina Hinsberg: Ajouré, 2014
Papierschnitt; 12,5 x 9 cm
© VG Bildkunst Bonn 2016, Katharina Hinsberg

Die gewaltigen Raumeindrücke, die wir dieser Künstlerin verdanken und die wir mal als Verfremdung, besser aber als Sichtbar-/Bewusstmachung des Raumes empfinden und verstehen können, sind nicht eigentlich das Ziel ihrer Arbeit, sind nicht eine Absicht, die sie verfolgt.

Sie sind vielmehr das Ergebnis radikalen Nachdenkens und Reflektierens: zunächst über die Zeichnung und deren Medien, denn dies war und ist das Kerngebiet ihrer Arbeit, die ich immer mehr als Forschung betrachte.

Von der Zeichnung, die wir uns ja konventionellerweise als zweidimensionales Medium vorstellen, gelangt Hinsberg zwangsläufig zum Thema Raum. Wie unterscheidet sich “das Dreidimensionale“ vom Zweidimensionalen oder anders gefragt: was ist die dritte Dimension? Und gibt es einen Übergang?

In früheren Projekten wie etwa “Diaspern” hat Katharina Hinsberg in meist sehr aufwändigen Installationen gezeigt, dass das Medium der Zeichnung immer schon die dritte Dimension, den Raum, beinhaltet. Schon das Papier selbst hat ja eine gewisse Stärke.

Ja, “Kunst macht sichtbar”. Dieses Zitat von Paul Klee bleibt unverzichtbar. Die Dreidimensionalität des Mediums Papier zeigt uns Hinsberg, indem sie mit dem Skalpell Formen (Zeichen?) aus dem Papier ausschneidet (Diaspern) oder Streifen farbig bemalten Papiers auf papiernen Flächen befestigt (Divis). Zeichnung beansprucht Raum und ob es sich im konkreten Fall “noch um Zeichnung” handelt oder ob man von Bildobjekten sprechen sollte, ist:
a) unklar
b) vielleicht ja gar nicht so wichtig und doch
c) genau unser Thema

Ich plädiere für a und b und c, denn Katharina Hinsberg zeigt uns, dass die semantische Unterscheidung zwischen zwei- und dreidimensional irrelevant ist. Letztlich erscheint sie uns als eine rein kopfgesteuerte (resp. rein mathematische) Rekonstruktion, denn Material (in physikalischem Sinne) ist immer dreidimensional. Jeder Bleistiftstrich, jede Linie, jeder Punkt, der mit dem Stift gesetzt wird, hat seine drei Dimensionen.

Katharina Hinsberg: spatien, 2011
Installationsansicht Galleria Marie-Laure Fleisch, Rom
© VG Bildkunst Bonn 2016, Katharina Hinsberg

Und so ist es nur konsequent, wenn Katharina Hinsberg noch einen Schritt weitergeht:

In Kunstprojekten wie dem eingangs genannten “Binnen“ 2008 in Karlsruhe oder “spatien“ 2011 in Duisburg kommen “zweidimensional anmutende“ Papierstreifen zum Einsatz, die dann in Form von zweifelsfrei dreidimensionalen “Papierbergen“ den gesamten Raum völlig verändern und auf diese Weise eben neu oder erstmals sichtbar machen.

Jetzt sehen wir klarer, wie aus strengem Konzept und radikalem Nachdenken so wunderbare Sinnlichkeit entstehen kann.
Für das Kunstmuseum Ravensburg nun hat Katharina Hinsberg auch ein sehr klares Konzept, das für das Obergeschoss und das Foyer unten eigentlich zwei verschiedene Projekte vorsieht:

Für das Kunstmuseum Ravensburg hat Katharina Hinsberg einen kombinatorischen Farbraum entworfen, welcher sich über die Dauer der Ausstellung immer wieder verändert. Die Wände sind, in 7 Schichten, mit Blättern von Seidenpapier ausgekleidet; jede Schicht ist von einer anderen Farbe. Die Papiere hängen in einem Raster und sind so fixiert, dass sie leicht einzeln abgenommen werden können. Unter jedem abgetragenen Blatt tritt eine neue Farbe zutage. Nach den Vorgaben von Katharina Hinsberg enstehen so wöchentlich neue Farbräume.

Katharina Hinsberg; © Foto: Charlotte Kons

Unten im Foyer wird ein zweites Projekt präsentiert:
Farbproben — Prüfe auf einem weißen Blatt Papier (DIN A 5) die Gesamtheit all deiner Stifte auf ihre Tauglichkeit, jeden Stift einmal. Auf der Rückseite des Blattes notiere Name und Körpergröße.”
Die Besucher in Ravensburg können sich an diesem Projekt beteiligen und ihre Blätter mitbringen. Diese werden dann im Foyer aufgehängt. Hängehöhe des Blattes entspricht der Körpergröße der Urheber, sodass die Personen auch körperlich gegenwärtig werden, indem eine ‘springende’ Horizontlinie entsteht.

(Katharina Hinsberg)

30. April bis 03. Juli 2016: |
Kunstmuseum Ravensburg: Katharina Hinsberg

Wir sind sehr gespannt, was hier in Ravensburg geschehen wird und wir freuen uns darauf. Vermutlich geht es in irgendeiner Weise wieder um

Raum Zeichen.
Jürgen Linde im April 2016