Hinkelstein: | Nr. 86 am 01.11.2026
Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,
Der schöne Titel unseres heutigen Beitrags, soviel vorweg, ist ein Zitat von Ulf Röller, dem Leiter des ZDF-Studios in Brüssel, der als einer der drei Teilnehmer des sehr empfehlenswerten Podcasts “Der Trump-Effekt“ in der neuesten Folge 79, den allgemeinen kulturellen Niedergang unserer freiheitlichen demokratischen Welt / Epoche in den Blick nimmt.
Musik zu diesem Text zu finden war erst schwierig, dann plötzlich ganz leicht: Verwirrung prägt unsere Modernen Zeiten, bizarre Szenen – nicht nur im römisch-dekadenten Washington: Jim Morrison hat das alles irgendwie schon geahnt: The Doors – Strange Days
Übrigens hieß der leider eher unbekannte, geniale Keyboarder, der mit seinem Fender Rhodes den Sound der Doors prägte, Ray Manzarek.
Wir vertiefen also unser Hinkelstein-Thema des letzten Hinkelsteins Nr. 85 über die Veränderung der Kommunikation in unserer digitalen, social-media-verseuchten modernen Gesellschaft. Wir alle beobachten die zunehmende Härte und Rücksichtslosigkeit in unserem Alltag, aber insbesondere auch in der Politik und Gesellschaft insgesamt. Auch die Wahlkämpfe, die gerade international geführt wurden (Serbien, Brasilien, Israel) und werden (die MidTerms in den USA am 03.11.) gehorchen offenbar anderen Regeln als denen, die wir bislang kannten:
Erinnern wir uns an die Machtübergabe im Weißen Haus in 2008/2009 von George W. Bush an Barack Obama, die – trotz der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise – völlig friedlich und nach unseren guten alten demokratischen Regeln verlief.
Inzwischen scheinen diese Regeln vergessen: eine allgemeine Polarisierung bei allen Konflikten und die Verteufelung des jeweiligen Gegners haben die gemeinsame demokratische Basis verdrängt.

Bild links: Stephanie Marie Roos u.a. | Kunstverein Villa Streccius in Landau | Vernissage: Fr, 11.12.2026; 19 Uhr: | Hot Space
Heutige Wahlkämpfe erfolgen stattdessen unter Einsatz aller verfügbaren Mittel – Desinformationen, Korruption, Hetzkampagnen und der Einsatz und auch schon die vorsorgliche Ankündigung juristischer Gegenmaßnahmen im Falle eines knappen gegnerischen Wahlsieges sind an der Tagesordnung: der Gegner ist nicht mehr Konkurrent im offenen Diskurs, sondern verkörpert eher das Böse schlechthin, zumindest aber den sicheren Untergang des Landes.
Beispieshaft für unsere (Internet-) Perspektive war der Präsidentschaftswahlkampf in Brasilien, bei der der “Online-Wahlkampf“ eine ständig wachsende, am Ende (nach der digitalen Aufholjagd von Lula da Silva) womöglich die entscheidende Rolle spielte:
Tjerk Brühwiller, Korresopondent der FAZ in Brasilien schrieb (“Zwei Brasiliens“; FASZ am 25.10.2026; S. 26) treffend zur aktuellen Präsidentschaftswahl ebendort zu einer Fernsehdebatte kurz vor der Wahl einen wichtigen Beitrag.
Da Brühwiller sehr genau treffend – quasi paradigmatisch – das Wesen auch anderer aktueller “politischer Diskussionen“ beschreibt, hier ein etwas ausführlicheres Zitat zum Wahlkampf zwischen Lula da Silva und Flávio Bolsonaro:
“Nachdem sich beide wochenlang aus der Ferne bekämpft hatten, standen sie sich erstmals direkt gegenüber. Das Resultat war grotesk: Zwei Stunden lang überzogen sie sich mit Anschuldigungen. Statt unentschlossene Wähler zu überzeugen, führten sie vor allem den Gegner vor.
Der Schlagabtausch war wie ein Echo der empörten Posts in den sozialen Medien. (…) Dort existieren längst zwei Brasiliens: Das eine verehrt Lula und verachtet Bolsonaro, das andere sieht in Bolsonaro einen Hoffnungsträger und in Lula den Inbegriff allen Übels“(…) Nicht Tatsachen entscheiden über Wahrheit und Lüge, sondern die Zugehörigkeit“.
Nicht zufällig bringt Brühwiller hier die Social-Media-Posts ins Spiel:
Nicht, dass wir behaupten wollten oder könnten, dass eben das Internet an allem Schuld sei.
Doch tatsächlich ist es wohl so, dass Internet und Social-Media eine wesentliche Rolle spielen bei der zunehmenden Verrohung der Sitten und der Polarisierung von Meinungen/ Weltbildern.
Schon oft hatten wir im Hinkelstein beschrieben, dass und wie die Algorithmen, die ja die Informationen, die wir im Internet erhalten, strukturieren und bestimmen, ebendiese Entwicklung vorantreiben. Inzwischen gibt es zahlreiche wissenschaftliche Studien, die dieses Phänomen untersuchen und beschreiben:
(Natürlich) per Google finden wir diese Zusammenfassung:
Algorithmen wirken vor allem deshalb polarisierend, weil ihr primäres Ziel die Maximierung der Verweildauer (Engagement) der Nutzer ist, und emotionale, extreme oder kontroverse Inhalte nachweislich die meiste Aufmerksamkeit erzeugen. Da Plattformen ihr Geld durch Werbung verdienen, belohnen Empfehlungssysteme Beiträge, die starke Reaktionen wie Wut, Empörung oder Angst auslösen, da diese Nutzer länger an den Bildschirm fesseln.(…)
Was hier auf die großen Internet-Plattformen selbst bezogen ist, bei denen diese sogenannte “Aufmerksamkeits-Ökonomie“ schlicht ein zentraler Teil des Geschäftsmodells ist (Verweildauer=Zeit, um die User mit Werbung zuzuschütten und um Bestellungen zu provozieren), gilt inzwischen für unsere gesamte Öffentlichkeit:
Mehrere Faktoren / Entwicklungen laufen zusammen zu unserer heutigen (Medien-) Wirklichkeit:
– die Globalisierung hat die über Jahrzehnte hinweg durch wachsenden Handel den globalen Wohlstand verbessert
– die von Natur aus grenzenlose Digitalisierung hat über die hinzukommenden Social Media auch die Kultur der Welt globalisiert – im Sinne einer umfassenden Popkultur; auch Politiker konkurrieren um die Zahl ihrer Follower, selbst Profi-Fußballer sind heute Popstars und nehmen ihre digitale Beliebtheit wohl manchmal wichtiger als die Trainingsleistung …Jürgen Klopp hat Handys beim Mittagessen im Trainingslager verboten!
In der Politik scheint dergleichen kaum mehr möglich zu sein.
Im heutigen Digital– Kapitalismus gibt es nur noch Null oder Eins.
Leider hat Ulf Röller recht: “Die zivilisatorischen Fäden reißen“.
Wir fühlen uns hier, als Künstler in unserem kleinen gallischen Dorf, der Kunst, zwar weiterhin sicher; doch wir nutzen aufmerksam das Privileg des kritischen Journalismus und vor allem auch der Kunst, diese Entwicklung mit der notwendigen Distanz zu sehen, um sie zu analysieren und, wenn möglich, reflektierend zu begreifen.
Immer öfter geraten dabei dialektische Gegenbewegungen in den Blick, Entwicklungen, die der – digital verstärkten Eindimensionalität des Menschen – entgegen laufen:
Hierzu zwei Beispiele aus Karlsruhe und Tübingen:
Von 12. – 14.11.2026 zeigt das ZKM Karlsruhe:
Un_Ctrl – das Festival for Convivial Technologies and Art at ZKM | Karlsruhe. Hier geht es eben um die Möglichkeit, auch modernste digitale Technologien nicht (nicht zuerst/alleine) im Sinne der Interessen der übermächtigen Tech-Giganten, sondern zum Nutzen der Allgemeinheit und zum Überleben des Planeten einzusetzen. Ein Ansatz, der sicher ganz im Sinne von Peter Weibel gewesen wäre.
Von diesen Convivial Technologies (ein Begriff, den der Soziologe und Philosoph Ivan Illich gegen Ende der 70er Jahre geprägt hatte) war auch schon mehrfach hier im Hinkelstein die Rede: statt die genauen Hinkelstein-Quellen mühsam zu suchen, frage ich Google und lese zu meiner Freude zusammenfassend:
Im „Hinkelstein“ (Kunst & Essays): Autoren und Künstler (wie im Kunstjournal Hinkelstein) übertragen diese Idee auf die heutige Zeit – beispielsweise als Kontrapunkt zur digitalen Überkomplexität oder zu künstlicher Intelligenz, indem sie analoge, handwerkliche oder gemeinschaftliche Kulturtechniken als eine Art „Überlebensstrategie“ und soziale Kunst begreifen.

Bild oben: ZKM Karlsruhe | 12. – 14.11.2026 | UN_CTRL – das Festival for Convivial Technologies and Art at ZKM
Mit Werken von © Roslana Yotova, SurrealLabor & Ief Spincemaille / Gestaltung: Manuel Bürger
Umfassender und grundlegender noch ist der kuratorische Ansatz von Dr. Nicole Fritz: und ihrer KunsthalleTübingen: In der Ausstellung Sensual Bodies – Körperselbstbilder im kommenden Jahr ( 20.03. – 29.08.2027) geht es, ganz vereinfacht gesagt, um die Rückkehr der Physis in unsere digital entkörperlichte Welt:
In einer von KI und Medien geprägten Welt ist der Körper erneut in den Fokus gerückt und das Bewusstsein für das authentische unmittelbar Erlebte gestiegen.
Auch aktuell wird in der Kunst im Lande wieder einiges geboten. Einen schönen Einblick dazu geben wie immer unsere aktuellen guten Nachrichten aus der Kunst – am Sonntag, dem 01.11.2026:
Neu am 01. November 2026: | Kunstausflüge mit Sigrid Balke | Das Centro Giacometti in Stampa / Gespräch mit Marco Giacometti: | Centro Giacometti – eine (Künstler-) Familie im Bergell
Neu am 01. November2026: | Künstler | Kunstvermittlerinnen-Porträt im Oktober 2026: | Stefanie Patruno, Direktorin des Kunstmuseums Karlsruhe: Neu: Beitrag über Stefanie Patruno auf YouTube: | Stefanie Patruno im Artima-Interview auf der art Karlsruhe 2026
Neu am 01. November 2026: | ZKM – Zentrum für Kunst und Medien | 12. – 14.11.2026 | Un_Ctrl – Festival for Convivial Technologies and Art at ZKM | Karlsruhe
Neu am 01. November2026: | Künstler | So, 13.12.2026; 15 Uhr | Paul Blau | im Palais Max Karlsruhe: | Texte und Chansons: | Lichtwärts
Neu am 01. November 2026: | Newsletter: Hinkelstein: Nr. 86 am 01.11.2026: | “… die zivilisatorischen Fäden reißen“
