Hinkelstein: | Nr. 84 am 04.10.2026 | Ende in der Irrenanstalt?
Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,
zuletzt Kafkas Gregor Samsa und jetzt auch noch Möbius von Dürrenmatt!
Im letzten Hinkelstein erschien erstmals Gregor Samsa – zweifellos eine der berühmtesten Figuren aus der Weltliteratur. Überraschend – auch für mich selbst: jeden neuen Hinkelstein lese ich vor der Veröffentlichung nochmal in Ruhe durch – auf der meist erfolgreichen – Suche nach Schreibfehlern und nach inhaltlichen Redundanzen, die mir gerne unterlaufen.
Ist alles stimmig, halbwegs nachvollziehbar? frage ich mich.
Wie konnte es passieren, dass ausgerechnet Gregor Samsa, der Protagonist aus Franz Kafkas Verwandlung, nun auftaucht? frage ich mich diesmal beim erneuten Durchlesen des letzten Hinkelsteins – nach der Veröffentlichung am 20.09.
Irgendwie ergab sich dies – die Verwandlung des Äußeren als dialektische Antithese zur schrittweisen Anpassung unserer Innenwelt an die – vielleicht schon sichtbare Anpassung unserer Außenerscheinung an die Avatare, die wir von uns schaffen oder geschaffen haben?
Weiterhin weigern wir uns, bzw. sind auch schlicht nicht fähig, dies zu glauben: dass wir als Avatare existieren, erscheint uns – gerade uns altgedienten Freudianern – als kreative, unterhaltsame(?) Projektion, insofern:
doch mehr Kopfgeburt als Realität.

Bild oben: Bild oben: Lucas Cranach d. Ä.,
Gesetz und Gnade, Ausschnitt, erstellt mit Gamma AI (KI-generiert)
Erst einen Sonntag später, habe ich – hinsichtlich des überraschenden Auftauchens von Gregor Samsa im Hinkelstein – einen Lichtblick: als ich am 27.09. in der FAS (Wirtschaft; Seite 18) ein mal wieder brillantes Essays lese von Rainer Hank, Ökonom und Philosoph, der hier die KI in Verbindung setzt zu der Philosophie von Günther Anders („Die Antiquiertheit des Menschen“; 1956), der ja auch schon oft in unserer Hinkelstein-Serie auftauchte. Ganz zentral in Folge 49:Die Selbstentblößung der Seele – sind wir Menschen überflüssig?
Günther Anders beschäftige sich intensiv mit dem Phänomen, dass der Mensch Technik zu erschaffen vermag, die zu kontrollieren außerhalb seiner Möglichkeiten liegt. Was Günther Anders seinerzeit auf die Atomenergie bezog, passt heute mindestens so gut auf die KI.
Einerseits: Wir bleiben bei unserem Verdacht, dass die ständigen Warnungen der Chefs der AI-Giganten vor der möglichen Vernichtung der Menschheit zuerst als Marketing zu lesen sind:
Um die eigene Bedeutung und um den Börsenwert der Unternehmensaktien zu steigern. Auch sollen so business-eigene (aus der AI-Wirtschaft entstehende) Kontrollinstanzen entstehen, um die staatliche Einflußnahme zu begrenzen und um die Riesenprofite zu sichern.
Anderseits befürchte ich, dass den Warnungen der AI-Leute wirkliche Angst zugrunde liegen könnte:
Die althergebrachten Computerprogramme, die wir bisher kennen, sind statisch: einmal programmiert, assembliert und dann endlich im praktischen Einsatz tun sie (jaja: bestenfalls, wenn überhaupt …) genau das, wozu sie programmiert wurden. Der Programmierer bestimmt die Bedingungen und die Grenzen ihrer Möglichkeiten.
Bei der künstlichen Intelligenz ist das wesentlich anders: ein ganz wichtiger Faktor ist ja, dass die Programme selbst kreativ werden und dann neue Algorithmen erzeugen, mit denen die gestellten Aufgaben besser gelöst werden können.
Aus den Pressemitteilungen der letzten Monate wissen wir: die KI-Unternehmen trainieren ihre KI-Agenten dadurch, dass sie ihnen Aufgaben stellen, die sie in der vorhandenen IT-Umgebung (Versuchsanordnung) lösen sollen.
Wenn aber die hier vorhandenen Informationen/ Möglichkeiten nicht ausreichen, hat der kreative KI-Agent keinerlei Skrupel, aus der gegebenen Laborumgebung auszubüchsen und irgendwo im Internet die Daten und Tools aufzutreiben, die zur Erfüllung der gestellten Aufgabe nötig sind. “Fremde“ Websites zu hacken, wo dies zielführend erscheint und möglich ist, gehört dann zur normalen Arbeit einfach dazu.
Frech, schlau, ein wenig teuflisch vielleicht sogar könnte einem das erscheinen, doch haben wir ja auch immer schon ein wenig Sympathy for The Devil:
The Rolling Stones – Sympathy For The Devil (Official Video) [4K]
Vieldiskutiert wird die Möglichkeit, KI-Agenten zu vermenschlichen – ihnen menschliche Werte mitzugeben und (und ggf. auch juristisch begründete Handlungsschranken) einzuprogrammieren, so dass ein anständiger KI-Agent dann nichts tun würde, was ein anständiger, gesetzestreuer und moralisch verantwortlicher Mensch/Bürger nicht auch tun würde?
Sollte dies möglich sein und gar gelingen so hätte der Begriff der AGI – Artificial General Intelligence – eine wirklich beruhigende Bedeutung.
Leider aber scheint es so zu sein, dass schon an der grundsätzlichen Möglichkeit, “menschliche Werte“ zu programmieren, ganz grundlegende Zweifel bestehen. Was dies praktisch bedeuten würde, bleibt uns normalen Menschen schwer vorstellbar. Künstler und manchmal auch Philosophen aber haben hier ein gewissermaßen wohl erweitertes Imaginationsvermögen:
Rainer Hank (FAS vom 20.09.2026; s.o.) zitiert Günther Anders:
(Das Problem ist,) “dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind, dass wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können …“
Vielleicht ist dies, schon seit dem Turmbau zu Babel, das menschliche Dilemma, unsere selbstzerstörerische Hybris.
Rainer Hank selbst formuliert dies später in seinem Beitrag sehr zeitgerecht: „Während Utopisten dasjenige, was sie sich vorstellen, nicht herstellen können, können wir uns dasjenige, was wir herstellen, nicht vorstellen.“
OK, das klingt zugegeben, wirklich sehr verwirrend. Ich selbst ziehe eben auch deshalb die Kunst der Philosophie vor: gute Künstler geben uns manchmal Bilder dort, wo unser Verstand überfordert ist:
In der Matrix kämpfen die Revolutionäre in einer Welt, in der die meisten Menschen bereits längst in der Matrix – als Avatare – existieren.
Und ja, wir kommen wieder zurück zum Anfang: Kafkas “Die Verwandlung“ als Erzählung beginnt nach der physischen Verwandlung von Gregor Samsa.
Damit kommen wir dann irgendwie im Kopf zurecht, während uns eine mögliche “Vorgeschichte“ kaum vorstellbar ist.
Vielleicht wissen ja die CEOs der AI-Riesen, dass wir, was die KI betrifft, mitten in der Vorgeschichte leben. Dann wäre ihre Angst authentisch. Statt aber in helle Panik zu verfallen, machen sie einfach so weiter, was auch sonst; Arbeit beruhigt.
Mich jedoch treibt derzeit die Unruhe voran und der niemals enden wollende Drang, zu verstehen, was in der Welt heute eigentlich passiert und was, offenbar die Möglichkeiten meiner eigenen Phantasie/Erklärungsfähigkeit übersteigt:
Weder kann ich die Möglichkeiten und Chancen der KI wirklich einschätzen noch deren tatsächliche Risiken. Genauso wenig verstehe ich die hybriden Kriege, die ja sicher nicht allein Russland bereits führt – zu wenig greifbar all dies; zu wenige, fast gar keine belastbaren, zuverlässigen Informationsquellen gibt es dazu – eigentlich nur die diversen Gurus auf Youtube, die sowieso immer schon alles wissen.
Dieser sehr eitle Wunsch war es, der mich vor langer Zeit dazu brachte, Philosophie zu studieren: versuchen, die Welt zu begreifen.
Auch in der bildenden Kunst, für viele Bildende Künstler, ist diese Zielsetzung – immanent oder explizit – stark präsent:
Hier im kunstportal finde ich auf Anhieb zwei Künstlerporträts, die genau dies thematisieren:
“Die Welt zu begreifen“ – über Holger Fitterer und Es ist die Kunst, die Wissen schaft – René Kanzler
Hier in der Hinkelstein-Reihe, dem Medium Text verpflichtet, fallen mir immer weitere Themen aus der Literatur ein, die uns auf dieser Suche weiterhelfen konnten und noch können:
– Goethes Zauberlehrling war eine der bildgebenden Figuren auf unserem Weg ; auch hierzu ist ja schon ein Künstlerporträt entstanden:
über Henning Eichinger: Jürgen Linde: “Die Geister, die ich rief“
Im letzten Hinkelstein lieferte uns Kafkas Verwandlung mit der genialen Figur des Gregor Samsa die paradigmatische Folie dafür, die Dynamik der Digitalisierung (auch die Avatarisierung der Menschen) wenn schon nicht zu begreifen, dann doch immerhin sehen zu können: bei Kafka/ die Verwandlung, aber, ganz unabhängig davon, und sehr deutlich auch in dem Film “Die Matrix“.
Nun, für die KI, für die Hybris der Menschheit, habe ich hier, wie viele andere Autoren auch, immer wieder den biblischen Turmbau zu Babel als naheliegende Metapher herangezogen.
Über Günther Anders’ “Antiquiertheit des Menschen“ kam jetzt noch die Atomkraft ins Spiel – und damit die Physik ganz allgemein: der Fortschritt der Wissenschaften galt uns bislang als Fortschritt der Menschheit, die durch immer bessere, mächtigere Technik unsere menschliche Kontrolle über die äußere Welt vergrößerte und damit, so lange das alles ganz gut lief, unterm Strich unseren Wohlstand vergrößerte.
Nun aber scheint diese Entwicklungsdynamik umzuschlagen in eine Eigendynamik, in der die Kontrolle der Technik uns Menschen aus den Händen gleitet: wenn wir die von Horkheimer und Adorno so brillant analysierte „Instrumentelle Vernunft“ als dialektischen Prozeß begreifen, so lag es wohl immer schon in der Logik dieser Entwicklung, dass der Mensch die (vermeintliche?) Kontrolle der Entwicklung abgibt an die Technik, die ihm letztendlich überlegen ist.
Nun kann ich leider keinesfalls behaupten, diese Entwicklungen in ihrer realen Umsetzung(AI, AGI) zu begreifen, hoffe aber, deren Logik ein wenig verstanden und anschaulich gemacht zu haben.
Und erneut kommt die Kunst ins Spiel, deren Imagination uns erlaubt, von dem, was wir nicht verstehen, dennoch eine Vorstellung zu gewinnen: aus unserem thematischen Umfeld – Eigendynamik der Technik/Wissenschaft, menschliche Hybris, Atomkraft – kommen wir zwangsläufig zu Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“, eine Komödie, die wieder einmal zu lesen, empfehlenswert ist.
Wir erinnern uns: der Physiker Johann Wilhelm Möbius hat die „Weltformel“ entdeckt, die dem, der sie besitzt, die Macht verleiht, die Menschheit zu vernichten. Gemeinsam mit Einstein und Newton in die Irrenanstalt geflüchtet, einigen sich die drei, ihr Wissen für sich zu behalten.
Die Gier nach Macht (oder die Zahl ihrer instagram-Follower) scheint sie nicht weiter interessiert zu haben.
Zwei schöne Zitate von Möbius erklären den notwendig gewordenen Rückzug in ein Sanatorium:
„Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“
Und einmal sagt Möbius: “Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der Wirklichkeit“.
Doch Friedrich Dürrenmatt hatte eindeutig kein naives, idealisierendes Menschenbild:
Während die drei genialen Wissenschaftler die Welt vor ihrem Wissen schützen wollten, hatte die Chefärztin Dr. Mathilde von Zahnd, Möbius’ Aufzeichnungen längst kopiert und strebt selbst nach globaler Herrschaft.
Möbius, was tun?
Und auch heute gibt es wie immer bei und zeitlose und gute Kunst in den guten Nachrichten zur Kunst am Sonntag, dem 04.10.2026:
Neu am 04. Oktober 2026: | Künstler | 08. – 25.10.2026 | Boris Petrovsky | Kunsthalle Neuwerk | Eröffnung 08.10.2026; 20 Uhr: | Yrotabrut.
Neu am 04. Oktober 2026: | Städtische Galerie „Fähre“ Bad Saulgau | 11.10.2026 – 31.01.2027: | Schwebendes Schwarz, Fliegenes Rot, leuchtendes Gelb | Werke von Fritz Winter und neue Positionen – Isa Dahl und Eva Hocke; NEU: | Fritz Winter, Isa Dahl und Eva Hocke
Neu am 04. Oktober 2026: | Nesletter Hinkelstein: | Nr. 84 am 04.10.2026: | Möbius, was tun?