Man lebt aus den Energien, die man verbraucht(*) – über Madeleine Dietz

(*)Der am 17. März gestorbene israelische Dirigent und Komponist Gary Bertini
Zitiert aus FAZ vom 19. März 2005, Seite 35

website: www.madeleinedietz.de
E-Mail: madeleine.dietz@gmx.de

[dazu ein kunstportal-bw-Special: Ein besonderer Text zu einer besonderen Ausstellung: | Weg und Ort – Madeleine Dietz im Ulmer Museum” (28.03. -31.08.2014)]

Nachdem im letzten Porträt die “Rettung der Poesie” im Untertitel vorkam, dachte ich nun, mich in die künstlerische Arbeit von Madeleine Dietz vertiefend, den Themenkomplex Kunst und Sprache verlassen zu müssen, um mich dem spannenden Verhältnis von Religion und Kunst zu widmen.

Madeleine Dietz, Foto: privat

Nachdem Hegel beide Bereiche gemeinsam der absoluten Vernunft zugeordnet hat, werden wir uns auch irgendwann darum kümmern müssen.

Wir ahnen bereits, daß es wohl dieselben Themen und Fragen sind, mit denen sich diese beiden verschiedenen und doch nicht voneinander zu trennendenden Welten befassen:
Leben und Tod, Werden und Vergehen sind exakt Madeleine Dietz’ Themen. Und der Tod ist fast allgegenwärtig, blättert man in ihren Katalogen. Während wir ja gerne das Thema Tod – und was dazugehört – verdrängen, üben die Arbeiten unserer Künstlerin doch enorme Anziehung auf uns aus – in ihrer Kraft und in ihrer Lebendigkeit. Das klingt widersprüchlich, weil es widersprüchlich ist: Leben und Tod sind dialektische Begriffe, aufeinanderbezogen und nur gemeinsam denkbar. Handeln wir vom Leben, so handeln wir vom Tod. Hier, denke ich, treffen sich Religion und Kunst – damit zurück zu Madeleine Dietz:
Aufträge kommen oft von Kirchen, für die sie beispielsweise Abschiedsräume gestaltet und auch in ihren Ausstellungen sind Religion und Kirche nie weit weg: etwa in der Städtischen Galerie im Prediger in Schwäbisch-Gmünd, wo der Ausstellungsraum ein ehemaliges Kirchenschiff ist, nimmt sie dieses Thema auf, in dem sie den Grundriss eines Schiffes auf dem Boden der Ausstellungshalle mit ihren typischen Mauern aus Erde nachzeichnet, besser: nachbaut.

“Einmal noch das Meer sehen”
Galerie im Prediger Schwäbisch Gmünd, 2001
30 x 1500 x 400 cm

Faszinierende, sinnlich gewaltige, präsente und raumdominierende Arbeiten. Woher wir kommen und wohin wir gehen, die Dialektik von Leben und Tod, solche Fragen werden hier anschaulich. Wie aber kann man Fragen anschaulich machen?

Wir sind, ich bemerke es, als ich die lyrischen Titel der Kunstkataloge lese, doch noch im Raum der Sprache.

Madeleine Dietz

“Über der Erde die Sonne“ heißt ihr neuester Katalog, den sie mir mitgibt nach einem Besuch in ihrem Pfälzer Haus, wo sie auf großem Grundstück viel Platz hat zum Lagern und Arbeiten. Oktogonaler Grundriss
25 x 550 x 550cm; DG für Christliche Kunst 2003

Eine ehemalige Scheune dient heute als Werkstatt zum Schweißen, weitere Gebäude sind Zwischenlager – zwischen Produktion und Ausstellung; Madeleine Dietz ist seit einigen Jahren sehr präsent und immer bei der Arbeit.

Resolut, klar und herzlich, erlebe ich Madeleine als eine Frau, die alles im Griff hat. Mit Energie und Willenskraft gestaltet sie gemeinsam mit ihrer Familie, die ihr sehr wichtig ist, ihr Leben.
Oktogonaler Grundriss
25 x 550 x 550cm; DG für Christliche Kunst 2003

“Einmal noch das Meer sehen“ ist der Titel eines Kataloges von 2001. Melacholisch oder sehnsüchtig mag dies klingen, nachdenklich, der eigenen Endlichkeit bewußt. Doch ist das Ziel nicht unerreichbar. Es liegt an uns, zu handeln, loszufahren.

Neun Felder ohne Namen
Licht – Boden – Installation
Elbe – Forum, Brunsbüttel 2003

Der englische Titel – im zweisprachigen – Katalog legt nahe, genauer zu überlegen: ”Looking at the sea once again“
Während wir beim deutschen Titel schnell (zu schnell?) an Tod denken, können wir den englischen Titel auch so lesen: Das Meer noch einmal sehen.

Zurück bei der Sprache, fallen mir natürlich einige dialektische Aussagen ein zum Thema Leben und Tod:

“Der Tod beginnt bei der Geburt; er dauert das ganze Leben.” (aus einem Film, Titel habe ich vergessen)
Oder, natürlich, von Franz Kafka (“Tagebücher“): “Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der Wunsch, zu sterben“ (Hervorhebungen von mir).

“Was oben war wird unten sein”
Nr. 4/ 2004; 20 x 70 x 70 cm

Eine Aussage, über es nicht zu streiten gilt: man hat das schon einmal erlebt, oder eben (noch) nicht. Wer es erlebt hat, erinnert sich vielleicht, daß in diesem Erkenntnis- oder Gefühlsmoment Herz und Geist sehr nahe beieinander sind.

Zusammenzubringen, was zusammengehört, also ALLES, ist auch die Aufgabe in Madeleines aktuellem Projekt “Side by Side“: über alle nationalen, religiösen und ethnischen Grenzen hinweg sollen hier Friedhofserden zusammengetragen werden.
“Wenn alle Erden zusammen sind, wird ein Pflanzfeld angelegt. Dieses kann als Symbol für den Weltfrieden gelesen werden“.(Rik Reinking, Hamburg 2003 aus dem Katalog “über der Erde die Sonne“.)

Apropos gefunden: „I still haven’t found what I’m looking for“ hieß es einst bei U2. Die meisten würden sagen: Ich habe (das), was ich suche, noch nicht gefunden.

Diptychon
Museum im Kulturspeicher Würzburg 2005; 200 x 200 x 10 cm

Wir könnten aber auch, inhaltlich viel schöner, übersetzen: Ich habe noch nicht gefunden, wonach ich suche.
Wer dann (nun im doppelten Sinne) doch findet, wonach er sucht – natürlich die Liebe – hat Frage und Antwort in einem. Das ist schöne Dialektik.
Um aus der Philosophiererei heraus und zu Madeleine zurück zu kommen:

Man lebt aus den Energien, die man verbraucht (*)

Jürgen Linde, im April 2005

persönliches Auftreten und nicht zuletzt die Titel ihrer Arbeiten als ausgesprochen lebensbejahend.

Schuber 2-teilig, 2003
100 x 100 (variabel) x 30 cm

Big (44 K) auf Klick

Gewohnt, die schwierigen Themen zu verdrängen, glauben wir, lieber vom Leben zu reden als über den Tod zu sprechen. Angesichts dieser Kunst zerfällt diese Illusion zu Erde: Madeleine Dietz weiß um die Dialektik dieser Begriffe und zeigt ebendies in ihrer Kunst: sie weiß um die Einheit von Geburt und Tod und Tod und Geburt; in diesem ewigen Kreislauf hat sie sich gefunden.