2031 – über Boris Petrovsky

Boris Petrovsky ist der derzeit wohl präsenteste Künstler im deutschen Südwesten. Mit seiner großen Installation “You&Me-isms Part 2” hat er das Foyer des Karlsruher ZKM neu gestaltet, parallel und auch verbunden mit der Schau im ZKM läuft seine Ausstellung “Katzengold“ in der Stuttgarter Galerie ABTART.

Boris Petrovsky im kunstportal-bw
Wünschelmatrix “You&Me-isms Part 2” im Foyer des ZKM Karlsruhe. Im Vordergrund: Boris Petrovsky an der “Buzztatur | © Foto: ZKM, Boris Petrovsky | © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020; Foto: ONUK

Wünschelmatrix “You&Me-isms Part 2” im Foyer des ZKM Karlsruhe. Im Vordergrund: Boris Petrovsky an der “Buzztatur | © Foto: ZKM, Boris Petrovsky | Foto: ONUK

Ein Auszug aus dem Pressetext des ZKM veranschaulicht, wie hochkomplex die Kunst Petrovskys ist:
“You&Me-isms Part 2” ist eine Installation und ein künstlerisch-experimentelles Mediensystem im Zeitalter hochtechnisierter Kommunikationsmaschinen. Die Installation, bestehend aus 600 Leuchtzeichen, erscheint als eine Art Cyberpunk-Kommunikationsmaschine mit Eigenheiten. Über ein Eingabeterminal im Foyer haben die BesucherInnen die Möglichkeit ihre Textbotschaften mit bis zu 60 Zeichen einzugeben. Über ein Computerprogramm gesteuert, wird die Botschaft als ein Aufleuchten der Werbeleuchtzeichen abgespielt – Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort. Die Botschaften können Mitteilungen, Nachrichten, Kurzprosa, Aphorismen, Wünsche, Fragen sein.

Wir haben uns daran gewöhnt, das aktive Eingreifen des Besuchers, eine Möglichkeit, die hier übrigens sehr stark wahrgenommen wird, unter den Begriff “Interaktivität“ einzuordnen.
Wer Boris Petrovkys Kunst erlebt oder besser noch, den Künstler selbst seine Arbeit erklären hört, stellt fest, dass wir mit gängigen Begriffsschubladen (etwa: Interaktivität, Medienkunst, Installation, Konzeptkunst) diese Arbeit umschreiben, aber noch längst nicht erklären können.

Boris Petrovsky im kunstportal-bw
Wünschelmatrix “You&Me-isms Part 2” im Foyer des ZKM Karlsruhe. Im Vordergrund: Boris Petrovsky an der “Buzztatur | © Foto: ZKM / Foto: ONUK, © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Beim Pressetermin zur Eröffnung seiner ZKM-Präsentation habe ich Gelegenheit, mit dem Künstler zu sprechen. Schnell wird klar, dass es ihm – bei seiner ja durchaus spielerisch anmutenden – Installation um wichtige inhaltliche Dinge geht: um Sprache, Macht und Gesellschaft, um unser heutiges Leben in einer von Medien dominierten Welt.

Wieder nur eine Aneinanderreihung von Begriffen? Nein, wir wollen konkret werden: Die Buchstaben und Wortteile innerhalb der 4 Tonnen schweren Wandinstallation sind leicht zu erkennen als Werbeschriften, als Teile von Logos und Markennamen, Schriften, die wir alle schon mal gesehen haben und teilweise auch sofort wieder erkennen.

Für Boris Petrovsky ist diese als Werbung allgegenwärtige Verwendung der Sprache Ausdruck der Vereinnahmung der Sprache durch die Wirtschaft. Petrovskys Installation bietet die Möglichkeit, die Sprache quasi zurückzuholen in unsere eigene Welt; eine Art Rückgewinnung eines autonomen Umgangs mit der Sprache, die uns, so scheint es Petrovsky zu sehen, weggenommen wurde.

Boris Petrovsky im kunstportal-bw
ZKM-Chef Peter Weibel, Boris Petrovsky, Klaus Fabbricius (Galerie AbtArt) auf der art Karlsruhe | © Foto: Nina Martens

ZKM-Chef Peter Weibel, Boris Petrovsky, Klaus Fabbricius (Galerie AbtArt) auf der art Karlsruhe | © Foto: Nina Martens

Boris Petrovsky ist auch Philosoph und so kommen wir schnell zu sprechen auf Max Horkheimers “Kritik der instrumentellen Vernunft“ und seine Überlegungen zum Verhältnis von Sprache und Macht.

Hierzu ein Beitrag von Boris Petrovsky selbst: “In meinen Arbeiten geht es also auch um den Zusammenhang zwischen Sprechen und Handeln – wenn Worte “manifest“ werden, sich in der Realität zu Realität “manifestieren“ – meist wortwörtlich in meinen Arbeiten: Zeichen und Worte werden zu doppelten Objekten: die des Künstlers und die des Besuchers als ‘User‘, wenn sie in diesem Sinne “performativ“ handeln: “performativ“ – als Begriff der Sprechakttheorie: »How to make things with words« (John Langshaw Austin). Das performative Handeln äußert sich bei meinen Arbeiten im Wortsinne in den Modi “Einschreiben“, “Zuschreiben“, “Überschreiben“ und “Umschreiben“ von Zeichen bzw. das Material der Zeichen als das Material der Kunst.

Das betrifft die Kunst der Moderne / die zeitgenössische Kunst nicht nur äußerlich an der Hülle, sondern ist gewissermaßen einer ihrer zentralsten, inneren Algorithmen, die wiederum Bezugssysteme für Sprache, Zeichen und Wirklichkeit überhaupt darstellen.

Die Besucher als ‘User‘ interagieren mit dem Material der Installationen wortsprachlich und sind (Mit)verantwortlich für ihr tun und somit auch die Interpretation ihres Tuns, ihren Akt der Handlung und die Interpretation dessen. Eine paradoxe Situation von Davor-stehen und Integriert-sein für die Besucher provoziert zur Selbst- und Fremdbeobachtung sowie zu der Beobachtung des Mediums.

Boris Petrovsky, 2013

“The Army of Luck”, or: “The Global Pursuit of Happiness”.
© Foto: Boris Petrovsky
Diese Kunst ist also sehr politisch, wirkt aber niemals belehrend, sondern ganz im Gegenteil, eben eher spielerisch: Wir schauen zu, wie andere die “Buzztatur“ der Wünschelmatrix bedienen oder tippen selbst etwas ein, wobei man recht robust zugreifen muss. Die Reflexion dieses Tuns ergibt sich dann eher unterschwellig – in einem zweiten Gespräch in der Galerie ABTART bezeichnet Petrovsky dieses Phänomen als “psychohaptische Sensation“.

Zeitgleich zur Schau im ZKM präsentiert Petrovsky hier eine Installation aus 520 Winkekatzen, die über eine elektronische Steuerung die Arme heben können. Alle gleichzeitig oder, über vom Besucher einzugebende Parameter, auf ballettähnliche Weise in verschiedenen Mustern. Unweigerlich stellt sich hier die Assoziationskette ein: Gleichschaltung, Faschismus, Hitlergruß, Krieg. Nicht zufällig spricht der Künstler von der “Army of Luck” – die freundlich schauenden Katzen wirken durchaus bedrohlich.

Wir finden in Boris Petrovsky einen Künstler, der sich auf künstlerisch hochaktuelle Weise mit unserer Mediengesellschaft befasst. Er visualisiert und zeigt uns totalitäre Potentiale, die in unserer gleichgeschalteten Medien- und Konsumgesellschaft be/entstehen und die wir kaum bemerken:
“Es scheint, dass heute die Antworten auf alle möglichen, erdenklichen Fragen und Wünsche instantan und omnipräsent bereit stehen, noch bevor wir wissen, was wir wissen wollen, noch bevor wir fragen, was wir fragen wollen und bevor sagen können, was wir dazu sagen wollen. Und sie scheinen uns oft das zu sagen, was wir hören wollen, obwohl wir es noch nicht einmal wissen, dass wir es hören wollen.“
(Boris Petrovsky in seinem Katalog “Arbeiten 2005- 2013“)
Gespannt auf die nächsten Projekte von Boris Petrovsky empfehlen wir dringend: Achten Sie auf diesen Künstler. Und inspiriert von George Orwells 1948 geschriebenem Roman “1984“ (er hat den Text 1948 geschrieben und einfach die Jahreszahl “umgedreht”) nenne ich dieses Künstlerporträt im Jahr 2013:

2031 – über Boris Petrovsky
Jürgen Linde im April 2013